Bayer Leverkusen vergibt mal wieder einen Matchball. Nun wartet in Lissabon das nächste Endspiel. Und die nächste Reifeprüfung.

Aus Leverkusen berichtet Andreas Reiners

Leverkusen - Oliver Kahn holte erst einmal zu einem kleinen Rundumschlag aus.

"Leverkusen spielt schon seit Jahren manchmal solche Spiele, wo ihnen in bestimmten Momenten eine bestimmte Qualität fehlt. Die Ruhe und Coolness, der Killerinstinkt und die richtigen Entscheidungen", sagte der Ex-Nationaltorhüter und heutige "ZDF"-Experte.

Dann reiche es auch nicht gegen Monaco, "die für mich nicht tauglich sind für die Champions League", erklärte Kahn weiter: "Aber ich bin, glaube ich, der Einzige, der sich darüber aufregt." (DATENCENTER: Champions League)

Es hörte sich ein wenig so an, als wäre Bayer Leverkusen gerade aus der Königsklasse ausgeschieden. Sang- und klanglos. Als hätte Bayer auf ganzer Linie enttäuscht, eine ganz große Chance weggeworfen.

Mit seiner im Kern richtigen, in der Konsequenz vielleicht etwas zu harten Analyse, traf Kahn einen wunden Punkt.

Denn in der Vergangenheit war es fast schon eine Tradition, dass Bayer in den entscheidenden Situationen der Mumm, die Qualität, vielleicht auch ein wenig die Mentalität fehlte für die ganz großen Aufgaben.

Zu viel Wohlfühlfaktor in der oft zitierten Komfortzone, in der sich der Klub und die Mannschaft jahrelang bewegten.

Das schien unter dem neuen Trainer Roger Schmidt eigentlich ad acta gelegt. Forsch, offensiv und aggressiv ist die neue Marschroute.

Doch bei allem neuen Geist ? leichte Rückfälle sind nicht ausgeschlossen. Monaco war so einer. (

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Vielleicht war es die zu komfortable Situation, bedingt durch eine besondere Konstellation, auch wenn alle Beteiligten das verneinten.

Durch den Sieg von Zenit St. Petersburg gegen Benfica Lissabon stand eine Stunde vor dem Anpfiff in Leverkusen bereits fest, dass Bayer das Achtelfinale vorzeitig erreicht hat.

Ein 0:0 gegen Monaco hätte dann auch für den Gruppensieg gereicht. Stattdessen kamen die Monegassen mit ihrem einzigen Torschuss am vorletzten Gruppenspieltag zu einem 1:0-Erfolg (Bericht) und haben nun ihrerseits weiterhin alle Chancen auf den Achtelfinal-Einzug.

Die bittere Ironie: Es war nach dem 1:0 im Hinspiel der zweite Torschuss in beiden Partien gegen Bayer und auch erst das zweite Tor für den AS Monaco in der Gruppenphase.

Deshalb galt der Frust nach der unnötigen Schlappe auch vor allem dem Gegner. (SHOP: Jetzt Fanartikel von Bayer Leverkusen kaufen)

"Der Russe, der sich beim AS Monaco eingekauft hat, hat sich sicher einen etwas attraktiveren Fußball vorgestellt, als sie das machen. Erfolg gibt manchmal auch destruktivem Fußball Recht. Bei den finanziellen Möglichkeiten, die sie haben und wie sie kicken - das hat mit Fußball nichts zu tun", wetterte Sportdirektor Rudi Völler.

Stefan Kießling wählte etwas selbstkritischere Worte. "Wir hatten in beiden Spielen alles im Griff, viele Chancen, aber keine reingemacht. Dann wird man jedes Mal mit einem Ding bestraft. Da müssen wir uns an die eigene Nase fassen", sagte der Stürmer: "Da kriegen wir so ein Scheißtor."

Besagtes "Scheißtor" fiel nach einer Kette von Fehlern. Hakan Calhanoglu verlor an der Mittelinie den Ball. Gonzalo Castro hinderte Dimitar Berbatow nicht an einem Pass zu Nabil Dirar, und Emir Spahic den Marokkaner nicht an einer Flanke zu Lucas Ocampos.

"Vor dem Gegentor darf ich den Monaco-Spieler nie flanken lassen und Spahic hält einfach nur seinen Fuß rein. Da wäre ich als Spieler verrückt geworden", wetterte Kahn.

Allerdings hätte dieses Tor niemanden wirklich interessiert, hätte Bayer davor und danach die zwar seltenen, aber teils hochkarätigen eigenen Chancen genutzt.

Gegen die defensiv und destruktiv eingestellten Gäste war Bayer zwar überlegen, wirkte in den entscheidenden Situationen aber zu unkonzentriert, bisweilen auch fahrig.

Die übliche Angst vor der eigenen Courage also? Nein, aber dann doch ohne die letzte Konsequenz, den unbedingten Willen, die absolute Gier.

"Wir lernen viel dazu, auch aus solchen Spielen", betonte Kießling. Das hatte Bayer in dieser Saison bereits mehrmals bewiesen.

Doch Lissabon wird nun zu einem weiteren "Endspiel": Durch die neue Konstellation braucht Bayer (neun Punkte) in Lissabon (4) im Fernduell gegen Monaco (8) und St. Petersburg (7) also wohl einen Sieg, um den Gruppensieg endgültig unter Dach und Fach zu bringen.

Als Gruppensieger würden im Achtelfinale dann die vermeintlich leichteren Gegner warten, möglichen Krachern wie Real Madrid könnte Bayer so erst einmal aus dem Weg gehen.

Denn ob es für Kaliber wie die Königlichen oder den FC Chelsea schon reicht, darf zumindest bezweifelt werden.

"Man kann mit solchen Aufgaben auch wachsen", sagte Kapitän Simon Rolfes.

Die werden aber sowieso nicht einfacher. Denn in der Bundesliga kommt nun der 1. FC Köln zum Derby, dann geht es zum FC Bayern und nach Lissabon. Danach erwartet Bayer die Borussia aus Mönchengladbach und muss dann zur TSG Hoffenheim.

Spätestens dann wird sich zeigen, ob Oliver Kahn Recht hatte.

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