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München und London - Nach Arsenals Pleite gegen Monaco knöpft sich Arsene Wenger explizit wie nie einzelne Spieler vor, darunter Per Mertesacker. Dabei steht er selbst längst im Zentrum der Kritik.

Von Pierre Winkler und Marc Schäfer

Arsene Wenger gibt mal wieder den geschlagenen Professor, als hätten seine Studenten den kategorischen Imperativ törichterweise bei Kierkegaard verortet. Eine Tirade des Franzosen riecht nie nach Dreck und Schweiß, sondern nach Papierleim und dicken Ledersesseln.

"Wir haben unsere Nerven und unsere Vernunft auf dem Platz verloren", tadelte Arsenals Trainer nach dem 1:3 im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinals gegen den AS Monaco, jedes der drei Gegentore als frische Falte auf seine Stirn gezogen, "das Herz hat die Kontrolle über den Kopf gewonnen, auf diesem Niveau funktioniert das nicht."

Im Achtelfinale ist Schluss für Arsenal

Zum fünften Mal in Folge wird seine Mannschaft wohl im Achtelfinale ausscheiden. Und das gegen den mit Abstand schwächsten Gegner der letzten Jahre.

Über das 0:1 durch Monacos Geoffrey Kondogbia urteilte Wenger: "Kondogbia kommt frei zum Schuss, aber der Ball wird von Per abgefälscht. Er dreht sich ein bisschen und lenkt ihn ab. Das ist die gefährlichste Ablenkung, wenn man den Ball nicht ansieht."

Die Kritik richtete sich direkt an Arsenals Kapitän Per Mertesacker, entscheidender Teil einer an diesem Abend "selbstmörderischen" Abwehr, wie Wenger es nannte: "Wir waren mental nicht bereit, wir waren nicht gerissen genug, um ins Spiel zu kommen."

Mertesacker orientierungslos

Beim ersten Gegentor gestand Wenger Mertesacker noch "ein bisschen Pech" zu, beim zweiten durch Dimitar Berbatow verlor der Innenverteidiger dann aber einen Zweikampf zehn Meter in Monacos Hälfte und ließ den Gegner genau in seine Lücke in der Abwehr hineinkontern.

"Wir wollten phasenweise zu viel und wollten dann zweimal so schnell wie möglich den Ausgleich machen", sagte der Weltmeister SPORT1. "Wir haben zweimal den gleichen Fehler gemacht. Wir waren ein bisschen übermotiviert. Das war naiv."

Der Independent sah einen "erbärmlichen" Auftritt Mertesackers und einen "Mangel an Tempo", der Guardian nannte ihn "verwirrt" und der Mirror unterschrieb ein Foto des Weltmeisters mit Ball so: "Siehst Du das runde Ding, Per? Das ist das Ding, mit dem Du eigentlich spielen solltest ..."

Wie ein Mammutbaum

Im Internet wurde Mertesacker böse veralbert. Staksig wie eine Giraffe, beweglich wie ein Mammutbaum, wacklig wie der Schiefe Turm von Pisa und andere wenig schmeichelhafte Vergleiche machten die Runde.

Das dritte Tor der Gäste hatte dann seinen Ursprung weit vorne aus Arsenals Sicht. "Alex Oxlade-Chamberlain ist sehr enttäuscht, aber es kann passieren, dass du den Ball 70 Meter vor dem eigenen Tor verlierst", sagte Wenger. "Das heißt nicht, dass es ein Tor sein muss. Man hat noch Verteidiger hinter sich."

Oxlade-Chamberlain jagte trotzdem als einziger dem Ball nach, stand am Ende auf einer Höhe mit Mertesacker. Monacos Yannick Ferreira Carrasco überannte die Überreste von Arsenals Abwehr.

Keown mahnt Wenger

Selbst Wengers treueste Befürworter wenden sich langsam ab. "Es ist okay gegen Bayern, Barcelona oder den AC Mailand auszuscheiden, aber gegen Monaco? Wenger wird verschiedene Fragen beantworten müssen", sagte etwa BBC-Experte Martin Keown, selbst acht Jahre lang Spieler unter Arsenals ewigem Trainer.

Wengers Taktik: Indem er explizit wie nie auf seine Elf im Ganzen und einzelne Spieler einhackt, will er sich Zeit erkaufen. Noch immer stimmen die Voraussetzungen nicht, so die Botschaft an die Vereinsführung.

Dabei holte Wenger seit 2011/12 in jeder Saison Spieler für insgesamt mindestens 50 Millionen Euro, in dieser Spielzeit gab Arsenal knapp 120 Millionen aus, so viel wie noch nie. Mit Mesut Özil und Alexis Sanchez bekam Wenger endlich die lange verpönten Mega-Transfers.

Probleme seit Jahren die gleichen

Gebessert hat sich nichts, die Probleme sind seit Jahren die gleichen: Arsenal spielt mit reichlich Ballbesitz wächsern nach vorn und kassiert Stich um Stich eines weitaus schärferen Gegners.

Auch Özil bekam eine ordentliche Portion Kritik ab. "Für Nächte wie diese hat Arsenal 50 Millionen Euro bezahlt. Und in Nächten wie diesen enttäuscht er weiterhin", schrieb etwa die Daily Mail.

Mertesacker hält die Hoffnung trotzdem noch im Klammergriff: "Wir haben schon viele Wunder gesehen, in allen Wettbewerben. Schon als Kind - da habe ich natürlich mehr den deutschen Fußball angeschaut - aber auch da kann ich mich schon an viele Wunder erinnern, vor allem im Europapokal", sagte er SPORT1. "In Monaco brauchen wir eine wundervolle Nacht."

Platz drei mal wieder das Maximum

In der Premier League ist Platz drei am Ende mal wieder das absolute Maximum für Arsenal, es bleibt der FA Cup. Dort muss der Titelverteidiger im Viertelfinale bei Manchester United ran.

Wenger hatte erst im vergangenen Mai seinen Vertrag bis 2017 verlängert, euphorisiert von Arsenals neuer Transferstrategie. Bei einem Aus gegen Monaco und Manchester könnte ihn diesmal auch die erneute Qualifikation für die Champions League nicht retten.

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