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Carlo Ancelotti (l.) folgte beim FC Bayern im Sommer als Trainer auf Pep Guardiola © getty images

München - Der FC Bayern tut sich unter Carlo Ancelotti schwer, die Dominanz aus Guardiolas Tagen scheint vorerst dahin. Das hat auch mit der taktischen Herangehensweise zu tun.

Niederlage bei Atletico, Remis gegen Köln und in Frankfurt: Der FC Bayern schlittert kurzerhand in eine kleine Ergebniskrise, die vor dem wegweisenden Champions-League-Spiel gegen PSV Eindhoven (Mi., ab 20.15 Uhr LIVE in unsererm Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER) zugleich die aktuelle Spielweise in Frage stellt.

Der Umbruch in der noch jungen Amtszeit Carlo Ancelottis scheint sehr extrem und zu Lasten der spielerischen Dominanz auszufallen.

Der Fußball, den die Bayern oftmals unter der Federführung Pep Guardiolas praktizierten, wurde häufig als langweilig abgestempelt. Das ewige Ballgeschiebe, die unendlich langen Ballbesitzphasen und nur wenige actiongeladene Szenen spalteten nicht nur die Fans der Münchner, sondern Fußballanhänger in Deutschland und darüber hinaus.

Viele frohlockten, als bekannt wurde, dass der italienische Großmeister Ancelotti fortan das Zepter schwingen würde. Der 57-Jährige ist für seinen pragmatischen Ansatz und einen randvollen Trophäenschrank bekannt. Er ist den Bayern-Fans zudem durch das Halbfinalduell gegen Real Madrid im Jahr 2014 in Erinnerung geblieben.

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Ancelotti als "Therapie" nach Guardiola?

Damals konterte Ancelottis Team die Münchner in der Allianz Arena gnadenlos aus und siegte deutlich mit 4:0. Hochgeschwindigkeitsfußball ohne unnötige Schnörkel - genau das, was der FC Bayern quasi als Therapie nach Guardiola benötigte. Oder?

Der Umbruch kommt mit einigen Haken. Die ellenlangen Pass-Stafetten gaben den Bayern in den letzten Jahren Stabilität. Denn: Ohne Ball kann der Gegner kein Tor erzielen. Und sobald sich viele eigene Spieler in der Nähe des Spielgeräts befinden, greift auch das Gegenpressing in den Momenten nach dem Ballverlust.

Unter Guardiola wurden die Außenseiterteams eingeschnürt. Unter Ancelotti werden sie zunehmend zum offenen Tanz gebeten.

So gesehen zuletzt gegen Köln und vor allem beim Remis in Frankfurt am vergangenen Samstag.

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Eintracht schaltet Hummels und Boateng aus

Die Eintracht zog sich nicht durchweg ängstlich zurück und wartete auf die heranstürmenden Münchner. Vielmehr ließ Niko Kovac sein Team zwischen Mittelfeld- und Angriffspressing wechseln. In vielen Szenen wurden die Bemühungen des FC Bayern mit simpler Manndeckung im Mittelfeld und Anlaufen gegen Jerome Boateng und Mats Hummels zum Erliegen gebracht.

Die beiden Innenverteidiger konnten nur selten Vorstöße unternehmen. Die Zentrumsspieler davor agierten recht statisch und brauchten viele Versuche, bis ein Durchbruch zustande kam. Zudem positionierten sich die beiden Münchner Flügelstürmer zu zentral, wodurch wiederum die Passwege aus dem Mittelfeld hin zur Angriffsreihe verkompliziert wurden.

Ancelottis Mannen fanden somit nur schwerlich durch die Linien des Gegners, obwohl dieser sogar Räume anbot und nicht nur Beton anrührte. Aufgrund der unsauberen Staffelung griff zudem das Gegenpressing nur unzureichend, weshalb die Frankfurter nach Ballgewinnen - 15 allein in den ersten 45 Minuten - rasch nach vorn kamen und Umschaltangriffe über Alex Meier und Ante Rebic initiieren konnten.

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Taktisch ausgereiftes System fehlt

Die mangelnde Kontrolle der Bayern mündete in vielen losen Bällen und 50:50-Zweikämpfen im mittleren Spielfelddrittel, wodurch die Mannschaft ihre individuelle Klasse nur mühsam ausspielen konnte.

In Frankfurt brachte die Einwechslung von Renato Sanches zumindest eine spielerische Verbesserung, wenngleich die Bayern am Ende lediglich einen Punkt mitnahmen. Ancelotti verfügt über viele personelle Optionen und natürlich generell über einen der qualitativ hochwertigsten Kader in Europa.

Aber: Im Moment beschränkt der Italiener sein Team auf diese Qualitäten und liefert kein taktisch ausgereiftes System.

Alles andere als ein Dogmatiker

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Während Guardiola hinsichtlich seiner Philosophie sehr starr blieb, machte er in der Praxis von Woche zu Woche viele Detailanpassungen. Ancelotti hingegen ist alles andere als ein Fußball-Dogmatiker, aber er bleibt bis jetzt ein Stück weit den Beweis schuldig, dass er seine Mannschaft auf knifflige Aufgaben wie jene in Frankfurt angemessen vorbereiten kann.

Für den Italiener und den FC Bayern im Allgemeinen spricht, dass sie trotz dieser kleinen Krise Tabellenführer in der Bundesliga sind. Von dieser Momentaufnahme lässt sich an der Säbener Straße zwar niemand blenden - siehe Karl-Heinz Rummenigges Wutrede nach dem Remis in Frankfurt.

Zur gleichen Zeit aber bemerken die Gegner in der Bundesliga und ganz sicher auch in der Champions League, dass es aktuell Mittel und Wege gibt, die Münchner zumindest zu ärgern.

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