Von Julian Ignatowitsch

München - Das System hakt. BVB-Trainer Jürgen Klopp sucht nach einer Lösung. Bisher hat er sie noch nicht gefunden.

Vor dem Spiel in der Champions League gegen Galatasaray Istanbul (ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER, auf SPORT1.fm und im TV beim Bitburger Fantalk) dürfen Fans und Medien einmal mehr zusammen rätseln, wer in Klopps Stürmer-Rotation diesmal den Vorzug erhält.

Das Roulette läuft, die Kugel rollt, wen trifft es:

Ciro Immobile? Adrian Ramos? Beide zusammen? Pierre-Emerick Aubameyang? Oder gar Shinji Kagawa, der zuletzt beim fast stürmerlosen System in München eine Art falsche Neun abgab? (BERICHT: Dortmunder Frust und Münchner Häme)

All das waren schon Varianten in dieser Saison. Kein einziges Mal vertraute Klopp zweimal hintereinander auf denselben Mittelstürmer. Die ständigen Wechsel im Angriff stehen symptomatisch für die Probleme bei der Einbindung der Neuzugänge.

Damit ist eine wesentliche Ursache für die Dortmunder Krise angesprochen.

Neuzugänge noch keine Verstärkung

Für fast 55 Millionen Euro hat die Borussia im Sommer eingekauft. Das primäre Ziel war es, einen zumindest einigermaßen adäquaten Ersatz für Robert Lewandowski zu finden.

Das ist - was aber fast zu erwarten war - (noch) nicht gelungen. So wie alle Neuzugänge (noch) ihrer Form hinterherhinken.

30 Millionen Euro gingen für Immobile und Ramos drauf, dazu noch acht Millionen für den kurz vor Transferschluss verpflichteten Kagawa.

Alle drei sind stets bemüht, aber insgesamt doch eher glücklos. Mit drei Ligatoren ist ausgerechnet Aubameyang der erfolgreichste Torschütze und macht im Angriff derzeit die beste Figur.

Zuletzt sagte er im "kicker", er fühle sich im Zentrum freier und bevorzuge diese Position gegenüber der Außenbahn. Klopp wechselt trotzdem munter durch.

Watzke verteidigt Immobile

Gerade Immobile, der vergangene Saison 23 Tore in der Serie A erzielte, wirkt bisher wie ein Fremdkörper im Dortmunder Spiel und hat bisher so gar nichts von einem Lewandowski-Ersatz.

Klopp pries ihn zu Saisonbeginn als "Krieger". Doch großen Schrecken bei den Gegnern verbreitet er kaum.

"Es ist unfair, wenn man Immobile nach vier Monaten mit Lewandowski von heute vergleicht. Man muss ihn mit Lewandowski nach vier Monaten beim BVB vergleichen", verteidigt Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke bei SPORT1 den italienischen Neuzugang ? und hat damit teilweise recht.

Auch Lewandowski wurde anfangs schnell als Fehleinkauf abgestempelt und hatte Startschwierigkeiten. Erst mit Verspätung wurde er zur unverzichtbaren Tormaschine.

Dennoch ist Immobile ein anderer Spielertyp, lange nicht so ballsicher und körperlich robust wie Lewandowski.

Lange Anlaufzeit in Klopps System

Überhaupt scheint es ein Phänomen des System Klopps zu sein, dass neue Spieler ihre Zeit brauchen, um sich sportlich in die Mannschaft zu integrieren.

Das war zuletzt bei Aubameyang so, das war bei Henrikh Mkhitaryan so, das war bei Sokratis so. Sie haben mittlerweile das Dortmunder Spiel gelernt und verinnerlicht: Hohes Verteidigen, intensives Pressing und direktes, schnelles Spiel nach vorne ? das alles geht aber auch an die Substanz.

Vor allem körperlich haben die Neuen deshalb häufig Aufholbedarf. So war es ja auch bei Immobile.

Keine zwei Spitzen

Ein weiteres Problem: Klopp hatte eigentlich angekündigt, taktisch flexibler auf den Wechsel von Lewandowski zu reagieren.

Beabsichtigt war auch, mal mit zwei Stürmern zu agieren.

Doch Klopp bleibt bei seinem System.

"Man hat ja überlegt, das Spielsystem anzupassen, zum Beispiel mit zwei Spitzen zu spielen. Doch das ist bisher nicht passiert", monierte auch SPORT1-Experte Thomas Berthold.

WM-Titel als Last für Ginter

Noch nicht angekommen ist auch ein anderer Neuzugang: Matthias Ginter, der kaum Einsatzzeit bekommt und nach der Weltmeisterschaft müde wirkt.

"Es geht nicht nur um die körperlicher, sondern auch um die mentale Seite. In der Öffentlichkeit werden Spieler auf einmal als Weltmeister gehyped, die darauf nicht vorbereitet waren. Von diesen Eindrücken kannst du dich als junger Kerl schlecht freimachen", erklärt Watzke.

Als Mats Hummels gegen den FC Bayern verletzt vom Platz musste, kam Neven Subotic ? und verursachte prompt den entscheidenden Strafstoß. Ginter ist hinter ihm im Moment nur Verteidiger Nummer vier, und kommt, wie in der Champions League, eher im defensiven Mittelfeld zum Einsatz.

Klopp baut regelmäßig um

Der Dortmunder Kader ist auf dem Papier in der Breite zwar besser geworden, was bei den zahlreichen Verletzten auch nötig ist, aber dafür passt es bei der ersten Elf nicht.

Klopp, Watzke und die Spieler räumen das auch widerspruchslos ein.

Man muss sich nur die Aufstellung anschauen: In den letzten 11 Pflichtspielen nahm Klopp immer mindestens drei Änderungen gegenüber der vorherigen Partie vor.

Hier muss er sich auch die Frage gefallen lassen, wieso er seinen Spielern nicht die Möglichkeit gibt, sich aufeinander einzustellen und unter Wettbewerbsbedingungen zueinander zu finden. Gerade für die Neuzugänge wäre das ein Segen.

Watzke schließt Wintertransfers aus

Nachkäufe im Winter schloss Watzke erst einmal aus.

Er wird wissen, warum: Mit Borussia Dortmund und den Neuzugängen ist das so eine Sache. Die aktuelle Situation ist so dramatisch wie nie. Die Verantwortlichen hoffen, dass sich mit zunehmender Zeit alles einspielt ? bis dahin wird Klopp nicht nur im Sturm weiter Roulette spielen.

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