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Das Pokalfinale ist auch das Duell der Taktikfüchse Pep Guardiola (l.) und Thomas Tuchel © Getty Images/ iStock/ SPORT1

München - Das Duell zwischen Bayern und Dortmund ist auch ein Kampf der Taktikfüchse. Das Remis im März dient BVB-Coach Tuchel als Vorbild. Allerdings muss er das Risiko erhöhen.

Thomas Tuchel möchte am Samstagabend (ab 19.30 Uhr LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm sowie im LIVETICKER ) die titellose Zeit von Borussia Dortmund beenden. Letztmalig gewann der BVB den DFB-Pokal im Jahr 2012 mit einem 5:2 über Bayern München. 2014 und 2015 scheiterten die Westfalen jedoch zweimal im Endspiel in Berlin. (DIASHOW: Die historischen Pokal-Duelle)

Nun geht es am Samstagabend wieder gegen die Bayern, die der BVB in der Liga zumindest nicht von einem Titelgewinn abhalten konnte. In der Hinrunde gab es eine deutliche 1:5-Niederlage in München. Im vergangenen März endete das Aufeinandertreffen zwischen BVB und FCB mit einem torlosen Remis.

Immerhin stimmt die Tendenz, könnte das Motto der Dortmunder Verantwortlichen lauten.

 Fünferkette im März

Tuchel nutzte im letzten Duell mit Pep Guardiola und den Bayern seine nach der Winterpause eingeführte Variante der Fünferabwehrkette. Die Dortmunder positionierten damals in der Defensive ihre Linien ungewöhnlich weit auseinander. Vorn liefen in der ersten Pressingphase fünf Akteure die bayerischen Aufbauspieler an. Dahinter klaffte ein Loch und in der Abwehrlinie besetzten die weiteren fünf Spieler die komplette Breite des Feldes. Wurde ein bayerischer Stürmer von einem Dortmunder Verteidiger ins Mittelfeld hinein verfolgt, konnten die restlichen Abwehrspieler die Lücken füllen.

Knapp eine halbe Stunde lang hielt der BVB damals die Partie offen, bevor die Bayern geschickt reagierten, indem Arturo Vidal von der Doppelsechs aus vermehrt nach vorn rückte, wodurch Dortmunds Abwehr nicht mehr in Überzahl an der Abseitsgrenze stand.

Guardiolas Mannschaft übernahm die Kontrolle über die Partie. Tuchel hingegen nahm selbst in der zweiten Halbzeit keine großen taktischen Änderungen vorn. Seine beiden Sechser, Julian Weigl und Ilkay Gündogan, blieben somit im Zentrum isoliert. Allenfalls der eine oder andere schnelle Umschaltangriff hätte zu einem Tor führen können.

So spielte der BVB beim 0:0 im März © SPORT1-Grafik: Getty Images/iStock

 

Reaktive Verteidigung

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Tuchel sein Team im Pokalfinale wieder mit einer Fünferabwehr beginnen lässt. Die Bayern bevorzugen in dieser Saison Flügelangriffe und sie ziehen dabei das Spiel in die Breite. Fünf Verteidiger können leichter von einer Seite zur anderen verschieben. Zudem ist immer eine Absicherung gewährleistet, sollte einer der beiden Außenverteidiger auf den Ballführenden rücken.

Das Defensivsystem des BVB, das in der letzten Partie gegen Bayern angewandt wurde, ist allerdings von einem reaktiven Ansatz geprägt. Die Dortmunder orientierten sich damals stets an den Gegenspielern und nahmen diese in enge Manndeckung. Dies kann gerade im Duell mit dem FCB sehr ermüdend sein. Man hält die Bayern im besten Fall vom eigenen Tor fern, kann aber deren Spielaufbau nicht in eine bestimmte Zone leiten, um anschließend Druck zu erzeugen.

Es bleibt allerdings fraglich, inwieweit eine alternative Defensivstrategie erfolgreich wäre. Denn aufgrund ihres ausgeklügelten Positionsspiels in den ersten Phasen des Spielaufbaus sind die Bayern recht immun gegen Pressingvarianten, die vornehmlich Passwege belauern und Ballempfänger schnell unter Druck setzen sollen.

