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Borussia Moenchengladbach - Training & Press Conference
Andre Schubert führte die Gladbacher mit zwei Siegen vom Tabellenende der Bundesliga weg © Getty Images

Seit Andre Schubert Trainer ist, befindet sich Gladbach wieder im Aufwind. Im SPORT1-Interview spricht Schubert über seine Aufgabe und die Chancen gegen Manchester City.

München - Für Borussia Mönchengladbach ist es seit 1978 das erste Heimspiel in Europas höchster Klasse, damals war es noch der Europapokal der Landesmeister. Und es ist die bisher bedeutendste Partie in der Trainerkarriere von Andre Schubert.

Vor zwei Wochen hätte der 44-Jährige nicht im Traum daran gedacht, dass er gegen Manchester City (ab 20.15 Uhr im LIVETICKER) auf der Gladbacher Trainerbank sitzen würde. Doch nach dem Rücktritt von Lucien Favre wurde Schubert zum Interimscoach ernannt. Mit ihm bogen die "Fohlen" durch zwei Siege in zwei Ligaspielen den katastrophalen Saisonstart vorerst um

Vor dem Spiel gegen die Citizens spricht Schubert im SPORT1-Interview über seine Aufgabe, seine Person und die Chancen gegen die Engländer.

SPORT1: Herr Schubert, Ihren Start könnte man traumhaft nennen, oder?

Andre Schubert: Ich sehe das nicht als meinen Start an, sondern als eine Situation, die wir alle im Verein meistern müssen. Da habe ich mir im Vorfeld nicht so viele Gedanken gemacht, was passiert, wenn wir gewinnen oder verlieren. Ich konzentriere mich darauf die Situation zu lösen und wie es dann läuft, sehe ich nachher. Im Nachhinein kann man sagen, dass ich das eine oder andere richtig gemacht habe. Andererseits hatten wir auch etwas Glück, um diese sechs Punkte zu holen.

SPORT1: Was haben Sie konkret gemacht, um das Maximum an Punkten zu erreichen?

Schubert: Man sucht immer nach dem Aha-Erlebnis und nach der Wunderheilung, aber das ist es nicht. Es ist eine Kombination aus verschiedenen Faktoren. Einerseits konnten wir uns über die Rückkehr von einigen Spielern freuen und wir lagen mit einigen Personalentscheidungen richtig, um die nötige Stabilität zu bekommen. Dann haben wir inhaltlich gesehen, dass wir an einigen Punkten arbeiten müssen.

SPORT1: Nämlich?

Schubert: Man kann nicht von Automatismen sprechen, aber man kann schon bewusst etwas trainieren. Wir haben vom ersten Moment an zum Beispiel am schnellen Umschalten gearbeitet und am aggressiven Verteidigen. Und als dritten Punkt sehe ich die Video-Analyse. Da haben wir Fehler angesprochen und den Spielern ihre Stärken aufgezeigt. Es sind alles sehr gute Fußballer. Keiner muss an sich zweifeln. Schließlich hat sich die Mannschaft das Selbstvertrauen Stück für Stück auf dem Platz zurückgeholt.

SPORT1: Gehen Sie momentan nicht mit einer breiteren Brust durch Mönchengladbach?

Schubert: Ich muss jetzt nicht mehr mit einer stolzgeschwellten Brust rumlaufen. Es geht nicht darum, dass ich einen Raketen-Start hatte, es geht darum, dass wir alle im Verein die Kräfte gebündelt haben. Ich freue mich total darüber, aber das macht mich nicht stolz. Ich mache jetzt auch nicht mehr als früher, sondern ich versuche es nur so gut wie möglich zu machen. Ich habe mich über die beiden Siege nicht mehr gefreut als über jeden Sieg der U23. Ich freue mich maximal und mehr als maximal geht nicht.

Greuther Fuerth v St. Pauli - 2. Bundesliga
Von Juli 2011 an war Andre Schubert knapp 15 Monate Trainer des FC St. Pauli © Getty Images

SPORT1: Zu Ihrer Zeit auf St. Pauli wurde Ihnen ein schroffer Umgangston mit den Profis vorgeworfen. Heute wirken Sie entspannter als früher. Täuscht der Eindruck?

Schubert: Nein. Ich bin gelassener geworden als damals nach meiner Zeit in Hamburg. Den Schritt zum DFB habe ich ganz bewusst gewählt. Und dadurch habe ich eine größere Gelassenheit und Ruhe gewonnen. Ich rege mich heute nicht mehr über Dinge auf, über die ich mich nicht unbedingt aufregen muss. Die Einstellung zum Fußball hat sich nicht geändert. Mein Ziel ist es im Fußball arbeiten zu dürfen. Ich bin glücklich, wenn ich etwas entwickeln kann in einem seriösen Verein. Ich war bei der U23 glücklich, bin es jetzt auch.

