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Für Jose Mourinho (r.) zählt nur das Weiterkommen © Getty/Sport1

London - Jose Mourinho ist vor dem Achtelfinal-Rückspiel mit dem FC Chelsea gegen Paris gewarnt. Die Königsklasse wird für die Trainer der Londoner gerne zur Stolperfalle.

Von Raphael Honigstein

Europapokal-Abende mit dem FC Chelsea sind immer etwas ganz Besonderes - und das nicht nur, weil im Pressekabuff an der Stamford Bridge bei diesen Gelegenheiten ein Buffet aufgetischt wird, das bei  Reporterkollegen aus aller Welt völlig zurecht unter dem Prädikat "einzigartig" firmiert. (Kulinarisch interessierte Leser können sich übrigens auf dem Twitteraccount von Talksport-Radio-Mann Ian "Moose" Abrahams  - @BroadcastMoose - informieren, welche Verköstigungen am Mittwoch zur Auswahl stehen. Der "Elch" verschickt vor jedem Spiel zahlreiche Photos, bevor er zubeisst.)

Nein, wirklich interessant wird es bei den Blauen auf internationaler Bühne, weil es für die gerade amtierenden Trainer oft ums Ganze geht. Seit Rohstoff-Milliardär Roman Abramowitsch den Klub 2004 übernahm, entschied sich das Schicksal der Übungsleiter regelmäßig in Partien gegen Vereine auf dem Festland.

2004 brachte sich der sowieso schon zur Disposition stehende Claudio Ranieri mit einem katastrophal vercoachten 1:3 in Monaco im Champions-League-Halbfinale um seine letzte Chance, die Entlassung zu vermeiden. Nachfolger Jose Mourinho erwischte es dreieinhalb Jahre später nach einem 1:1 in der Gruppenphase gegen Rosenborg.

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Raphael Honigstein schreibt in seiner Kolumne über Jose Mourinho und den FC Chelsea © SPORT1

Interimscoach Avram Grant hätte auch nach einem Sieg im Endspiel gegen Manchester United - die Red Devils gewannen im Elfmeterschießen, John Terry ballerte an den Pfosten - keine Aussicht auf Weiterbeschäftigung gehabt, und Luiz Felipe Scolaris Problem (2008-2009) war eher die schwache Form in der Liga, aber mit Carlo Ancelotti kam das Muster zurück.

Dem Italiener wurde nicht zuletzt ein 1:3 (in der Addition) gegen Manchester United in der Champions League zum Verhängnis, danach wurde Andre-Villas Boas nicht lange nach einem 1:3 gegen Napoli in der Königsklasse gechasst. Der Nachfolger des Portugiesen, Roberto Di Matteo,  musste trotz des Triumphs im Finale gegen die Bayern in München im Herbst 2012 gehen, weil er mit Chelsea im Supercup gegen Atletico in Monaco mit 1:4 verloren und Abramowitsch vor zahlreichen Freunden brüskiert hatte.

Schon zu früheren Zeiten tauchte der Russe nach Champions-League-Niederlagen gerne in der Kabine auf, um sich von Trainer und Spielern die Gründe für den K.o. erklären zu lassen. Schnöde Ligapartien lässt sich der Oligarch entgehen. Mit ihm kommt für den Trainer unter Flutlicht also auch die Gefahr ins Haus.

Mourinho war nach dem überraschenden Halbfinal-Aus gegen Atletico Madrid im Vorjahr relativ glimpflich davon gekommen, aber damals konnte der 52-Jährige noch stichhaltig argumentieren, dass er die Mannschaft erst nach seinen Wünschen umbauen müsse. Diese Erklärung/Entschuldigung würde nach einem Scheitern gegen Paris St. Germain im Achtelfinale nicht ausreichen. Für Mourinho wäre es das zweite Aus im Achtelfinale seit 2004. Mit Inter schied er 2009 an gleicher Stelle gegen Manchester United aus. In den fünf Jahren darauf schaffte er es mit seinen Teams immer mindestens in Halbfinale. 

Seit dem Hinspiel in der französischen Hauptstadt vor drei Wochen haben sich die Verhältnisse ein wenig umgekehrt. PSG-Coach Laurent Blanc stand vor dem 1:1 kurz vor dem Rauswurf, doch seine Position gilt als gefestigt, weil sein Team durchgehend stark spielt; bei Chelsea hat man trotz des Erfolgs im Ligapokalfinale gegen Tottenham (2:0) am vergangenen Sonntag dein Eindruck, dass der Tabellenführer ein wenig überspielt wirkt.

Swansea City v Chelsea - Premier League
Jose Mourinho gewann bereits das kleine und das große europäische Triple © Getty Images

Mourinho hat im Gegensatz zu seinen Konkurrenten kaum rotieren lassen. Das brachte Kontinuität und vor allem kontinuierliche Siege in der Premier League, könnte sich jetzt aber, am "business end" der Saison, wie man die Um-die-Wurst-Wochen hierzulande nennt, rächen. Und das grundsätzliche Problem, das Abramowitsch schon vor zehn Jahren mit Mourinhos ultrapragmatischer Strategie hatte, existiert ja weiterhin, wie der Ligapokal zeigte. Der Russe möchte schönen Fußball sehen, nicht nur Titel. Di Matteo kann das bestätigen. 

Ob Abramowitsch am Mittwoch vor Ort in seiner Lounge sitzt und dem Geschehen mit der stets etwas entrückt anmutenden Gestik beiwohnt, ist nicht gesichert;  Chelsea macht dazu keine Angaben. (Ein Zeitungsreporter, der einst Abramowitsch’ Anreise zu Heim-Spielen in einer Geschichte dokumentieren wollte, bekam telefonisch den unmissverständlichen Hinweis, sich zukünftig doch bitte mit anderen Themen zu beschäftigen).

Aufregend für Chelsea - und damit auch für  "Mou" - wird der Abend  aber wohl so oder so. An der Themse lag schon in den vergangenen Tagen spürbar ein Hauch von Spannung in der Luft. Und ein guter Duft? "Liga ist Hamburger und Pizza, Champions League gutes Essen", meinte im Vorjahr Pep Guardiola. Bei den Blauen sieht man das ähnlich. Gegen PSG wird  es "tasty", wie der Brite sagt. Das kann "lecker" heißen. Aber auch: "hart". 

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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