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Leverkusen - Hurra-Fußball war gestern: Bayer Leverkusen kann plötzlich auch Defensive. Mit neuem Stil winkt am Mittwoch gegen Atletico Madrid das Viertelfinale der Champions League.

Manchmal muss man über seinen Schatten springen, damit sich der Erfolg wieder einstellt.

Roger Schmidt hat das getan. Der Trainer von Bayer Leverkusen hat an Stellschrauben gedreht, punktuelle Veränderungen vorgenommen und gewisse Dinge optimiert. Sein System dabei verändert, und das fast schon grundlegend.

Das Gegenpressing, der Hurra-Stil und die bedingungslose Offensive? Führten nach ausbleibenden Resultaten in der Rückrunde zu Kritik. Auf die hat der 48-Jährige reagiert. Mit Verzögerung zwar, aber nachhaltig und auch erfolgreich.

Attraktiven Angriffsfußball kann Bayer immer noch, doch die Mannschaft setzt ihn inzwischen wohl dosiert und portioniert ein. Der jugendliche Enthusiasmus ist einer gewissen erwachsenen, reifen Nüchternheit gewichen.

Kein Schönheitspreis

Einen Schönheitspreis gewinnen sie damit vielleicht nicht mehr so oft, doch darum geht es ja auch gar nicht.

Reinen Ergebnisfußball allerdings wollen sie in Leverkusen, wo Schmidt neben dem Erfolg auch die Schönheit des Spiels forcieren sollte, aber auch nicht.

Am besten etwas dazwischen, eine gesunde Mischung aus Attraktivität und Erfolg.

"Sind cleverer geworden"

Es ist also ein Reifeprozess, der in Leverkusen derzeit vollzogen wird. Und Bayer ist auf einem guten Weg.

Der nächste Schritt soll am Dienstag im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League bei Atletico Madrid (ab 20 Uhr im LIVETICKER und auf SPORT1.fm) vollzogen werden.

"Wir sind noch eine junge Mannschaft, die lernen muss. Wir sind in den vergangenen Spielen aber cleverer geworden und nutzen unsere Chancen", sagte Karim Bellarabi.

Kraft und Konzentration fehlten

Bayer wirkt vor allem weniger getrieben vom bisweilen atemraubenden System des frühen Störens. Das war oft sehr schön anzusehen, ging aber auch zu Lasten der Defensivarbeit.

Denn dafür fehlten nach einer gewissen Zeit schlicht die Kraft und damit auch die Konzentration. Daneben war der Spielstil nach dem Verpuffen des Überraschungseffektes auch ausrechenbar geworden.

Da gingen zu Beginn der Rückrunde die Spiele auch mal 4:5 (gegen Wolfsburg) aus. Oder die Mannschaft ließ wie beim 2:2 in Augsburg in letzter Minute wertvolle Punkte liegen.

Fünf Zähler waren es aus den ersten fünf Spielen, eine kleine Krise hielt schon Einzug. Danach folgten wettbewerbsübergreifend aber fünf Siege in Folge – mit 11:0 Toren.

Bayer gibt den Rhythmus vor

"Wir sind kompromissloser und spielen effizienter, auch von der Krafteinteilung her. Und wir sind wacher in der Defensivarbeit, konzentrierter. Und kompromissloser, ob wir nun 2:0, 3:0 oder 4:0 führen", sagt Kapitän Simon Rolfes.

Bayer lässt den Gegner so gar nicht mehr wirklich ins Spiel kommen, hat die Kontrolle und bestimmt den Rhythmus selbst, gibt den Ton vor.Der ist auf dem Platz gemäßigter und ruhiger, abwartender geworden. Dafür kehrt vor dem gegnerischen Tor dann auch der Killerinstinkt zurück, ist Bayer bisweilen gnadenlos effektiv.

Schmidt hat Bayer stabilisiert

"Unsere Art des nach vorne Verteidigens ist ein sehr gutes Mittel, den Gegner gar nicht erst in die gefährliche Zone kommen zu lassen", sagt Schmidt. "Wir sind viel ruhiger geworden, der Trainer hat uns stabilisiert", sagt Hakan Calhanoglu, der zur Not selbst auch immer mit seinen kunstvollen Freistößen eingreifen kann.

Stellvertretend für die Entwicklung steht Roberto Hilbert, der die Abwehrarbeit vorbildlich verrichtet und im Spiel nach vorne mit Torvorlagen überzeugt.

Der 30-Jährige, zu Beginn der Saison noch außen vor, bekam vom Trainer dann auch ein Sonderlob. "Er spielt auf einem total hohen Niveau. Ich weiß nicht, ob es einen besseren deutschen Außenverteidiger gibt im Moment."

Uberschwängliche Freude nach dem Hinspiel: So will Bayer auch am Dienstag jubeln
Uberschwängliche Freude nach dem Hinspiel: So will Bayer auch am Dienstag jubeln © Getty Images

Atletico braucht zwei Tore

Doch bei allem Lob kommen jetzt mal wieder die oft zitierten Wochen der Wahrheit. Denn Atletico braucht am Dienstag zwei Tore, um das 0:1 aus dem Hinspiel wettzumachen.

Keine Frage also, dass der Titelverteidiger die neu entdeckte Defensivarbeit von Anfang an auf eine harte Probe stellen wird.

Nichts schlimmer als ein Gegentor

"Für Atletico ist nichts schlimmer, als ein Gegentor zu kassieren, dann wird es doppelt schwer für sie. Deswegen müssen wir auch nach vorne spielen", so Rolfes. Denn der Einzug in das Viertelfinale würde nicht nur einen weiteren Geldsegen und Renommee bedeuten, sondern auch Rückenwind für die folgenden Aufgaben.

Nur vier Tage nach Madrid geht es zum Spitzenspiel nach Schalke. Und natürlich hat die erneute Qualifikation für die Königsklasse oberste Priorität.

Und Torjäger Josip Drmic weiß: "Es kommen zwei harte Brocken. Wir müssen die positiven Dinge jetzt bestätigen."

Denn auch das gehört zu einem Reifeprozess dazu.

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