Schalke ist eine Wundertüte. Gegen Maribor enttäuscht S04 erneut. Während viele Spieler schwiegen, spricht Dennis Aogo Klartext.

Aus Gelsenkirchen berichtet Andreas Reiners

Gelsenkirchen - Roman Neustädter schüttelte nur den Kopf. Er wollte nichts sagen. Eric-Maxim Choupo-Moting hatte sich die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und zog kommentarlos von dannen.

Kevin-Prince Boateng flüchtete durch den Seitenausgang. Da war Manager Horst Heldt schon lange weg.

Die tiefe Enttäuschung beim FC Schalke 04 war greifbar. Allgegenwärtig. Mal wieder, muss man schon sagen. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt wechseln sich in Gelsenkirchen in immer kürzeren Stafetten ab. (

Unter eine gehörige Portion Enttäuschung und Ernüchterung mischte sich schließlich auch Trotz. Und Wut. 

Klartext von Aogo

Denn Dennis Aogo sprach nach dem mageren 1:1 am zweiten Spieltag der Champions League gegen NK Maribor Klartext. Und der Mittelfeldmann redete sich förmlich in Rage. 

Er wehrte sich. Gegen angeblich zu hohe Erwartungen. Und die damit verbundene Kritik, die auf Schalke traditionell nun wieder Einzug hält.

Wenige Tage nach dem rauschenden Derbysieg gegen Borussia Dortmund war der Alltag eingekehrt. Er holte die meisten Schalker brutal aus den königsblauen Träumen. Und das viel schneller als gedacht.

"Haben nicht versagt"

"Wie das teilweise dargestellt wird nach dem Spiel finde ich respektlos meinen Teamkollegen gegenüber. Ich finde nicht, dass man hier wieder stehen und davon reden muss, dass wir versagt haben. Dieses 'schlecht machen', das hier teilweise wieder passiert - damit bin ich nicht einverstanden", sagte Aogo.

Und er legte nach: "Ich weiß nicht, mit welchen Erwartungen ein Großteil ins Stadion gekommen ist. Das ist Champions League, da ist es nicht selbstverständlich, dass man einen Gegner mit 5:0 aus dem Stadion schießt. Wir liegen so oft im Rückstand und kommen so oft zurück, das kann man auch positiv bewerten", so Aogo.

Natürlich ist auch das eine Qualität. Die man auch positiv bewerten kann. Die Schalke allerdings auch gar nicht erst abrufen müsste, wenn man nicht dauernd in Rückstand geraten würde.

Enormer Kräfteverschleiß

Woran das liegt? Das ist wohl die Grundsatzfrage auf Schalke in dieser Saison, die schon jetzt Höhen und Tiefen im Stakkato-Stil vorweisen kann. Auf eine Mini-Krise folgt ein Befreiungsschlag, der vom nächsten Rückschlag abgelöst wird. Meistens mit Ansage.

Und im Wochentakt. Scheint S04 endlich den gewünschten Weg gefunden zu haben, steuert man zielstrebig in die nächste Sackgasse.

Nach dem Rückschlag gegen die Slowenen erklärten die Schalker den teilweise blutleeren und uninspirierten Auftritt gegen einen international höchstens zweitklassigen Gegner in erster Linie mit dem Kräfteverschleiß der zurückliegenden englischen Wochen verbunden mit den Verletzungsproblemen. Und dem Gegentor.

Schalke ohne Rezept

Denn danach verlor Schalke teilweise völlig den Faden, fand lange kein Rezept mehr gegen einen diszipliniert verteidigenden Gegner.

"Am Schluss hat man einfach gemerkt, dass einige Spieler auf dem Zahnfleisch gehen", sagte Trainer Jens Keller. "Ich kann mir vorstellen, dass nach 15, 20 Minuten Druck machen in der Anfangsphase bei dem einen oder anderen 'ein Stück zurück' angesagt war", bestätigte Julian Draxler.

Und auch Max Meyer sprach von fehlender Frische.

Kein Alibi von Huntelaar

Keine Frage, die Verletztenmisere ist offensichtlich. Auch neun Pflichtspiele in knapp sechs Wochen hinterlassen ihre Spuren. Doch mit den Leistungen beim FC Chelsea (1:1) und zuletzt gegen den BVB (2:1) widerlegen die Schalker sich teilweise selbst. 

Klaas-Jan Huntelaar wollte von derlei Ausreden dann auch nichts hören. Der Niederländer sprach die Missstände offen an.

"Wir haben einfach zu wenig gemacht. Wir waren zu leichtsinnig. Normalerweise muss man so einen Gegner wegspielen, von links nach rechts, schnell, mit Flanken. Es war aber alles zu langsam. Darum haben wir nicht gewonnen", so Huntelaar, der mit seinem Treffer die Schalker vor der ganz großen Blamage bewahrt hatte.

Nur gegen die Großen glänzen

Schalke kann im Moment offenbar tatsächlich nur gegen die Großen glänzen. Wenn der ganz große Druck fehlt. Und das Spiel nicht gemacht werden muss. Das ließ zumindest Keller durchblicken.

"Uns liegt es im Moment mehr, aus einem kompakten Defensivverbund zu spielen. Maribor hat extrem tief gestanden. Da ist es unheimlich schwer, sich viele Torchancen herauszuspielen, wenn du das Spiel machen musst", sagte Trainer Jens Keller.

Das stimmt sogar. Allerdings hatte Keller einen Tag vor dem Spiel noch explizit auf diese "Stärke" des Gegners hingewiesen.

Hatte die Favoritenrolle ausdrücklich angenommen. Und wollte seine Mannschaft genau darauf einstellen. Offenbar ist ihm das nicht wirklich gelungen.

"Die Punkte woanders holen"

Deshalb überwog am Ende der Trotz. Auch weil der FC Chelsea seiner Favoritenrolle gerecht wurde und bei Sporting Lissabon 1:0 gewann. Um Platz zwei streiten sich somit wohl Schalke, Maribor (beide zwei Punkte) und die Portugiesen (ein Punkt).

"Wir nehmen das 1:1 so mit. Die drei Punkte waren eingeplant. Aber jetzt müssen wir die Punkte eben woanders holen", sagte Draxler.

Vier Chancen gibt es noch. Am besten fängt Schalke schon in nächsten Heimspiel gegen Lissabon damit an.

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