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Hakan Calhanoglu (mit der Rückennummer 10) wechselte im Sommer vom Hamburger SV zu Bayer Leverkusen. ZUM DURCHKLICKEN: Die Bilder des Spieltags

Leverkusen - Bayer Leverkusen trotzt beim Arbeitssieg gegen St. Petersburg dem Wirbel um Sponsorengelder und dem Trubel um Hakan Calhanoglu.

Aus Leverkusen berichtet Andreas Reiners

Hakan Calhanoglu hatte es eilig.

Der 20-Jährige stapfte schnellen Schrittes durch die Mixed Zone der Leverkusener Arena, vorbei an den zahlreichen wartenden Journalisten. Ein kurzer Blick, gefolgt von einem unmissverständlichen: "Heute nicht". Und weg war er.

Calhanoglu wollte nicht reden. Diesmal nicht. Schließlich hatte der Mittelfeldspieler von Bayer Leverkusen zuletzt eine Menge erzählt. Für manche Leute zu viel. Und dabei für reichlich Wirbel gesorgt.

Aber wohl irgendwie auch seine Seele erleichtert, als er die Geschehnisse um den Vorfall mit Gökhan Töre beim türkischen Nationalteam darlegte. Und die Hintergründe zu seinem Wechsel vom Hamburger SV zum Werksklub.

Die große Frage war deshalb: Wie würde Calhanoglu bei seinem ersten Auftritt den erneuten Trubel um seine Person wegstecken?

"Ein feiner Junge"

"Ich glaube, dass er das ganz gut hinbekommen hat. Er ist ein sehr feiner Junge, der das hoffentlich gut wegsteckt", sagte sein Teamkollege Stefan Kießling nach dem 2:0-Sieg der Werkself in der Champions League gegen Zenit St. Petersburg (Bericht). 

Führungsspieler Kießling hatte mit dem Jungstar in den vergangenen Tagen auch persönlich über das in jederlei Hinsicht bemerkenswerte Interview im "Aktuellen Sportstudio" vom vergangenen Samstag gesprochen.

"Er ist ein junger Spieler, natürlich berührt ihn das. Ich glaube aber, dass es wichtig ist, mal darüber zu reden, seine Sicht der Dinge darzustellen. Damit der Druck dann auch weg ist", so Kießling.

Eine Befreiung?

War der Druck denn nun weg?

Sollte es tatsächlich "eine Befreiung" gewesen sein, wie sein Trainer Roger Schmidt gehofft hatte, sah man davon auf den ersten Blick nur wenig.

Calhanoglu tat sich wie die gesamte Mannschaft gegen unangenehme Russen schwer. Tauchte bisweilen völlig ab. Versuchte zwar immer wieder, das Spiel anzukurbeln, die Initiative zu übernehmen.

Der türkische Nationalspieler blieb jedoch über weite Strecken blass. Ließ zeitweise die Schultern hängen und haderte sichtlich mit der eigenen Leistung. Wirkte phlegmatisch, um im nächsten Moment zu explodieren und zu zelebrieren. Nahm sich dann wieder lange Kunstpausen.

Seine Genialität ließ er schließlich exakt zweimal auf effektive Art und Weise aufblitzen.

Eine Befreiung?

Das Führungstor durch Giulio Donati (58.) bereitete er mit einem klugen Querpass entlang des Strafraums ebenso mustergültig vor wie die Entscheidung nur fünf Minuten später durch den kurz zuvor erst eingewechselten Kyriakos Papadopoulos.

Es war ein typischer Calhanoglu: Freistoß aus dem Halbfeld. Ein Blick, den rechten Arm kurz nach oben gestreckt. Ein kurzer, leicht gebückter Anlauf. Dazu eine leichte Seitenlage beim Schuss mit dem Innenrist. Schulmäßig. Der Ball nimmt eine hohe Flugkurve und fällt schließlich fast wie ein Stein auf den Kopf des Griechen.

Zwei Momente reichen

Manchmal reichen eben zwei kurze Momente, um ein Spiel zu entscheiden.

Ein Spiel, das lange offen war, sich für Bayer schwierig gestaltete. Denn St. Petersburg hatte sich weitestgehend auf das aggressive, offensive Pressing der Leverkusener eingestellt, es zumeist nur mit langen Bällen versucht und auf Spielaufbau fast komplett verzichtet.

Doch "taktische Disziplin und Geschlossenheit" waren letztlich der Schlüssel, wie Trainer Roger Schmidt befand.

"Wenn wir das haben, wissen wir, dass wir gut darin sind, uns gegenseitig zu unterstützen. Wir wussten, dass es ein brutal intensives Spiel wird. Wir mussten aufmerksam und aggressiv in den Zweikämpfen sein", so Schmidt.

Wichtiger Sieg für das Umfeld

Bayer kann also auch Arbeitssiege. Und für Bayer war es gleich in mehrfacher Hinsicht ein wichtiger Sieg.

Für das Umfeld, denn neben dem Ärger um das sehr offen geführte Calhanoglu-Interview hatte eine Entscheidung des Landgerichts Köln für weiteren Wirbel gesorgt. Bayer muss demnach mehr als 16 Millionen Euro früherer Sponsorengelder des pleitegegangenen Billigstromanbieters Teldafax zurückzahlen.

Die Verantwortlichen wollten sich mit Hinweis auf ein laufendes Verfahren nicht äußern.

Klub-Chef Michael Schade gewährte jedoch einen kurzen Einblick in die Gefühlslage rund um den Verein, als er die Frage, ob der Sieg denn zumindest ein kleiner Trost für diese schlechte Nachricht sei, mit einem kurzen, aber entschiedenen "Nein" beschied.

Tabellenführung erobert

Sportlich natürlich schon, da Bayer nach dem dritten Spieltag mit nunmehr sechs Punkten die Tabellenführung in der Gruppe C übernommen hat. Einen Punkt vor dem AS Monaco, zwei Zähler vor St. Petersburg, am 4. November in Russland erneut der Gegner.

Und am Ende war es auch ein Sieg für den Kopf. Denn nach dem Rückfall in alte Zeiten beim 3:3 in Stuttgart am vergangenen Wochenende nach einer 3:0-Führung bewies die Mannschaft Lernfähigkeit.

"Aus solchen Dingen muss man lernen, um es besser zu machen. Diesmal haben wir es definitiv besser gemacht", sagte Kießling.

Und das letztlich auch dank Calhanoglu.

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