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Pep Guardiola (r.) trainiert seit 2013 den FC Bayern

München - Bayern-Trainer Pep Guardiola agiert beim Sieg über ManCity leidenschaftlich wie selten. Ein riskanter Plan beschäftigt ihn.

Vom FC Bayern berichten Mathias Frohnapfel, Martin Volkmar und Christian Ortlepp

München - Ein Käfig aus weißen Strichen sollte Pep Guardiola einsperren. Irgendwie das Temperament an diesem Mittwochabend bremsen. Theoretisch zumindest.

Doch der Trainer des FC Bayern scherte sich so wenig um die Coaching-Zone wie ein Autofahrer während der Rush Hour in Barcelona um eine rote Ampel. Ständig marschierte er beim 1:0-Sieg über Manchester City aus diesem Rechteck heraus. Schimpfend, brüllend, gestikulierend.

Einmal lief er gar fast einen Meter aufs Feld. Ein Zeichen höchster Anspannung.

"Die Champions League, das sind die Ballnächte für ihn. Wenn er dann den Frack an hat, will er natürlich gewinnen", erklärte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge nach dem Spiel auf SPORT1-Nachfrage Guardiolas Gefühlswallungen.

Aber es gab an diesem Abend auch spezielle Gründe dafür.

Guardiola war mit einem riskanten Plan in das Spiel gegangen: Mehdi Benatia und Rafinha waren neu im Team. Eine Niederlage und man hätte mit dem Finger gezeigt auf zwei allem Anschein nicht komplett fitte Spieler, die Guardiola ohne Not gebracht hatte.

Dante hätte ja zur Verfügung gestanden. Und Philipp Lahm hätte auch in der Viererkette statt im Mittelfeld spielen können.

(Mehr zum Thema FC Bayern, Do. ab 18.30 Uhr bei Bundesliga Aktuell im TV auf SPORT1)

Stattdessen lief Benatia auf und Rafinha, zuvor vier Monate ohne Pflichtspieleinsatz. Als uneingespieltes Duo auf der rechten Seite. Und das gegen den englischen Meister, die Kraftfußballer von der Rowsley Street.

Ob das nicht gefährlich gewesen sei? Matthias Sammer wiegte den Kopf, dann antwortete der Sportvorstand ehrlich: "Ja, ja, ein bisschen schon." Letztlich hätten die beiden aber ihren Job erledigt, also alles gut.

Guardiola machte gleichfalls seine Arbeit. Gewissenhaft und immer wieder von der Angst angetrieben, er könnte in der Vorbereitung ein Detail übersehen oder falsch eingeschätzt haben. Deshalb änderte er nach 26 Minuten sein Konzept auch von Dreier- auf Viererkette.

"Wir haben einen Trainer, der das Spiel sehr gut liest. Er hat das Gefühl, er ist mittendrin, er weiß, was der Mannschaft gut tut, deshalb hat er umgestellt", erklärte Sammer.

Und der Coach selbst gab zu: "Wir konnten nicht dominieren, hatte viele Probleme, daher habe ich gewechselt."

Es war nicht das erste Mal in dieser Saison, dass er während des Spiels das System umstellte, die Sicherheit in der Defensive erhöht das nicht. Der Perfektionist aus Katalonien weiß das und nimmt es in Kauf. Welches System Bayern letztlich spielen wird, wird er weiter pragmatisch entscheiden.

Am Mittwochabend - gut eine halbe Stunde nach Spielende - hatte sich der Vulkan Guardiola etwas beruhigt, nachdem er zuvor geradezu inbrünstig mit Jerome Boateng den Siegtreffer gefeiert hatte. Torjubel fast in Ekstase - sonst eine Seltenheit bei Chefanalytiker Guardiola.

Seine Spieler hatten ihn verzückt, nicht mit grandiosem Fußball, sondern einer Qualität, die ihm mindestens genauso wichtig ist: leidenschaftlichem Kampf. "Die Mannschaft hat mit großem, großem Herzen gespielt", berichtete er.

So klang Boatengs Tor bei SPORT1.fm

Womöglich ist der FC Bayern mit diesem Glanzkader zu ganz großen Dingen fähig. Heldentaten eben. Womöglich könnten sich die Münchner aber auch im Moment alles verbauen, da Guardiola oberster Mangelverwalter ist.

Es ist daher mehr wie ein frommer Wunsch, wenn er sagt: "Ich hoffe, alle verletzten Spieler kommen schnell zurück."

Bis dahin muss er Risiken gegeneinander abwägen: Wie viele Minuten kann Arjen Robben nach seiner Verletzung schon spielen? Wie weit ist Rafinha?

Immerhin: Sein ausgemachter Lieblingsspieler Thiago absolvierte am Dienstag zumindest das Aufwärmtraining im Mannschaftskreis. Guardiola hat es indes geschafft, seine Truppe mental auf die Ansprüche des Saisonstarts einzustellen.

"Bis zur Winterpause", kündigt er vor einer Weile an, "werden wir ein bisschen Probleme haben".

Im Moment steht beim FCB der Erfolgsanspruch über allem anderen - System, Ballbesitz und auch ästhetischen Ansprüchen.

"Wir müssen noch warten, bis wir zu unserem Spiel zurückkehren", erkannte folgerichtig Keeper Manuel Neuer und erinnerte: "Wir haben vernünftige Ergebnisse erzielt, bis auf das 1:1 gegen Schalke läuft alles nach Plan."

Diese Ergebnisse sorgen nebenbei auch für etwas Ruhe im Klub und beim Trainer.

Ein Wohlfühlbereich wird die Coaching Zone für Guardiola erstmal dennoch nicht werden.

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