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München - Trotz des Sieges im ersten Champions League-Spiel gegen Anderlecht werden die Probleme beim FC Bayern vor allem an Trainer Carlo Ancelotti festgemacht. Zurecht?

Der FC Bayern befindet sich im Moment in einer spielerischen Krise, die vor allem am Ansehen von Carlo Ancelotti kratzt. Der oftmals stoische Italiener ist alles andere als unumstritten in München.

Nicht ohne Grund wird Hoffenheims Julian Nagelsmann bereits als Nachfolger heiß gehandelt.

Die aktuelle Entwicklung mag überraschen, durfte Ancelotti doch mit Pep Guardiola einen renommierten Trainerkollegen im Sommer 2016 beerben.

Obwohl Guardiola mit den Bayern in seiner dreijährigen Amtszeit nicht das Finale der Champions League erreichte, was dem Katalanen zuweilen als Misserfolg ausgelegt wurde, hinterließ er eine taktisch hochversierte Mannschaft. Davon ist mittlerweile nur noch wenig zu erkennen.

Unter Ancelotti haben die Bayern des Öfteren massive Probleme ihr offensives Potenzial auszuschöpfen. Dem Spielaufbau fehlt es am Überraschungseffekt, den Angreifern an der passenden Staffelung.

Dabei haben sich die Herausforderungen für die Mannschaft seit dem Trainerwechsel nicht geändert.

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Bayerns Gegner stehen tief

Weiterhin muss sich der FCB vornehmlich mit tiefstehenden Gegnern auseinandersetzen. Selbst die ambitionierten Hoffenheimer hatten beim 2:0-Sieg am vergangenen Samstag nur 28 Prozent Ballbesitz.

Als Guardiola noch das Zepter in der Hand hielt, lief der Ball zunächst durch die hinteren Reihen, so wie auch in diesen Tagen. Aber vor zwei Jahren versuchten die Bayern durch eine tiefe Ballzirkulation und ständige Seitenwechsel den Gegner auseinanderzuziehen.

Im Moment ist es eine reine Sicherheitsmaßnahme.

Denn Ancelottis Bayern greifen in der Mehrzahl der Fälle sowieso über die Flügel an. Im 4-3-3-System herrscht oftmals ein großes Loch vor den zentralen Mittelfeldspielern. Die Passoptionen sind limitiert und führen die Angriffe unweigerlich auf die Außenbahnen.

Das wird für jeden cleveren Gegner ausrechenbar. Hoffenheim-Trainer Nagelsmann gab seiner Mannschaft sogar die klare Ansage mit auf den Weg: Lasst die Flügel frei, bleibt stattdessen kompakt im Zentrum. Seine Rechnung ging auf.

Die Bayern schlugen 43 Flanken in den Sechzehner, nur neun davon kamen an. Die allermeisten führten zu Ballverlusten.

Jahrelanger Erfolg über außen

Ein extremer Fokus auf Flügelspiel ist natürlich keine Erfindung Ancelottis. Bereits seit Jahren lag der Erfolg für den Rekordmeister auf den Außenbahnen. Arjen Robben und Franck Ribéry bildeten eine für viele Gegner furchteinflößende Flügelzange.

Aber gerade unter Guardiola herrschte mehr Variabilität. Die Außenverteidiger schalteten sich in die Halbräume ein. Das Positionsspiel war ausgeklügelter, es beruhte auf klaren Vorgaben. Und nicht zuletzt agierten die Bayern kompakter in Ballnähe, was beim Gegenpressing nach Ballverlusten enorm half.

Aktuell sind die Abstände zwischen den einzelnen Spielern zu groß. Zudem bleiben wichtige Räume unbesetzt. Das vermindert die Durchschlagskraft der Münchener, die sich gerade gegen taktisch kluge Teams wie Hoffenheim nicht auf ihre individuelle Überlegenheit verlassen können.

Ancelotti wurde nach Guardiolas dreijährigem Taktik-Exzess als Pragmatiker an die Säbener Straße geholt. Doch zu viel Pragmatismus und zu wenig taktische Finesse führen unweigerlich zu Einfachheit und Ausrechenbarkeit des eigenen Spiels, wie die Bayern im Moment erfahren müssen.

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