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Xabi Alonso (r.) und Dante leisteten sich gegen Porto fatale Aussetzer © Imago

Porto - Xabi Alonso ist bei der Pleite in Porto ein Schatten seiner selbst, Schwächen in der Offensive und strukturelle Sorgen geben den Bayern zu denken. Die SPORT1-Analyse.

Sie wollten alles perfekt machen. Starteten einen Tag eher zum Champions-League-Spiel als üblich. Analysierten den Gegner bis ins letzte Detail.

Trainer Pep Guardiola und Sportvorstand Matthias Sammer hatten den FC Bayern also darauf vorbereitet, was da im Drachenstadion des FC Porto passieren könnte. Angriffspressing etwa. Und eine brachiale Gangart der Portugiesen, verbunden mit einer physisch sehr leistungsstarken Abwehr.

Doch teilweise wirkte es so, als hätten die Spieler Guardiola und Sammer vor der Partie nicht zugehört. Am Ende stand eine 1:3-Niederlage zu Buche, mit der nur die Wenigsten gerechnet hatten. Genauso wenig wie mit den drei bösen individuellen Schnitzern, serviert von Xabi Alonso, Dante und Jerome Boateng.Im Spiel der Münchner fielen aber nicht nur die schlimmen Abewehrpatzer auf, auch im Spiel nach vorn lief bei der Mannschaft von Trainer Pep Guardiola kaum etwas zusammen.

SPORT1 analysiert die Probleme des deutschen Rekordmeisters.

Patzende Defensive:

Boateng unterlief vor dem 1:3 eine Flanke, Dante leistete sich einen fatalen Stockfehler, der zum 0:2 führte und Alonso leitete mit seinem Patzer das 0:1 ein.

Der Spanier musste nach der Partie noch die Dopingprobe über sich ergehen lassen, blieb noch länger gefangen am Ort des Bayern-Albtraums.

Alonso patzte nicht nur vor dem ersten Gegentor, auch in der zweiten Hälfte ermöglichte seine wenig spritzige Reaktion eine Möglichkeit für Porto. Und einen Fehlpass Alonsos musste der eingewechselte Sebastian Rode mit einem taktischen Foul ausgleichen, was dem Hessen die Gelbe Karte bescherte.

Die Portugiesen hatten Alonso schnell als einen der Schwachpunkte im Team des deutschen Rekordmeisters ausgemacht und dementsprechend unter Druck gesetzt.

"Ich habe keine Erklärung dafür, die Fehler wurden auch von Porto herausgefordert", kommentierte Sportvorstand Sammer anschließend. Mit dem Plan von Portos Trainer Julen Lopetegui, zu Beginn extrem weit vorn den ballführenden Spieler anzugreifen, kamen die Bayern jedenfalls gar nicht zurecht.

Bodyguards nicht bei 100 Prozent:

Die Aussetzer alleine erklären aber nicht, warum es den Bayern, abgesehen von 25 ordentlichen Minuten zum Ende der ersten Halbzeit, nicht gelang, das Spiel zu strukturieren.

Philipp Lahm und Guardiolas Lieblingsschüler Thiago Alcantara sind nicht bei 100 Prozent. Dennoch stehen sie nach ihren langwierigen Verletzungen in der Startelf. Lahm sollte wie in den besten Zeiten der Hinrunde Alonso als "Bodyguard" unterstützen und als Anspielstation bereitstehen, die Portugiesen konnten aber immer wieder Alonso als ballführenden Spieler unter Druck setzen.

Alonso und Lahm sollten das Team führen, den Weltmeistern von 2010 beziehungsweise 2014 gelang es nicht.

Guardiola reagiert zu spät:

Womöglich hätte ein Sebastian Rode an Alonsos Seite, einiges aufräumen können. Als der Ex-Frankfurter in der zweiten Hälfte kam, verdiente er sich im Mittelfeld Fleißpunkte.

An diesem Abend wirkte Guardiola, sonst ja ein beeindruckender Stratege, seltsam zögerlich.  In vergangenen Partien hatte er oftmals schon in der ersten Halbzeit mit Auswechslungen auf Probleme seines Teams reagiert.

Doch diesmal brauchte der Trainer lange, ehe er die nötigen Umstellungen anordnete und den völlig abwesenden Mario Götze vom Feld holte.

Schwierige Personalsituation:

Offenkundig ist die krasse Personalnot. Neben Schweinsteiger konnte auch Franck Ribery nicht mitreisen. Sie fehlten in Porto ebenso wie Arjen Robben und David Alaba - und sie werden wohl auch am kommenden Dienstag fehlen.

Selbst wenn Schweinsteiger und Ribery zurückkehren sollten, wird es Guardiolas Mannschaft extrem schwer haben, noch das Halbfinale zu erreichen.

Anfälligkeit für Konter:

Die portugiesische Sportzeitung A Bola schrieb triumphierend, Porto habe Bayerns Geheimnis gefunden. Wie beim 1:4 in der Bundesliga in Wolfsburg oder der 0:2-Heimpleite gegen Gladbach waren die Münchner konteranfällig. Ein Ballverlust ganz vorne und schon standen die Portugiesen oft mit viel Platz vor Bayerns Abwehrreihe.

Diese Spielweise des hohen Verteidigens müssen die Bayern schnellstmöglich wieder perfektionieren oder sich bis zum Rückspiel am Dienstag neu einstellen.

"Es wird den ein oder anderen Konter geben, das müssen wir besser verteidigen", forderte Sebastian Rode im Gespräch mit SPORT1.

Probleme in der Offensive:

Ein 2:0 würde zum Weiterkommen reichen, aber schon bei einem Gegentor müssten die Bayern mindestens drei Treffer erzielen. Dessen ist sich auch Manuel Neuer bewusst. Wie ein Irrwisch war er nach jedem Tor aus seinem Kasten gestürmt. Hatte geschimpft, getobt und auch anschließend in der Mixed Zone kritisiert. 

"Wir haben uns zu wenige Tormöglichkeiten herausgespielt, sind zu wenig in die gefährliche Zone gekommen", mäkelte Neuer.

Bayern braucht einen Plan B, am besten B wie Blitzheilung. Im Drachenstadion von Porto hatte Guardiola keinen einzigen Offensivspieler als Option - in einem Champions-League-Viertelfinale wohlgemerkt. Claudio Pizarro saß auf der Bank, ist allerdings von muskulären Problemen geplagt.

Strukturelle Defizite:

Guardiola arbeitet gerne mit einem kleinen Kader, die Truppe ist enger beisammen, es gibt weniger Unzufriedene. Also ließ der FC Bayern Xherdan Shaqiri zu Inter und Pierre-Emile Höjbjerg zu Augsburg gehen.

Im Winter eine nachvollziehbare Entscheidung, keiner konnte das Dauerverletzungspech vorhersehen.

Doch jetzt fehlt jetzt die Absicherung, auch weil die zweite Mannschaft, aktuell nur viertklassig, keine Talente nachliefert. Klar, dass es da intern grummelt.

Zudem müssen die Bayern den Generationswechsel im Blick haben: Schweinsteiger (30), Lahm (31), Ribery (32)  und Robben (31) sind allesamt über 30 und auch deshalb verletzungsanfälliger als andere Spieler, auf deren Tacho nicht schon tausende Laufkilometer stehen.

Sicher ist, dass in der nächsten Saison der Kader wieder größer wird. Eine andere Möglichkeit gibt es angesichts der Münchner Ansprüche nicht. 

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