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Rom - Roma-Kapitän Francesco Totti wandelt sich von der Witz- zur Kultfigur. Vor dem Hit gegen den FC Bayern ist er in der Zeitkapsel.

Aus Rom berichten Mathias Frohnapfel, Christian Ortlepp und Stefan Kumberger

Wenn er jubelt, steckt er sich den Daumen in den Mund. Mit 38 Jahren.

Wenn er sein Trikot den Tifosi zuwirft, geraten die in Ekstase. Noch immer. Weil Muskeln und Tätowierungen blitzen, aber vor allem weil Francesco Totti einer der ihren ist: "Romano di Roma".

Ein gebürtiger Römer also, verwachsen mit der ewigen Stadt. Aufgewachsen in einer Familie traditioneller Roma-Fans, die immerhin so liebenswürdig waren, die Lazio-Delegation, die einst um den 13-Jährigen Francesco warb, ohne Prügel aus dem Haus zu treiben.

Von der Witz- zur Kultfigur

Das Kuriose: Lange war Totti eine Witzfigur. Er gab sogar ein selbstironisches Buch raus: "Alle Witze über Francesco Totti".

Vor zwölf Jahren war das, ein gigantischer Verkaufserfolg, Auflage in Millionenhöhe. Der Grundton aller Späße: Der Fußballer wird als nicht der Allerhellste dargestellt, tappt von Schlamassel zu Schlamassel.

Heute ist jener Totti die Kultfigur des AS Roms, seit seinem Tor gegen Manchester City zudem ältester Torschütze der Champions League. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Ein moderner, nimmermüder Gladiator - oder wie sie ihn in Rom inzwischen schlicht nennen: "l'imperatore" ("der Imperator").

In der Zeitkapsel gegen Guardiola

Und wenn Totti, das quicklebendige Denkmal der Stadt, jetzt in der Champions League gegen den FC Bayern (ab 20.15 Uhr LIVE auf SPORT1.fm und im LIVE-TICKER) spielt, muss er sich wie in einer Zeitkapsel fühlen.

Die Welt um ihn altert, der Stürmer mit der Modellfigur und den stahlblauen Augen bleibt scheinbar ewig jung. Auf der Bayern-Bank begegnet ihm nämlich Pep Guardiola, nur fünf Jahre älter als Totti und einst sein Mitspieler beim AS Rom.

Als der FCB-Coach auf Totti im Luxushotel "Parco dei Principi" auf Totti angesprochen wird, blitzt der Schalk aus seinen Augen. "Als ich in Rom war, saß ich auf der Bank, er spielte, jetzt ist es genauso", scherzte Guardiola.

Neue Spielweise als Jugendelixier

Es folgte eine Hommage an den AS-Kapitän. "Normalerweise hast du mit 38 viel Geld auf der Bank, du gehst sofort nach Hause. Er spielt Fußball, weil er das Spiel liebt, Leidenschaft hat", sagte Guardiola. Was Tottis Jungbrunnen ist, meint er auch zu wissen.

"Die Spielweise Rudi Garcias hilft ihm noch lange weiterzumachen", erklärte er.

Der Roma-Trainer aus Frankreich hat für den italienischen Vizemeister einen erfrischen Offensivfußball ersonnen - mit Angreifer Totti als Fix- und Vollendungspunkt.

"Seit zehn Jahren sagen sie: Er ist alt"

In Deutschland würde jetzt gewiss manch einer stöhnen, Totti solle doch nach mehr als 20 Jahren und 293 Pflichtspieltoren bitteschön mal Platz für Jüngere machen. In Italien staunen sie indes über solch eine Sichtweise.

"Er tut der Roma zu 1000 Prozent gut", erklärte Ex-Roma-Star Ruggiero Rizzitelli im Gespräch mit SPORT1.

"Seit zehn Jahren sagen die Kritiker, dass Totti alt sei, doch wenn man auf seine Statistiken schaut - und das zählt im Fußball - kommt man zu einem anderen Ergebnis. Er ist immer noch der beste Torjäger und Vorbereiter der Roma."

Und Rizzitelli fügt schmunzelnd hinzu: "Er macht sogar noch Pressing mit 38, das stelle man sich mal vor!"

Totti knöpft sich Schiedsrichter vor

Inzwischen ist Totti auch außerhalb des Platzes Führungspersönlichkeit. Nach der 2:3-Niederlage im Gipfel bei Juventus Turin sprach er aus, was die ganze Mannschaft dachte angesichts höchst umstrittener Entscheidungen von Schiedsrichter Gianluca Rocchi.

"Ich weiß nicht, ob wir vom Schiedsrichter besiegt wurden, sicher aber nicht von Juve. Die Bilder sind eindeutig. Ganz Italien muss das zugeben."

Seine Klage: "Jedes Jahr ist es das Gleiche. Juve sollte allein eine Meisterschaft ausspielen."

Die Fans lieben ihre Legende

Die Roma-Fans jauchzten jubelnd auf, doch Totti stand tagelang im Zentrum einer erbitterten Diskussion in Italien. Juve-Legende Pavel Nedved griff ihn heftig an, stänkerte: "Bei mir wäre er wohl nicht mehr Kapitän."

Eine Majestätsbeleidigung, die sein Kontrahent gelassen wegsteckte. Zumal neue, womöglich historische Aufgaben rufen: Gegen den FC Bayern wollen die Römer siegen, das nächste Tor im Wettbewerb wäre zugleich ihr 100. in Champions League und Europapokal der Landesmeister.

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Jubiläumstore in Serie

Natürlich darf solch ein Jubiläumstor im Idealfall nur einer erzielen. Und der ewige Held hat damit beste Erfahrung, gegen Bordeaux erzielte Totti Romas 80. Tor, vor vier Jahren gegen den FC Bayern das 90. Unglaublich, aber wahr.

Totti selbst tönt vor dem Spiel selbstbewusst: "Jetzt können wir es schaffen." Seine Erklärung: "Wir wissen, dass die Gruppe sehr schwierig ist, aber wir sind uns auch bewusst, dass wir für die anderen der Fallstrick in der Gruppe sein können."

Sein Markenzeichen, den in den Mund gestreckte Daumen, würde Totti beim Torjubeln auf jeden Fall gern zeigen.

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