Gelsenkirchen - Roberto Di Matteo trifft auf seinen Ex-Klub FC Chelsea. Für den Schalke-Trainer ein Spiel wie jedes andere auch. Zumindest fast.

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Vom FC Schalke 04 berichtet Andreas Reiners

Sentimentalitäten sind nicht Roberto Di Matteos Ding.

Als die zwangsläufige Frage nach seinem Ex-Klub kommt, bleibt der Trainer des FC Schalke 04 dann auch betont gelassen. Kühl und sachlich. Fokussiert und konzentriert. Fast schon seltsam distanziert.

"In den letzten Tagen habe ich mich nur konzentriert, wie ich die Mannschaft vorbereite. In dieser Zeit gibt es keinen Raum für Emotionen oder Sentimentalitäten.

Nach dem Spiel vielleicht", sagte der Italo-Schweizer vor dem vorletzten Gruppenspiel der Champions League gegen den FC Chelsea.

Sportlich schwierig

Für Schalke ist es ein großes Spiel. Doch große Gefühle haben da keinen Platz. Die Königsblauen könnten, auch mit einem Sieg gegen den immer noch ungeschlagenen Spitzenreiter der Premier League, noch Gruppenerster werden. Aber auch Vierter, und damit bereits im Dezember komplett ohne europäischen Wettbewerb da stehen.

Zu viel steht auf dem Spiel, als dass sich Di Matteo Gefühlsduseleien erlauben könnte. Oder auch erlauben will. Obwohl er mit dem FC Chelsea den größten Erfolg seiner Trainerkarriere feierte.

"Ich habe viele Jahre meines Lebens dort verbracht. Ich kenne noch viele Personen und Spieler im Verein. Das gehört mehr zu einer Privatsphäre als zu einem professionellen Umfeld. Ich werde mich nur auf meine Arbeit konzentrieren", so Di Matteo.

Die magische Nacht von München

Aber natürlich ist sie auch bei ihm präsent, die Nacht von München, der 19. Mai 2012, das Champions-League-Finale "Dahoam". Der Fehlschuss von Bastian Schweinsteiger.

Der entscheidende Elfmeter von Didier Drogba. Die Tränen des FC Bayern. Der damalige Kapitän Frank Lampard, der den Pott in den Nachthimmel stemmte. Und mittendrin Roberto Di Matteo.

"Ich denke nicht so viel daran. Ich bin jemand, der nach vorne schaut und nicht in der Vergangenheit lebt. Sie ist da, für jeden zu sehen, aber ich schaue nach vorne. Auf das, worauf ich Einfluss habe", sagte Di Matteo. Und das ist momentan nun mal Schalke.

Doch Chelsea hat den 44-Jährigen geprägt. Von 1996 bis 2002 sammelte er als Spieler an der Stamford Bridge fleißig Titel, ehe er 2011 als Assistent des damaligen Trainers Andre Villas-Boas zurückkehrte.

Nach dessen Entlassung im März 2012 übernahm er die Mannschaft. Was folgte, war ein kleines Fußball-Märchen. Er holte innerhalb weniger Wochen den FA-Cup und schließlich die Champions League.

Harte Bruchlandung

Doch dem Höhenflug folgte bereits im November mit der Entlassung die harte Bruchlandung. Di Matteo lernte mit aller Härte die knallharten Regeln des Geschäfts kennen. In einer erfolglosen Gegenwart zählen auch die Sternstunden der Vergangenheit nichts mehr.

Es ist in der unromantischen Welt des Fußballs eben nur noch sehr wenig Platz für große Gefühle. Zeit ist in diesem schnelllebigen Geschäft ein kostbares Gut geworden.

Das bekam Di Matteo schmerzhaft zu spüren. Wohl auch deshalb zog er sich fast zwei Jahre zurück, bildete sich weiter, verbrachte zudem Zeit mit der Familie. Ehe er im Oktober die Herausforderung Schalke annahm.

"Das Leben geht weiter"

"So ist das Leben. Im Fußball ist Zeit sehr wertvoll. Man hätte gerne mehr Zeit, aber wir wissen, dass es heute nicht mehr so ist, vor allem im Fußball. Man muss in der Zeit machen, was man kann. Das Leben geht dann aber auch weiter", sagte Di Matteo.

Wenn schon kein Platz für Sentimentalitäten ist: Gibt es beim ersten sportlichen Wiedersehen denn vielleicht so etwas wie Rachegelüste?

Nein, auch das nicht. "Wir bekommen drei Punkte und sind dann in einer sehr guten Position, um weiterzukommen. Mehr nicht."

So wortkarg er über seine Gefühlswelt plaudert, so redselig ist Di Matteo in der Kommunikation mit seinen Spielern.

Eindeutige Verhaltensregeln

Der 44-Jährige hat seit seinem Amtsantritt vor gut sechs Wochen eindeutige Verhaltensregeln eingeführt. Di Matteo sucht dabei aber auch immer wieder das Gespräch mit der Mannschaft, gibt klare Anweisungen.

Analysiert stets sachlich und bringt Missstände unmissverständlich auf den Punkt.

Die konditionellen Probleme, wohl auch bedingt durch seinen Vorgänger Jens Keller, sprach er noch höflich zwischen den Zeilen an.

Die personellen Probleme muss er eigentlich gar nicht groß erwähnen, die haben seit längerem schon Tradition auf Schalke und stehen auch in Wechselwirkung mit der erwähnten Fitness.

Viele Fragen, wenig Antworten

Seine größte Herausforderung ist dann aber die Mannschaft selbst. Dieses seltsame Team, das hin und wieder auch mal glänzt.

Oft aber auch enttäuscht, weit unter den eigentlich vorhandenen Möglichkeiten bleibt. Den neuen Trainer aber unter dem Strich bereits nach kurzer Zeit vor viele Fragen stellte.

Zuletzt schien es, als suche Di Matteo vergeblich nach Antworten. Zu viele Probleme blieben auch unter seiner Regie, zu wenig hatte sich verändert.

Doch am vergangenen Wochenende hatte er mit einem Taktik-Kniff beim 3:2 gegen Wolfsburg den Gegner überrumpelt.

Abwehr-Formation wie in der DFB-Auswahl

Mit einer Dreierkette in der Defensive, dazu zwei Außenverteidigern, die je nach Spielsituation die Formation zu einem 5-3-2 oder 3-5-2 verschoben. Bundestrainer Joachim Löw hatte diese Variante zuletzt in der Nationalmannschaft angewandt.

Für Fans und Experten war Di Matteos Maßnahme gleichermaßen eine Überraschung, für den Schalke-Coach aufgrund der genannten Probleme schlicht reiner Pragmatismus.

Was Di Matteo gegen seinen Ex-Klub im Training nun austüftelt, gab er natürlich nicht preis.

"Es geht mehr um die Erholung. Da werden wir wenig probieren können. Wir kennen die Stärken und Schwächen des FC Chelsea. Wir werden uns vorbereiten, um sie auszunutzen."

Vielleicht ist dann ja Platz für große Gefühle.

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