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Anatoliy Tymoshchuk spielte von 1998 bis 2007 für Schachtjor Donezk
Anatoliy Tymoshchuk spielte von 1998 bis 2007 für Schachtjor Donezk © EPA

München und St. Petersburg - Ex-Bayern-Profi Anatoliy Tymoshchuk spricht im SPORT1-Interview über das Match Schachtjor - Bayern, die heikle Situation in der Ukraine und den entwurzelten Gegner.

Das Trikot mit dem Bergarbeiterlogo von Schachtjor Donezk birgt für Anatoliy Tymoshchuk wichtige Erinnerungen.

"Die Stadt wurde zu meiner Heimat", sagt der Mittelfeldspieler, der für Donzek bis 2007 spielte. In der Donbass-Arena führte er fünf Jahre später die Ukraine als Kapitän während der EM aufs Feld.

Umso mehr schmerzt es den 35-Jährigen jetzt das einst so prächtige Stadion beschädigt zu sehen und die Stadt schwer gezeichnet von den Folgen des Kriegstreibens in der Ostukraine.

Im SPORT1-Interview spricht der Ex-Bayern-Profi über die besonderen Umstände, auf die der deutsche Rekordmeister trifft, wenn er im Achtelfinale der Champions League bei Schachtjor (Di., ab 20 Uhr im LIVETICKER u. Sportradio SPORT1.fm) antritt.

Tymoshchuk liegen beide Klubs am Herzen: Schachtjor, für das er neun Jahre aktiv war. Und ebenso der FC Bayern, mit dem er 2013 in der Königsklasse triumphierte.

Der Mittelfeldspieler, mittlerweile im Dienst von Zenit St. Petersburg, besitzt in der Nähe von München weiterhin ein Haus.

SPORT1: Herr Tymoshchuk, wie laufen die Rückrundenvorbereitungen mit Zenit?

Anatoliy Tymoshchuk: Ich bin gerade nach München gekommen nach dem Trainingslager in Spanien, wir haben eine kurze Pause, bevor die Vorbereitung auf das Europa-League-Spiel in Eindhoven beginnt. Wir haben in Katar, in der Türkei und Spanien trainiert und ich glaube, wir haben sehr gut gearbeitet und sind auf die Rückrunde vorbereitet.

SPORT1: Ist denn nach dem Ausscheiden in der Champions League der Titel in der Europa League das neue Ziel von Zenit?

Tymoshchuk: Leider ist unser Weg in der Champions League zu Ende, deshalb sind wir jetzt doppelt motiviert, in der Europa League bestmöglich abzuschneiden, darauf fokussieren wir uns nun. Wir werden unser Bestes geben, diesen Titel zu gewinnen. Und wir haben dafür eine erfahrene Mannschaft mit guten Spielern.

SPORT1:  In Doha haben Sie im Trainingslager auch Ex-Teamkollegen des FC Bayern wie Franck Ribery und Thomas Müller getroffen. Wie sind Ihre Drähte nach München?

Tymoshchuk: Ich habe in München vier interessante und unglaubliche Jahre verbracht, es war also schön, die früheren Mitspieler wiederzusehen. Für mich war jeder Tag in München ein Schritt nach vorn, zum nächsten höheren Level. Und natürlich war es auch interessant, ein neues Land, eine neue Kultur kennenzulernen, neue Freunde zu finden. Das Triple zu gewinnen und mit den Fans zu feiern, war herausragend.

SPORT1:  Der FC Bayern spielt jetzt in der Champions League in Lwiw gegen Schachtjor. Was sollten die Bayern über das Team wissen?

Tymoshchuk: Ich denke, dass der Münchner Trainerstab und das Analyseteam in den vergangenen Monaten viel gearbeitet und Schachtjor im Detail analysiert haben. Schachtjor verdient es, im Achtelfinale zu stehen, die Mannschaft liebt es schnellen und attraktiven Fußball zu spielen. Ich denke, die Bayern würden einen Fehler machen, wenn sie Donezk unterschätzen. Das Hauptproblem für beide Mannschaften ist, dass Schachtjor in diesem Jahr noch kein einziges Pflichtspiel hatte (die Winterpause in der Ukraine dauert noch an, Anm. d.Red). Für ukrainische Klubs ist es ein altbekanntes Problem, weshalb sie viele Testspiele in die Vorbereitung packen. Für das deutsche Team liegt die Schwierigkeit darin, sich über den Rivalen zu informieren.

SPORT1: Luiz Adriano hat in der Champions-League-Gruppenphase neunmal getroffen. Wie können die Bayern den Brasilianer stoppen?

Tymoshchuk: Der FC Bayern hat nie einen Stürmer des gegnerischen Teams in Manndeckung genommen, auch nicht, als wir gegen den FC Barcelona mit Lionel Messi oder Real Madrid mit Cristiano Ronaldo gespielt haben. Für mich ist Bayern der Favorit in diesem Spiel, sie werden versuchen, den Ball und das Spiel zu kontrollieren, Schachtjor wird selbst darauf setzen, freie Zonen auf dem Feld auszunutzen und schnelle Konter zu fahren.

SPORT1: Sie haben selbst lange für Donezk gespielt. Wie geht es Ihnen, wenn Sie Bilder des teilweise zerstörten Stadions sehen?

Tymoshchuk: Ich habe von 1998 bis 2007 in Donezk gespielt und mich dort wohl gefühlt. Ich stand im Schachtjor Stadion und Olympiastadion für Donzek auf dem Platz und später auch in der Donbass Arena als Spieler der Ukraine. Es tut weh zu sehen, was in der Stadt und Region passiert.

SPORT1: Wie ergeht es den Fans, wenn ihr Klub derzeit in Lwiw aufläuft, so weit weg von ihrer Heimatstadt?

Tymoshchuk: Im Klub sind viele Leute damit beschäftigt, die Bedingungen für das Team angenehm zu machen, die Vorbereitung, Unterbringung und natürlich die Organisation der Spiele. Ich weiß, dass es viele Schachtjor-Fans gibt, die versuchen, ihren Klub im ganzen Land zu unterstützen. Jetzt träumen sie davon, in ihre Stadt zurückzukehren, leider kann keiner sagen, wann das passiert.

SPORT1:  Hilft der Fußball, den Bewohnern von Donezk den Glauben an eine positive Zukunft nicht aufzugeben?

Tymoshchuk: Ich kenne Donzek sehr gut und liebe die Stadt, sie wurde zu meiner Heimat. Ich kann ihre Frage dennoch nicht beantworten, denn ich lebe im Moment nicht in Donezk und war seit der EM 2012 nicht mehr dort. Meine Erinnerungen an die Europameisterschaft sind exzellent, die Atmosphäre rund um die Spiele war großartig, viele Fans aus dem Ausland und der Ukraine kamen nach Donezk und haben die Zeit dort genossen. Das französische Nationalteam hatte ja auch sein Trainingslager dort. Ich weiß, dass der Fußball und Schachtjor Donezk dabei geholfen haben, in der ganzen Welt wahrgenommen zu werden.

SPORT1:  Was empfinden Sie, wenn Sie an die Situation und die Kämpfe in Ihrem Heimatland denken?

Tymoshchuk: Das ist Krieg und für die Bevölkerung ist das immer eine große Tragödie. Viele Menschen sind gestorben. Ich bin besorgt und es fällt mir schwer, darüber zu sprechen. Ich hoffe, dass es jetzt so bald wie möglich Frieden gibt und die Ukraine vereinigt bleibt. 

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