<strong>SPORT1</strong>-Kolumnist <strong>Raphael Honigstein</strong> erinnert vor dem Duell des FC Bayern bei Manchester Cirty an eine alte Fußballer-Formel.

"Fußall ist keine Mathematik", sagte Xabi Alonso am Montagabend in Manchester. Karl-Heinz Rummenigge, der Urheber dieser schönen Formel (oder Nicht-Formel?), wird das mit Freude gehört haben.

Was Manuel Pellegrini davon hält, ist allerdings nicht bekannt. Der chilenische Trainer, man erinnert sich, hatte vor zwölf Monaten die Auswärtstor-Regel falsch berechnet und Manchester City so beim 3:2-Sieg in in München möglicherweise um den Gruppensieg gebracht.

Zur Belohnung für dieses elementare Malheur des "Ingenieurs" (Pellegrinis Spitzname) gab es das Aus gegen Barcelona in der nächsten Runde.

Dieses Jahr ist die Lage weitaus dramatischer. Alles andere als der erste Sieg im laufenden Wettbewerb würde am Dienstag höchstwahrscheinlich den K.o. in der Gruppenphase bedeuten - zum dritten Mal in der vierten Teilnahme.

Citys beständiges Scheitern ist in seiner Einzigartigkeit kaum zu erklären. Normalerweise ist Fußball ja doch ein bisschen Mathematik, zumindest in der Hinsicht, dass der Erfolg recht streng mit der Höhe der eingesetzten Mittel zusammen hängt.

Schätzungen der "Daily Mail" zufolge ist City mit einem durchschnittlichen Spielergehalt von 6,6 Millionen Euro im Jahr die bestbezahlte Mannschaft der Welt - in sämtlichen Sportarten.

Die über Nacht mit Geldern aus Abu Dhabi zum Spitzenteam aufgepumpte Truppe hat seit der Übernahme druch Scheich Mansour 2008 zwei Meisterschaften und zwei Pokale gewonnen, ist aber in Europa keinen Schritt voran gekommen.

Das erscheint umso verwunderlicher, wenn man andere neureiche Klubs mit ähnlichen Strukturen zum Vergleich heranzieht. Chelsea und Paris St. Germain haben bei weitem nicht so lange gebraucht, ihre nationale Klasse auch gegen ausländische Teams auf den Rasen zu bringen.

Allerdings hatten beide auch schon vor ihren märchenhaften Verwandlungen mit Hilfe von Roman Abramowitsch beziehungsweise Katar reichlich Erfahrung im Europapokal.

City dagegen hat seit 1980 mehr Spielzeiten in Liga 2 und 3 verbracht, als im internationalen Wettbewerb.

Trotzdem ist es schwer, Gründe für die Misere zu finden. Mangelnde Erfahrung kann man jedenfalls nicht mehr gelten lassen.

Liegt es an Pellegrinis 4-4-2-Taktik, mit der City in der Zentrale oft in Unterzahl gerät? Auch diese, von englischen Zeitungen gern angeführte These, greift zu kurz.

Zum einen spielt einer der beiden Stürmer meist sehr viel tiefer, in einer Linie mit den Mittelfeldspieler; zum anderen kann man auch im 4-4-2 sehr kompakt verteidigen, etwas defensiver stehen und wunderbar kontern, wie es im Vorjahr Real Madrid in München (4:0) gezeigt hat. Eher summieren sich viele kleine, mitunter auch weiche Faktoren.

Die Stimmung im Etihad an Flutlicht-Abenden hat zum Beispiel rein gar nichts von einem Hexenkessel, sondern mutet eher wie im Kino an, wenn ein Horrorfilm läuft.

Das Publikum sitzt in nervöser Ruhe auf seinen Sitzen und wartet mit fatalistischem Gleichmut auf das Unglück. Der (statistisch belegbare) Heimvorteil ist für City so eher ein Nachteil.

Auch gegen die Bayern wird es wohl nicht lange dauern, bis die wenigen Anfeuerungsrufe von einem diffusen Geraune übertönt werden.

Fast ist man versucht ist, an dein Einfluss höherer Mächte zu glauben. Das alte City-Stadion an der Maine Road wurde, so die Legende, in den Zwanziger Jahren von Sinti und Roma verwünscht.

Der Verein schaffte es danach trotz einiger Erfolge immer wieder, sich selbst zu torpedieren.

Die Hellblauen blieb abgeschlagen hinter den roten Lokalrivalen von Man Utd der nette, kleine, vom Unglück und der Inkompetenz der leitenden Personen verfolgte Verein. (Ähnlichkeiten zu anderen Vereinen in einer anderen Stadt, die mit "M" beginnt, sind rein zufällig). Kein Wunder, dass die geplagten City-Anhänger irgendwann an den Fluch glaubten und sich von der Krankheit "Cityitis" befallen wähnten.

Ex-Trainer Joe Royle nannte so einst die Furcht davor, dass alles, was schief gehen kann, schief gehen wird.

Cityitis schien nach dem Gewinn der Last-Minute-Meisterschaft 2012 eigentlich besiegt. Aber fernab der Insel treten weiterhin die gleichen Symptome auf.

Vielleicht hat man einfach Pech mit den Trainern; es könnte auch sein, dass der Mannschaft ein harter Kern von Spielern fehlt, die sich wirklich mit dem Verein identifizieren und nicht nur ob der Salärs ins graue Manchester gezogen sind.

Alonso hat Recht, mit Mathematik kommt hier nicht weit. City bleibt das größte, teuerste Rätsel unserer Zeit.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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