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Taktiktüffler: Carlo Ancelotti und Zinedine Zidane © Grafik SPORT1 Philipp Heinemann

München - Wie wollen die beiden Trainer Carlo Ancelotti und Zinedine Zidane sich gegenseitig aushebeln? Die SPORT1-Taktikanalyse zum Duell Bayern - Real.

Erst am vergangenen Wochenende untermauerte Bayern München die eigene Vormachtstellung in der Bundesliga und zerlegte Borussia Dortmund in der Allianz Arena. Doch die Ansprüche beim Tabellenführer gehen weit über den nationalen Meistertitel hinaus. Carlo Ancelottis Team soll erstmals seit 2013 wieder zum Henkelpott greifen. Die anstehende Aufgabe in der Champions League wird sich jedoch höchstwahrscheinlich als ganz enge Kiste erweisen.

Gegner im Gigantenduell ist Real Madrid (20.45 Uhr im LIVETICKER und in unserem Sportradio SPORT1.fm), geleitet von Ancelottis ehemaligem Co-Trainer Zinedine Zidane. Der Franzose gewann bereits in seiner ersten Saison als Cheftrainer der Madrilenen die Champions League, als man sich im vergangenen Sommer im Elfmeterschießen gegen den Stadtrivalen Atletico Madrid durchsetzte. Wer glaubte, der ehemalige Weltklassespieler würde schnell auf dem Boden der Tatsachen landen, sieht sich widerlegt. Zidanes Mannschaft führt La Liga an und scheint trotz kleinerer Krisen gefestigt.

Real setzt auf das Tempo der Sturmspitzen

Ähnlich wie unter Ancelotti, der zwischen 2013 und 2015 Madrid trainierte, nutzen die Blancos ganz pragmatisch das Tempo der Sturmspitzen. Cristiano Ronaldo und Gareth Bale sollen in Szene gesetzt werden. Eins-gegen-Eins-Situationen sind gegen die beiden nur schwer zu gewinnen. Darum lässt Zidane, der einst bei den Galacticos an der Seite von schnellen Flügeldribblern wie Luis Figo spielte, viele Angriffe über die Flügel laufen.

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Eine weitere Parallele zur Mannschaft der 2000er ergibt sich aus Zidanes Erkenntnis, dass er ein stabilisierendes Element im Mittelfeld braucht. Zu seiner aktiven Zeit hielt ihm Claude Makelele den Rücken frei, nun soll Casemiro dies für Toni Kroos, Luka Modric oder Isco tun. Der brasilianische Sechser ist limitiert im Ballbesitzspiel, aber ein robuster Manndecker und teils immens wichtiger Raumblocker, wenn sich Madrid im Rückwärtsgang befindet.

Bayern sucht den freien Raum

In eben jenem möchte der FC Bayern den Gegner aus Spanien möglichst häufig am Mittwochabend sehen. Die Münchener werden versuchen, das Spiel zu kontrollieren und über Ballbesitz zu dominieren. Ancelotti weiß aber selbst noch genau, wie er die Bayern als Trainer in Diensten Madrids im Jahr 2014 beim 4:0 in der Allianz Arena knackte: mit rasantem Umschaltspiel und intelligentem Zustellen gegen den Ball.

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Deshalb werden die Bayern eine schnelle Ballzirkulation forcieren und in freie Räume schieben. So zogen die Münchener auch die Formation des BVB am vergangenen Wochenende auseinander und öffneten zumeist Lücken auf dem Flügel. Thiago wird wie immer im Halbraum viele Bälle übernehmen, weil er sich selbst bei gegnerischem Pressingdruck aus kniffligen Situationen befreien kann.

Gerade die linke Seite der Bayern mit David Alaba in breiter Position und Franck Ribery in eingerückter Stellung bietet sich für Dreiecksbildung und längere Kombinationsphasen an, was wiederum Raum für Arjen Robben auf rechts schaffen würde. Obwohl diese Saison erfolgreich für Madrid verläuft, taten sich die Spanier bis jetzt nicht durch eine konstant stabile Defensive hervor. Es streuen sich gelegentlich individuelle Fehler ein und das Pressing in vorderster Linie greift nicht immer.

Die größte Gefahr sind die Konter

Doch selbst wenn die Bayern zu eigenen Treffern kommen, bleibt es eine gefährliche Angelegenheit. Jedes Auswärtstor Madrids würde ungemein wehtun. Und die Mannen aus der spanischen Hauptstadt sind im Konterspiel so stark wie nahezu kein zweites Team. Abwehrchef Sergio Ramos sowie die Schaltzentrale bestehend aus Kroos und Modric können im Umschaltspiel punktgenaue Pässe an den Mann bringen. Verlieren die Münchener also den Ball im Zentrum, wäre die höchste Gefahrenstufe schon erreicht.

Ancelotti muss sich die Fragen stellen, ob er angesichts der Konterstärke etwas konservativer vorgeht. Gerade die bayerischen Außenverteidiger wurden zuletzt häufiger überspielt, weil sie aus ihrer hohen Positionierung wenig im Pressing beziehungsweise Gegenpressing ausrichten konnten. Andererseits würde eine vornehmlich tiefe Einbindung von Alaba und Philipp Lahm das angesprochene Offensivkonzept schwächen. Vertraut Ancelotti also auf die Dominanz seiner Elf oder fürchtet er sich vor einem Erlebnis wie 2014, bei dem er plötzlich der Leidtragende wäre?

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