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Christoph Kramer (r.) steht voll hinter seinem neuen Kapitän im DFB-Team, Bastian Schweinsteiger
Christoph Kramer (r.) steht voll hinter seinem neuen Kapitän im DFB-Team, Bastian Schweinsteiger © Getty Images

Düsseldorf - WM-Held Christoph Kramer spricht mit SPORT1 spricht über seine Rolle im Nationalteam, den Hype um seine Person und seine Zukunft.

Christoph Kramer ist durchgestartet. Innerhalb eines Jahres kletterte der 23-Jährige die Karriere-Leiter von der Zweiten Liga hoch bis zur Nationalmannschaft und zum Weltmeister.

Die Geschichte von seinem Blackout im Finale nach einem Zusammenprall mit Argentiniens Ezequiel Garay ist legendär, auch wenn er sie nicht mehr hören kann.

Nach der WM begann für Kramer ein Feier-Marathon. Er trug sich ins Goldene Buch seiner Heimatstadt Solingen, auch in Mönchengladbach wurde ihm diese Ehre zuteil.

Die Borussia will den aus Leverkusen ausgeliehenen Mittelfeldspieler unbedingt halten, doch Bayer 04 pocht auf den bis 2017 laufenden Vertrag.

Am Mittwoch gehörte er beim 2:4 gegen Argentinien zu den Besten, am Sonntag wird er beim Start der EM-Qualifikation gegen Schottland (So., ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER und LIVE auf SPORT1.fm) wieder in der Startelf stehen, weil Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira verletzt sind.

Im Interview spricht Christoph Kramer über die WM, seine Rolle im DFB-Team, den Hype um seine Person und seine sportliche Zukunft.

SPORT1: Herr Kramer, Sie waren beim 2:4 gegen Argentinien einer der besten Deutschen. Fühlen Sie sich als Gewinner des Spiels?

Kramer: Wenn man als Mannschaft verliert, tue ich mich schwer von Gewinnern zu reden. Ich habe eine vernünftige Leistung abgeliefert, das freut mich.

SPORT1: Haben Sie durch die WM einen Lauf?

Kramer: Du hast ein gesteigertes Selbstbewusstsein, wenn du vorher mit den besten Spielern der Welt zusammen warst und den WM-Pokal gewonnen hast. Ich empfinde dieses andere Standing durch den WM-Titel aber nicht als Druck. Es beflügelt mich, und ich habe versucht, es mit in die neue Saison zu nehmen. Dann klappen auch mal ein paar Sachen, die sonst nicht klappen. Man muss immer bedenken: Die Mitspieler haben einen großen Anteil daran, wie du selbst spielst. Klar bin ich irgendwo stärker geworden, aber das hat immer etwas damit zu tun, wie dein Umfeld und wie gut deine Mannschaft ist. Es ist einfacher, in einer besseren Mannschaft zu glänzen.

SPORT1: Vor der WM kannten Sie viele in erster Linie als Laufwunder und weniger als einen technisch sehr guten Spieler. Haben Sie in Brasilien dazugelernt?

Kramer: Ich habe vorher schon gesagt, dass ich auch ein bisschen kicken kann. Mit Sicherheit lernt man bei einer WM dazu, gerade als junger Spieler. Aber ich bin trotzdem kein anderer Fußballer oder anderer Mensch geworden. Die Wahrnehmung ist jetzt anders. Ich habe mal in der Zweiten Liga gegen Fürth ein Tor gemacht, das hat noch kein Mensch auf dieser Welt so geschossen. Man kann es sich auf Youtube anschauen. Es war das Tor des Jahrhunderts, aber es hat niemanden interessiert. Wenn ich dieses Tor heute erzielen würde, wäre es das Tor des Jahrhunderts.

SPORT1: Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira sind verletzt. Sehen Sie sich im Mittelfeld in einer tragenden Rolle?

Kramer: Die Verletzten kommen ja irgendwann wieder. Ich bin einfach froh, dass ich hier bin. Es macht riesigen Spaß und es ist auch schön, wenn man medial ein bisschen gehyped wird, aber ich bin ganz entspannt. Nur weil ich ein gutes Spiel gemacht habe, fühle ich mich nicht als fester Bestandteil dieser Mannschaft.

SPORT1: Was sagen Sie zu Schweinsteigers Ernennung zum Kapitän?

Kramer: Ich finde, dass es die richtige Entscheidung ist. Spätestens seit dem WM-Finale ist er für mich eine Legende und deshalb soll er auch die Binde tragen.

SPORT1: An welchen Spielern orientieren Sie sich?

