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Kevin Großkreutz ist nicht für die kommenden EM-Qualifikationsspiele gegen Polen und Irland nominiert worden

Löw nominiert den Borussen nicht fürs DFB-Team - ein klares Zeichen in Sachen Lahm-Nachfolge gegen den unberechenbaren Charakter.

Von Julian Ignatowitsch

München - Was Kevin Goßkreutz wohl gemacht hat, als er es erfahren hat? Ob er schimpfend einen Ball gegen die Bande getreten hat? Ob er zum Dönerladen um die Ecke gegangen ist? Oder zum nächsten Tattoostudio? Vielleicht hat er auch eine Hotellobby aufgesucht und??

Nein, lassen wir das.

Schließlich soll es hier um das sportliche Faktum von Großkreutz' Nicht-Nominierung für die deutsche Nationalmannschaft gehen (

).

Wobei sich das eben gar nicht so leicht mit sportlichen Gründen erklären lässt. Vielmehr sind ja gerade die scheinbar privaten Angelegenheiten der Knackpunkt.

Also lassen wir es nicht.

Schließlich ist im Leben eines Profifußballers nur wenig privat - und der Blick auf Großkreutz' Eskapaden abseits des Platzes ist in vielerlei Hinsicht aufschlussreich.

"Taktisches Genie" von Löw nicht nominiert

Über Großkreutz sportliche Bilanz lässt sich nur wenig streiten: 165 Bundesliga-Einsätze, 2027 Einsatzminuten in der Champions-League, mehr als 60 Torbeteiligungen für Borussia Dortmund, zwei Mal Deutscher Meister, ein Mal Pokalsieger, Champions-League-Finale - und, ach ja, seit neustem auch Weltmeister (zugegeben, sein Anteil daran hielt sich in Grenzen).

Er ist flexibel einsetzbar, Klopp hat Großkreutz mal als "taktisches Genie" bezeichnet und ihm attestiert, er lerne "taktische Abläufe und neue Positionen so schnell wie Henrikh Mkhitaryan neue Sprachen." Der kann immerhin fünf.

Es gibt also nur wenig Zweifel, dass Großkreutz, mit 25 Jahren zudem im besten Fußballeralter, im Vergleich zu Spielern wie Shkodran Mustafi, Antonio Rüdiger, Sebastian Rudy oder dem eben erstmals nominierten Karim Bellarabi viele Argumente auf seiner Seite hat.

Trotzdem ist er in den kommenden Qualifikationsspielen gegen Polen und Irland nicht dabei, und die anderen Genannten schon. Gut möglich, dass das in Zukunft so bleibt.

Kampfschwein, Sturkopf und "BVB-Proll"

Und damit sind wir wieder am Anfang, bei Kevin Großkreutz, einem komplizierten Charakter, einem "Sturkopf", wie ihn Klopp immer wieder nennt, und einem, der seine Emotionen nur schwer in den Griff bekommt.

Auf dem Platz zeichnet das Großkreutz aus, macht ihn stark, lässt ihn unermüdlich laufen, kämpfen, grätschen. Niemals aufgeben.

Neben dem Platz macht ihn das zu einem der (bei den Fans) verhasstesten Bundesligaspieler, zum "BVB-Proll", der Dinge sagt und tut, die vielen nicht gefallen.

"Kevin ist noch jung, er ist impulsiv"

Auch Joachim Löw hat damit teilweise seine Probleme. Man muss nicht zwischen den Zeilen lesen, um das zu erkennen: "Nationalspieler sind in ganz besonderem Maße Vorbilder, auch neben dem Platz. Daran haben wir Kevin erinnert und ihm klargemacht, dass so etwas nicht wieder vorkommen darf", kommentierte Löw seinerzeit die "Pipi-Affäre".

Oder: "Kevin ist noch jung, er ist impulsiv" - das klingt wie das väterliche Urteil über den unreifen Sohn.

Löw mag dieses Unreife, dieses Unberechenbare nicht. Er bevorzugt - anders als Klopp - den bedachten, abgeklärten Spielertyp ala Miroslav Klose, Per Mertesacker oder Philipp Lahm. Alle drei sind nach der WM abgetreten.

Wohl kein Nachfolger von Lahm

Großkreutz wurde insbesondere als Nachfolger von Lahm gehandelt. Dass das in Löws Vorstellung anders aussieht, machte er nun unmissverständlich klar.

Die Nicht-Nominierung verwundert dennoch ein wenig, denn Großkreutz ordnete sich während der WM unter, war bei seinen Teamkollegen durchweg beliebt und wurde quasi zum neuen besten Freund von Löws rechter Hand Bastian Schweinsteiger.

Selbst über den Sprechchor "Großkreutz rück den Döner raus" konnte er plötzlich lachen (News). Wenn sich Großkreutz mit einem Team identifiziert und ihm andersrum Vertrauen entgegengebracht wird, ist er zu Vielem im Stande.

Borusse - ein Leben lang 

Dann funktioniert er, wie in Dortmund, deren städtisches Wappen er zusammen mit der Dortmunder Skyline als Tattoo auf der rechten Wade trägt, dazu die gewonnen Titel auf der Schulter (News). Ein Junge der Stadt, der sich vom BVB-Nachwuchs über den Umweg RW Ahlen ins Profiteam gekämpft hat, wie Marco Reus.

Kaum vorzustellen, dass er jemals wieder woanders spielen wird.

"Ein Leben lang Borusse bleiben" - so etwas kennt man eigentlich nur noch von Fans. Ein solcher Fan ist Großkreutz als inoffizieller "Integrationsbeauftragter" des BVB immer geblieben.

Auch in Dortmund mit Ausrastern

Aber selbst in Dortmund kommt es immer wieder zu Zwischenfällen.

Wie erst jüngst nach der ersten Saisonspleite in Leverkusen (0:2), als Großkreutz im Training mit Mitspieler Jonas Hofmann und Co-Trainer Zeljko Buvac aneinandergeriet (News). Beim Spiel in Mainz (0:2) gab es kurz vor Schluss Abstimmungsprobleme mit Klopp.

Zwischendrin machte er in der Champions League gegen Arsenal London eines der besten Spiele seiner Karriere.

Großkreutz ist fußballverrückt im doppelten Sinn des Wortes, positiv wie negativ, mit exzellenten Leistungen und unverständlichen Ausrastern. Er hat zwei Gesichter.

Großkreutz - der Verschmähte

Jogi Löw braucht all das nicht. Er hat Alternativen, die nicht viel schlechter, aber weitaus berechenbarer sind.

Die Nationalmannschaft ist nicht Borussia Dortmund. Auch wenn es den Anschein hatte, als hätte Großkreutz im WM-Quartier Campo Bahia seine zweite Familie und sein zweites Zuhause gefunden, scheint es doch so, als wolle Löw Großkreutz nicht dauerhaft in diesen Kreis aufnehmen.

Großkreutz - der Verschmähte. Ob ihn die Nicht-Nominierung nach all den Jahren des Aufstiegs zurückwirft, wird man sehen. Einen Knicks in seiner Karriere bedeutet sie allemal.

Einfach nur: Kevin

Dass er als Teilzeitkraft im Nationalteam funktioniert, ist angesichts all der gesagten Worte höchst unwahrscheinlich. Er ist sensibel, er braucht Vertrauen, welches er zumeist mit Leistung zurückzahlt. Löw gibt ihm dieses Vertrauen nicht.

Großkreutz bleibt demnach wohl nur ein Zuhause: Dortmund.

Dort verzeiht man ihm seine Ausrutscher, dort fühlt er sich wohl, dort ist er einfach nur: Kevin.

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