So spielten die Bayern beim 0:0 im März © SPORT1 Grafik: Getty Images/iStock

Gefahr im Rückraum

Gelangen die Münchener über die Flügel nach vorn, spielen sie in der Regel über Dreiecke ihre schnellen Außenstürmer frei, die anschließend durchbrechen und den Ball ins Zentrum schlagen. Schon diese Hereingaben sind unangenehm zu verteidigen, doch die Abpraller landen außerdem häufig bei den Münchenern – insbesondere bei Thomas Müller.

Sollte Tuchel vornehmlich auf Manndeckung setzen, könnte sich Weigl um Müller kümmern und diesen im Raum vor der Abwehr bewachen, wenn die Bayern den Ball nach vorn bewegen und in die Mitte flanken. In der zweiten Halbzeit des Rückspiels gegen Atletico Madrid wurde Saul Niguez von Diego Simeone als Absicherung vor die Abwehr gestellt. Immer wenn Müller durch die Zone von Niguez lief, wurde er kurzfristig verfolgt.

Die Borussen müssten neben Müller jedoch zudem auf Vidal achten. Der Chilene variiert seine Vorstöße. Manchmal rückt er nur in den Rücken der vorderen Angreifer. In anderen Situationen zieht er an die Seite von Robert Lewandowski und erhöht die bayerische Präsenz im gegnerischen Strafraum.

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Risiko im Spielverlauf erhöhen

Um nicht über 90 oder 120 Minuten nur auf die Aktionen der Bayern zu reagieren, könnte es Tuchels strategischer Anspruch sein, die Ballbesitzdominanz des Gegners zu brechen. Das Pressing des FCB ist darauf ausgerichtet, stets so schnell wie möglich wieder das Spielgerät zurückzuerobern.

Da die Bayern die Räume rasch verdichten, muss der jeweilige Dortmunder Ballführende umgehend einen freien Mitspieler entdecken, um nicht abgeschnürt zu werden. Die angesprochene Fünferabwehr bietet zumindest sichere erste Anspieloptionen im Aufbau. Die beiden Flügelverteidiger rücken ein Stück weit nach vorn und können in der Regel von den zentralen Verteidigern angespielt werden. Anschließend erfolgt hinter Bayerns erster Pressinglinie eine Verlagerung nach innen und die Dortmunder kommen in höheren Spielfeldzonen ins Kombinationsspiel.

Allerdings wird mit einer Fünferabwehr natürlich Präsenz in der Offensive geopfert. Und selbst im 4-3-3-System der Rückrunde gab es im Vergleich zu den ersten Monaten unter Tuchel einen Spieler weniger, der sich in der Offensive einschaltete. Der Dortmunder Trainer möchte so die defensive Absicherung erhöhen, verringert aber gleichzeitig die Durchschlagskraft der Spielzüge.

Varianten für Tuchel limitiert

In einer K.o.-Partie wie am Samstagabend muss der BVB ab einem bestimmten Punkt das Risiko erhöhen - ob nun in Rückstand oder nicht. Folglich wäre es äußerst interessant, würde Tuchel zum System der Hinrunde zurückkehren, in welchem die Dortmunder den linken Halbraum mit mehreren Offensivakteuren besetzen. Sie könnten in dieser Zone kleinräumige Kombinationen initiieren, aufgrund der engen Staffelung nach Ballverlusten ins Gegenpressing gehen und auf die ballferne rechte Seite verlagern. Die Durchschlagskraft der BVB-Angriffe wäre höher; die Gefahr mit einer rudimentären Zwei-Mann-Abwehr einen Gegentreffer nach bayerischem Umschaltangriff zu kassieren aber auch.

Selbstverständlich gehen die Dortmunder als Außenseiter ins Endspiel um den DFB-Pokal. Die Varianten, die erfolgsversprechend gegen Bayern sein könnten, sind arg limitiert. Tuchel muss zudem die richtigen Zeitpunkte wählen, in denen er die Zügel bei seiner Mannschaft lockert und entsprechend taktische Anpassungen vornimmt.

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