Kramer: Ich eifere keinem Spieler nach. Aber ich fand natürlich in meiner Jugend viele Spieler toll und gut. Steve Gerrard fand ich immer großartig, Stefan Effenberg auch, Schweinsteiger fand ich grandios und finde ich grandios.

SPORT1: Sind Sie wirklich so unbekümmert und furchtlos, wie sie auf dem Platz wirken, oder sind Sie auch mal nervös?

Kramer: Klar war ich vor dem WM-Finale extrem nervös. Aber sobald ich auf dem Platz bin, ist es eigentlich wie immer: Dann bin ich neun Jahre alt und renne jedem Ball hinterher. Fußball ist etwas Wunderschönes. Ich habe keine Angst vor Fehlern. Wenn ich mal 15 hintereinander mache und bin dann nicht mehr dabei, dann ist das halt so.

SPORT1: Ihr Aufstieg zum Nationalspieler war rasant. Besteht die Gefahr abzuheben?

Kramer: Ich weiß, dass es bei mir sehr schnell ging. Das ist auch bestimmt nicht selbstverständlich, aber ich sehe keinen Grund abzuheben. Ich bin derselbe Mensch wie vor der WM und dem ganzen Hype. Es ist viel passiert, aber ich spiele immer noch Fußball, weil es mir Spaß macht. Es ist schön, wenn das Stadion voll ist und es um etwas geht, dann kribbelt es. Ich fühle mich nicht besser als andere, weil ich bei der Nationalmannschaft bin oder mehr Geld verdiene.

SPORT1: Sie haben in Ihrer Jugend auch Rückschläge einstecken müssen. Wie wichtig waren diese Erfahrungen für Ihre Entwicklung?

Kramer: Das hat mich sehr geprägt. Ich weiß, dass Erfolg nicht selbstverständlich ist und dass es in beide Richtungen sehr schnell gehen kann.

SPORT1: Wie viel ist bei Ihnen Talent und wie viel macht der Wille aus?

Kramer: Je ein Drittel Talent, Glück und Willen. Ich habe in der Jugend viele Spieler gesehen, die mehr Talent hatten. Ich habe viele mit ein bisschen mehr Willen gesehen und ich kenne ganz viele Leute, die hatten viel Glück in ihrem Leben. Wenn du nur eins von den drei Dingen nicht hast, schaffst du es wahrscheinlich nicht in den bezahlten Fußball. Ich war bestimmt in meinem Leben zehn Mal zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Man muss im entscheidenden Moment voll da sein, aber trotzdem gehört immer Glück dazu.

SPORT1: Können Sie Fragen zu Ihrem Blackout im WM-Finale noch hören?

Kramer: Dass ich umgefallen bin und mich an nichts erinnern kann, wissen jetzt alle. Es kam keine Erinnerung zurück und es wird nichts zurück kommen. Das ist aber auch nichts Neues (lacht).

SPORT1: Aber dass die Geschichte stimmt, haben Sie im Fernsehen gesehen, oder?

Kramer: Ja. Es ist komisch, wenn ich es mir angucke. Man fühlt sich so, als hätte man da nicht richtig gelebt.

SPORT1: Was ist das Erste, an das Sie sich erinnern?

Kramer: Ins Stadion einlaufen und den Pokal sehen.

SPORT1: Was erwarten Sie vom Spiel gegen Schottland?

Kramer: Es wird nicht einfach. Die Schotten sind nicht gerade für eine filigrane Spielweise bekannt. Es wird einiges auf uns zukommen. Wir müssen von der ersten Sekunde an dagegenhalten.

SPORT1: Über Ihre Zukunft wurde zuletzt viel diskutiert. Sie sind von Leverkusen an Mönchengladbach ausgeliehen. Der Vertrag bei Bayer läuft noch bis 2017, aber Gladbach will Sie halten und es gibt einige interessierte Vereine. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Kramer: Ich sehe das positiv und werte das Interesse auch als Anerkennung meiner Leistung. Ich mache mir aber momentan nicht so viele Gedanken darüber. Ich freue mich, dass wir mit Gladbach in der Europa League spielen. Was dann nächstes Jahr im Frühjahr passiert, das wird man sehen..

SPORT1: Käme auch ein Wechsel ins Ausland in Frage?

Kramer: Nochmal: Ich mache mir im Moment keine Gedanken darüber und fühle mich sehr wohl im Hier und Jetzt. Aber zeigen Sie mir den Spieler, für den es nicht etwas Besonders wäre, für einen Verein wie Real Madrid oder Manchester United zu spielen. Ob das so realistisch ist, weiß ich nicht. Ich werde schon gut unterkommen, da bin ich mir sicher.

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