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Youri Mulder (l.) und Mike Büskens gewannen mit Schalke 04 1997 den UEFA-Cup

Nach dem Offenbarungseid gegen Chelsea herrscht bei Schalke 04 Unmut. Zwei Vereinslegenden fordern bei SPORT1 alte Tugenden.

Die Gesichter sprachen Bände.

Mit versteinerten Mienen stellten sich Trainer Roberto Di Matteo und Manager Horst Heldt auf der Pressekonferenz am Donnerstag den Fragen der Journalisten.

Von Selbstkritik war aber insbesondere bei Heldt wenig zu spüren. Er habe schon bewiesen, dass er Mannschaften zusammenstellen könne, die in den Europacup kommen. Außerdem verwies der in die Kritik geratene Macher des FC Schalke 04 einmal mehr auf den gelungenen Schuldenabbau bei den "Knappen".

Doch allen Äußerungen zum Trotz stecken die Königsblauen in einer Sinnkrise. Wieder einmal.

90 Minuten reichte Schalke gegen den FC Chelsea aus, um mit einer desolaten Leistung die Aufbruchsstimmung nach dem Sieg gegen Wolfsburg gegen die Wand zu fahren.

Erstmals unter Trainer Roberto Di Matteo verabschiedete das Schalker Publikum die Mannschaft mit einem gellenden Pfeifkonzert aus der am Ende halbleeren Arena.

Das neue Schalke, das Heldt gemeinsam mit Di Matteo aufbauen wollte, lag nach 90 Minuten zum Vergessen in Trümmern.

Mulder kritisiert Defensivleistung

"Ich denke, dass man sich gegen Chelsea viel vorgenommen hat", erklärte das Schalker Urgestein Mike Büskens den Auftritt bei SPORT1, "doch dann hast du nach 58 Sekunden den ersten Schuss von Chelsea nach einem schnell vorgetragenen Angriff und kassierst dann nach der ersten Ecke das erste Gegentor. Vielleicht ist da schon viel Glauben verloren gegangen."

Der frühere Stürmer Youri Mulder war von der Defensivleistung schockiert. "Es war eklatant, wie einfach die Tore weggegeben wurden. Daran muss nun gearbeitet werden, und das ist ein schöner Auftrag für die Mannschaft", sagte der Niederländer zu SPORT1.

Büskens und Mulder brachten Schalke in der Saison 2008/2009 als Interimsduo nach der Entlassung von Fred Rutten in ruhigeres Fahrwasser. Roberto Di Matteo ist dies indes noch nicht gelungen.

Jens Kellers Nachfolger griff das Trainingspensum seines Amtsvorgängers indirekt an. Er strebe seinerseits das fitteste Team der Liga an, das aus einer bombensicheren Defensive Stärke schöpfen sollte.

Von diesem Paradigmenwechsel war gegen Chelsea wie schon in den Wochen zuvor wenig zu sehen.

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Schalke im Teufelskreis

"Wenn man hinten einfache Tore bekommt, verunsichert das die Mannschaft. Jeder hat dann Angst vor einem Ballverlust und dann geht keiner mehr ein Risiko ein. Das ist ein Teufelskreis, den man durchbrechen muss", erklärte Mulder das Grundproblem.

Er meinte: " Die Jungs vorne müssen den Glauben bekommen, dass hinten eine gute Verteidigung steht, müssen dabei aber gleichzeitig mithelfen, indem sie Druck machen und kompakt spielen."

Doch woher soll der Glaube an die eigene Stärke kommen?

"Man muss jeden in die Pflicht nehmen, dabei aber auch ganz genaue Details ansprechen. Das sind Sachen, die man als Trainer super ansprechen kann, und das muss man machen", forderte Mulder.

Heldts Schicksal hängt an Di Matteo

Es ist die vielleicht größte Herausforderung in Di Matteos Karriere. Eine echte Krise konnte der Schweizer als Klubtrainer noch nicht überwinden.

Mit West Bromwich Albion gelang 2010 zwar den Aufstieg in die Premier League, doch dort schaffte Di Matteo es nicht, das Ruder in einer Serie siegloser Spiele herumzureißen. Am Ende stand seine Entlassung.

Ist er der falsche Mann für ein orientierungsloses Schalker Team? Manager Horst Heldt geriet schon angesichts der Umstände der Keller-Entlassung in die Kritik.

Seine Zukunft hängt auch am Erfolg des neuen Trainers. Nach der Chelsea-Blamage griff dann auch noch der frühere Schalker Jermaine Jones seinen ehemaligen Vorgesetzten via Twitter an.

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Hitzfeld: "Ich vermisse Loyalität"

"Man sieht, wie fragil das Gebilde auf Schalke ist. Jeder geht ein bisschen auf den anderen los. Ich vermisse intern im Klub ein bisschen die Loyalität", kritisierte auch Ottmar Hitzfeld das Auftreten der Verantwortlichen bei "Sky".

"Die Kritik an Horst Heldt teile ich nicht", springt Mulder dem Manager hingegen zur Seite.

Heldts Personalpolitik sei angesichts der vielen Verletzungen ohnehin nicht seriös zu beurteilen: "Was soll der Manager machen, wenn einer nach dem anderen umfällt?"

Rückbesinnung auf eigene Identität

Statt Nebenkriegsschauplätze zu eröffnen, forderte Mulder vor dem kommenden Bundesliga-Spiel gegen Mainz 05 deshalb, die Ärmel hochzukrempeln: "Harte Arbeit! Man muss arbeiten, das geht nicht anders. Weg mit dem Spiel gegen Chelsea und volle Konzentration auf das Mainz-Spiel!"

Auch Büskens sieht in der eigenen Identität den Schlüssel zum Erfolg.

Getreu des Vereinsmottos "Wir leben dich" forderte er: "Der Verein bezeichnet sich selbst als Kumpel- und Malocherverein. Wenn das nicht nur auf den Trikots steht, sondern auch auf dem Platz sichtbar wird, dann sieht man das wahre Schalker Gesicht."

Loyalität, Zusammenhalt, ehrliche Arbeit ? das sind selbst in unterklassigen Ligen Grundvoraussetzungen für erfolgreichen Fußball.

Auf Schalke sucht man sie derzeit vergebens.

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