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© SPORT1-Grafik/dpa Picture Alliance

München - Nach dem Anschlag auf den Bus von Borussia Dortmund hagelt es Kritik an der Neuansetzung des Monaco-Spiels. Es müssen neue Lösungen her. Der SPORT1-Kommentar.

Die Ereignisse in Dortmund am Dienstagabend haben selbstverständlich auch die SPORT1-Redaktion erschüttert. Ein Gefühl, dass sich mit Bekanntwerden der schockierenden Details zum Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund am Mittwoch verstärkt hat.

Die Reaktion auf die Neuansetzung des Spiels keine 24 Stunden nach dem Anschlag war am Mittwochmorgen trotzdem im ersten Moment eher hilflos: Wie soll es die UEFA auch anders machen, angesichts des engen Terminplans?  Es muss ja weitergehen.

Diese Einschätzung war falsch. Sie zeigt, wie sehr man im geschlossenen System Profi-Fußball die Scheuklappen auf hat und sich der Macht des Faktischen (in diesem Fall: des Spielplans) beugt.

Dass BVB-Trainer Thomas Tuchel und viele seiner Spieler die Ansetzung des Spiels kritisieren und auch die UEFA für den Ablauf der Entscheidung angehen, ist ihr gutes Recht. Vor allem, wenn man bedenkt, was sie erleben mussten.

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Letztlich muss man aber auch den Verband ein wenig in Schutz nehmen. Der Anschlag von Dortmund stellt eine Extremsituation dar, mit der die meisten Beteiligten sich bisher glücklicherweise nur selten beschäftigen mussten.

Die Standardformulierungen vom Dienstagabend greifen in der aktuellen Weltlage zu kurz. Leider ist davon auszugehen, dass sich solche Situationen wiederholen können. Die Spieler seien Profis, die würden das am nächsten Tag schaffen, hieß es am Dienstag. Ja, aber auch Profis sind Menschen. Die Terminhatz ist ohnehin schon extrem für Spieler aus Vereinen wie Borussia Dortmund und FC Bayern. In dieser Woche wechselte sie von extrem zu unmenschlich.

Auch Profis können nicht alles leisten. Profi zu sein, bedeutet erst einmal nur, eine Tätigkeit auszuführen, für die man ausgebildet ist und Geld bekommt. Auch Piloten oder Polizisten sind Profis. Aber selbst bei Polizisten - die anderen Gefahren im Alltag ausgesetzt sind - würde man einen Tag nach einem Mordanschlag nicht verlangen, dass sie wieder an ihrem Arbeitsplatz erscheinen.

Nun tragen Fußballer eine andere Verantwortung als Piloten oder Polizisten. Aber auch sie sollten nicht schlechter gestellt werden, als alle anderen Menschen.

Dass die Show immer weitergehen muss, ist in Zeiten realer und dauerhafter terroristischer Bedrohung keine Lösung mehr. Ketzerisch gefragt: Bei wie vielen Toten im BVB-Bus wäre das Spiel oder sogar der Wettbewerb denn abgesagt worden?

Vor dem Afrika Cup 2010 starben bei einem Überfall auf den Bus des Nationalteams von Togo drei Menschen. Eine Verlegung oder Absage des Turniers war trotzdem kein Thema. Togo blieb nur, seine Mannschaft zurückzuziehen, wodurch man gleich doppelt zum Opfer wurde.

Für den BVB war die Lage am Dienstag angesichts bestehender Regularien offenbar ziemlich alternativlos. Dass der Mannschaft dann auch noch aufgeladen wird, durch ihr Antreten ein Zeichen für Demokratie und Freiheit setzen zu sollen, ist für junge, verängstigte Männer Anfang 20 ein bisschen zu viel verlangt. Unter diesen Voraussetzungen ist die Leistung der Mannschaft beim 2:3 gegen AS Monaco überhaupt nicht hoch genug einzuschätzen.

Alle Beteiligten sollten daraus lernen. Trotz aller terminlichen und vertraglichen Zwänge muss Platz für die Menschen bleiben. Man muss darauf vorbereitet sein, zu unkonventionellen Lösungen zu greifen, also beispielsweise den zementierten Zeitplan aufzubrechen, um die nötige Zeit zur Verarbeitung zu bieten.

Das wirkt auf den ersten Blick nur schwer machbar. Bis vor kurzem erschien es aber auch nicht möglich, dass mitten in Deutschland ein Mannschaftsbus mit Bomben angegriffen wird.

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