München und London - Jens Keller stand mit dem FC Schalke beim FC Chelsea mit dem Rücken zur Wand. Enmal mehr kommt sein Team überraschend zurück.

Vom FC Schalke 04 berichten Andreas Reiners und Bernd Felden

Als es darauf ankam, griff Jens Keller tief in die Trickkiste.

Der Trainer des FC Schalke 04 zeigte seiner Mannschaft ein Motivationsvideo. Wieder einmal. Der Inhalt? Streng geheim. Die Wirkung? Wieder einmal durchschlagend.

Schalke kämpfte. Schalke biss. Schalke spielte. Überzeugte. Lieferte. Wieder einmal genau dann, wenn eigentlich niemand damit gerechnet hat.

Bleibt die große Frage: Warum ist das so? Warum zeigt die Mannschaft immer erst dann Charakter, wenn es schon fast zu spät ist?

Denn dass S04 immer genau dann die Kurve bekommt, wenn Keller mit dem Rücken zur Wand steht, zieht sich wie ein roter Faden durch die Amtszeit des 43-Jährigen.

Nicht alles erklärbar

"Es lässt sich nicht immer alles erklären, im Positiven wie im Negativen. Wir haben es in der Kürze der Zeit geschafft, die schlechten Ergebnisse davor wie gegen Gladbach auszublenden. Die Spieler haben es grandios gemacht", sagte Manager Horst Heldt.

Und gab zu, dass auch er der Mannschaft die Frage schon öfter gestellt habe. Eine Antwort habe er bis heute nicht bekommen.

Das 1:1 zum Auftakt der Champions-League-Gruppenphase beim FC Chelsea war im Grunde eine Antwort. Das Remis beim mit Weltstars gespickten Angstgegner mag überraschend gewesen sein. Vor allem aber war es verdient. Neun Spieler fehlten Keller, darunter fünf Verteidiger. Auch das zieht sich wie ein roter Faden durch das Jahr.

Eine Art Trotzreaktion

Doch Schalke spielt offenbar immer dann am besten, wenn es fast schon zu spät ist. Wenn sowieso jeder damit rechnet, dass es wieder was auf die Mütze gibt.

Gegen Chelsea war dann auch deutlich zu sehen, wie mit jeder Minute das Selbstvertrauen wuchs. Die Defensive stand, das Mittelfeld arbeitete und die Offensive überzeugte. 

"Das war eine Art Trotzreaktion. Die Vorzeichen standen denkbar schlecht. Wir haben gesagt, wenn wir hier unter die Räder kommen, ist es auch der Personalsituation geschuldet", sagte Julian Draxler, der den Ausgleich durch Klaas-Jan Huntelaar vorbereitet hatte. "Deshalb haben wir vielleicht ein bisschen lockerer aufgespielt."

Huntelaar gab im Anschluss den Mahner. Denn es sei längst nicht alles gut gewesen. "Wir dürfen nicht abwarten und schauen, sondern wir müssen selbst das Lenkrad in die Hand nehmen. Dann gewinnen wir auch die Spiele. Wenn wir nicht die Initiative ergreifen, dann passiert auch nichts", so Huntelaar.

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"Jeder hat sich reingehauen"

Trotzdem überwog natürlich das Positive. "Wir haben gezeigt, dass wir eine Mannschaft sind. Aber das müssen wir jede Woche bestätigen", sagte Max Meyer.

Und dann war da noch Kevin-Prince Boateng. Der Leader stand in London stellvertretend für die Schalker Wiederauferstehung.

Der Mittelfeldmotor war zuletzt arg ins Stocken geraten. Stand in der Kritik. Doch Boateng rannte. Kämpfte. Schmiss sich in jeden Zweikampf. Führte das Rumpfteam an. Und biss auf die Zähne.

Denn nach 20 Minuten hatte er einen Schlag auf den Knöchel bekommen. Eigentlich ging nichts mehr. Eigentlich. Doch dann kam wieder Keller.

Keller fleht Boateng an

"In der Kabine hat er gesagt, dass er unglaubliche Schmerzen hat. Da habe ich ihn angefleht, dass er weitermacht. Denn wenn er funktioniert, dann läuft es auch bei uns besser", erzählte Keller, der bereits in der Vergangenheit die Mannschaft mit Motivationsvideos beispielsweise von Leichtathletik-Superstar Usain Bolt gepusht hatte.

"Boateng hat mit Dennis Aogo alles gegeben und enorme Präsenz gezeigt ? das, was von ihm erwartet wurde, hat er geliefert", so Heldt.

Wie viel Genugtuung ist denn dabei, nachdem der Klub, aber vor allem auch der Trainer, nach dem verpatzten Saisonstart mit dem 1:4 in Gladbach am vergangenen Wochenende als negativem Höhepunkt wieder im Kreuzfeuer der Kritik standen?

Nicht den Kopf verlieren

"Es geht nicht um Genugtuung, sondern darum, nicht den Kopf zu verlieren. Es ist auch nicht einfach für die Fans, es ist schön, dass sie sich nun auch ein bisschen als Sieger fühlen dürfen", sagte Heldt.

Nun gilt es, den Aufwärtstrend in der Liga am Samstag gegen Eintracht Frankfurt zu bestätigen. Ist Chelsea der Wendepunkt?

"Das wird sich zeigen. Wenn wir verlieren, sind wir immer die schlechtesten der Welt. Wenn wir gewinnen oder gut spielen, werden wir direkt gelobt. Man muss auch ein Mittelmaß finden. In der Bundesliga haben wir noch einiges aufzuholen", sagte Draxler.

Denn 1:1 in London hin oder her ? Schalke ist nach fünf Pflichtspielen immer noch ohne Sieg. Chelsea war also ein erster Schritt, mehr nicht.

Zur Not gibt es auf Schalke aber auch noch Motivationsvideos.

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