SPORT1: Sportdirektor Max Eberl schwärmt von Ihnen und sagte Sie hätten bisher einen überragenden Job gemacht. Wie stolz macht Sie das?

Schubert: Das ist natürlich schön, aber ich weiß auch, dass vieles ergebnisabhängig ist. Du kannst noch so tolle Arbeit abliefern, wenn du am Ende aber unglücklich verlierst, dann wird es anders gesehen. Max weiß, was wir investieren und was wir inhaltlich arbeiten, aber die Fans sehen nur das nackte Ergebnis. Auch die Spieler wundern sich jetzt nicht nach dem Motto: Was passiert hier gerade? Alle wissen ganz genau, an welchen Punkten wir gearbeitet haben. Der Turnaround ist für uns erklärbar. Mit etwas Pech hätten wir bei gleicher Arbeit das Spiel in Stuttgart auch verlieren können. Ich springe deshalb nicht auf jeden Schulterklopfer drauf. Ich kann alles gut einschätzen.

SPORT1: Am Mittwoch kommt Manchester City in den Borussia-Park. Wie emotional wird das für Sie?

Schubert: Natürlich hat Borussia eine große Tradition und das Spiel ist schon eine große Ehre für mich. Dass ich einen Verein wie Gladbach im ersten Champions-League-Heimspiel als Trainer begleiten darf, ist zudem eine große Herausforderung für mich. Ich stelle mich mit meinem Team dieser großen Verantwortung. Ich freue mich riesig. ManCity gehört zu einem der Top-Klubs in Europa mit einem unfassbaren finanziellen Hintergrund und mit top Spielern, wenn man nur mal an den Wechsel von Kevin De Bruyne für rund 80 Millionen Euro denkt.

SPORT1: Welche Chance hat Ihre Mannschaft da überhaupt?

Schubert: Natürlich hat jeder in jedem Spiel eine Chance. Aber je weiter Mannschaften leistungsmäßig auseinander liegen, desto weniger wahrscheinlich ist ein Erfolgserlebnis. Es geht um ein Spiel und Borussia hat die Champions League-Qualifikation nicht auf dem Jahrmarkt gewonnen, sondern das hat sich der Klub verdient dank einer herausragenden letzten Saison. Wir sprechen nicht von einer Mannschaft, die per Zufall in der Königsklasse vertreten ist. Wir sind natürlich Außenseiter, aber bestimmt nicht chancenlos. Es wäre ja todtraurig, wenn wir in das Spiel gehen und sagen‚ wir schauen uns das mal an. Wir wollen eine Rolle spielen. Und zu Hause willst du das Spiel gewinnen. Wir werden auf dem Platz alles raushauen, was es gibt.

SPORT1: Sie hatten bei einem Spiel noch nie einen Anzug an. Ist das komisch für Sie?

Schubert: Etwas ungewohnt, aber am Mittwoch muss ich einen Anzug tragen, das ist nun mal Vorschrift. Es ist nicht mein bevorzugtes Kleidungsstück, aber man sieht einen Spieltag in der Königsklasse ja auch als einen Feiertag. Bei den Spielen der U23 würde ich einen Anzug für übertrieben halten (lacht). Aber ich habe im Schrank einige Anzüge hängen und auch schon getragen, gerade bei Veranstaltungen des DFB.

SPORT1: Ganz ehrlich, wünschen Sie sich nicht, dass aus dem Interimstrainer-Job ein Cheftrainer-Job wird?

Schubert: Ich denke wirklich nicht daran. Ich möchte eine Aufgabe haben, mit der ich glücklich bin. Ich will als Trainer arbeiten, das muss nicht die Erste oder Zweite Liga sein. Ich kann mir vieles vorstellen im Leben, aber ich brauche das nicht, mich jetzt damit zu befassen, ob ich Cheftrainer bei Borussia werden könnte. Wenn uns in den letzten Tagen etwas geholfen hat, dann ist das unsere Ruhe, Unverkrampftheit und Gelassenheit. Die werde ich jetzt nicht verlieren, nur weil ich denke, ich habe eine Riesenchance. Es ist keine Chance, es ist eine Riesenaufgabe und die macht mir unheimlich Spaß. Wie gesagt, ich will das nicht ausschließen, dass ich mal irgendwo Cheftrainer sein werde, aber ich genieße das Jetzt. 

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