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Seit 2010 hat Thomas Müller 58 Länderspiele absolviert. © Getty Images

Zwei typische Tore gegen Schottland: Thomas Müller ist ein Phänomen. Und eigentlich ein Kandidat für die Weltfußballer-Wahl.

Vom DFB-Team berichten Andreas Reiners, Thorsten Mesch und Jochen Stutzky

Joachim Löw tat so, als sei es inzwischen das Normalste auf der Welt.

"Der Thomas kann mich nicht mehr verblüffen, dafür haben wir schon zu viel gemeinsam erlebt", sagte der Bundestrainer, angesprochen auf Thomas Müller.

Das größte Lob kam für den Bayern-Profi ausgerechnet vom Gegner. "Wenn du einen Spieler wie Müller hast, der 2,50 Meter hoch springen kann, kannst du die Tore nicht vermeiden. Er ist einfach eine Maschine", sagte Schottlands Nationaltrainer Gordon Strachan.

58 Länderspiele, 24 Tore

Löw versuchte schließlich, das Phänomen auf den Punkt zu bringen: "Thomas steht immer da, wo er als Stürmer stehen muss."

So einfach also? Ja, Fußball kann in der Tat manchmal so einfach sein.

In Zahlen: 58 Länderspiele, 24 Tore. Eine Quote von 0,41 Toren pro Spiel. Macht Müller so weiter, sind auch die jüngst erst aufgestellten Rekorde von Miroslav Klose (71 Länderspieltreffer, 16 WM-Tore) schon wieder Geschichte.

Müller steht nach zwei Weltmeisterschaften immerhin schon bei zehn Treffern. Und knüpfte beim 2:1 zum Auftakt der EM-Qualifikation gegen Schottland dort an, wo er eigentlich nie mit aufgehört hat: Tore zu schießen.

Müller traf doppelt. Und rettete der deutschen Nationalmannschaft den erfolgreichen Start in das Unternehmen EM 2016.

Schlag ins Gesicht für Ronaldo

Es dürfte somit eigentlich auch nur eine logische Konsequenz sein, dass der 24-Jährige zu den ganz heißen Kandidaten für die kommende Weltfußballer-Wahl zählt.

Oder?

Für den aktuellen Würdenträger Cristiano Ronaldo wäre ein Nachfolger wie Müller wohl ein Schlag ins Gesicht. Der Münchner ist kein technischer Tausendsassa wie der Portugiese.

Kein Dribbelkönig wie Lionel Messi. Kein Stratege wie vielleicht Iniesta oder Xavi. Und doch irgendwie von allem etwas.

2011 hatte ihn der spanische Nationaltrainer Vicente del Bosque bei der Weltfußballer-Wahl bereits auf Platz drei gesetzt. Weitsicht nennt man so etwas wohl.

Doch was macht das Phänomen Thomas Müller nun genau aus?

Müller ist vor allem Müller. Ein wohltuender Gegenpol zu einer weltweit gehypten Marke wie Ronaldo. Müller ist seine eigene Marke. Uneitel, dabei aber trotzdem extrovertiert. Allerdings auch immer auf eine selbstironische Art.

Unorthodoxe Spielweise

Trotzdem: Die Frage kann selbst Thomas Müller im Grunde nicht komplett beantworten. Er spiele unorthodox, sagte Löw einmal. Und traf es damit schon ganz gut.

Doch Müller wollte das so nicht stehen lassen. Vielleicht, weil der Begriff unorthodox ein bisschen negativ belastet ist. Er sei lieber der "Überrascher", erklärte er während der WM. Er sucht Räume, wo andere keine finden.

Fehl am Platz

Doch ob nun Überrascher, Vollstrecker oder Phänomen: Müller ist nicht der technische Feingeist. Kein Athlet, eher Asket. Mit seinen dünnen Stelzen und dem seltsamen Laufstil wirkt der 24-Jährige immer ein wenig fehl am Platz.

Er spiele komisch, sagte er einmal über sich selbst. Müller kann von allem ein bisschen, und das Meiste sogar richtig gut. Zaubern kann auch er nicht. Muss er auch nicht. Denn Fußball ist zumeist ja einfach.

Hinzu kommt, dass der Münchner mit seiner Art einen Nerv bei den Fans trifft. Er gehört nicht zu der Sorte Spieler, die Standardfloskeln zum Besten geben.

Also nicht nur "Es war der erwartet schwere Gegner" oder "Wir müssen jetzt nach vorne schauen".

Müller nennt die Dinge beim Namen. Kritisiert, wenn es nötig ist. Oft garniert mit einer Prise Humor. Mal platt. Mal schwarz. Aber immer authentisch. Dazu ist er bodenständig.

Langweilig, würde jemand wie Ronaldo vielleicht einwerfen. So langweilig wie sein deutscher Allerweltsname. Aber bei weitem nicht so durchschnittlich.

Thomas Müller-Seeler?

Müllers Witz durfte dann auch nach dem Sieg und seinen beiden Toren gegen Schottland nicht fehlen. Ob er denn jetzt den Beinamen Seeler verpasst bekommen hätte, nach seinem ersten Tor mit dem Hinterkopf?

"Wenn ich der Uwe Seeler gewesen wäre, hätte ich den ersten schon verwandelt", meinte er schelmisch. In der Tat: Vor dem Führungstreffer hatte er völlig freistehend kläglich am Tor vorbeigeköpft.

Es wäre interessant gewesen zu sehen, wie die Reaktionen des Publikums ausgefallen wären, hätte Mario Gomez diese Möglichkeit vergeben.

War Müllers Treffer in Seeler-Manier denn gewollt?

"Da darf man nicht so viel reininterpretieren. Fußball ist Fußball. Man versucht sein Bestes, aber man kann nicht alles zu hundert Prozent kontrollieren", so Müller.

Eigentlich habe er erst einmal das Kopfduell gewinnen wollen, meinte der Bayern-Stürmer und ergänzte: "Was gegen so einen Ur-Schotten nicht ganz so leicht ist." Trotz einer Sprungkraft von 2,50 Meter.

"Das hat funktioniert und dann ist er noch schön hinten ins Eck gefallen", befand Müller.

Freude nur bei einem Sieg

Natürlich freue er sich, wenn er ein Tor mache. Das sieht man ihm an. Wie beim 2:1, als er mal wieder einfach nur richtig steht. Sich umdreht. Die Faust zeigt. Und wie so oft den Mund weit aufreißt.

"Richtig freuen kann man sich aber nur, wenn es für einen Sieg reicht. Und deshalb war die Genugtuung schon da. Weil ich weiß, wie wichtig die drei Punkte sind", stellte er noch klar.

Man nimmt es ihm ab. Und auch das hat er einem Ronaldo voraus: Müller ist eben ein Teamplayer.

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