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Thomas Schneider spricht über seine Arbeit als "Co" von Joachim Löw, seine Ziele und erklärt, warum die Spieler ihn duzen dürfen.

Vom DFB-Team berichten Thorsten Mesch und Jochen Stutzky

Frankfurt/Main - Thomas Schneider stand in kurzen schwarzen Hosen und blauen Fußballschuhen auf dem Rasen der "kleinen Kampfbahn" neben der Frankfurter WM-Arena.

Ab und zu schlug er seine rote Mappe auf und machte sich Notizen, sprach kurz mit dem Bundestrainer, dann beobachtete er wieder das Geschehen.

Schneider ist keiner, der sich in den Mittelpunkt drängelt. Der neue Co-Trainer von Joachim Löw ist kein Mann der großen Worte. Aber er ist jemand, der sich sehr genau auf seine neue Aufgabe vorbereitet hat.

Seinen neuen Chef kennt der 41-Jährige aus gemeinsamen Stuttgarter Zeiten. 1997 gewann der Abwehrspieler mit Löw als Coach den DFB-Pokal. Nun will er ihm dabei helfen, die deutsche Nationalmannschaft zum nächsten großen Titel zu führen.

In einer Gesprächsrunde mit eingeladenen deutschen Journalisten spricht der Schneider über seine Arbeit als Löws Assistent, seine Entlassung als Chefcoach in Stuttgart, und er erklärt, warum er den Job als Co-Trainer als Schritt nach vorne sieht.

Frage: Herr Schneider, wo und wie haben Sie das WM-Finale erlebt?

Thomas Schneider: Als Fan zu Hause im Kreis der Familie und mit Freunden. Alle in Deutschland-Trikots, wie es sich gehört (lacht).

Frage: Was ist bei Ihnen hängengeblieben?

Schneider: Natürlich das legendäre Halbfinale gegen Brasilien, das Tor im Finale von Mario Götze oder die monumentale Leistung eines Bastian Schweinsteiger. Ich habe allergrößten Respekt vor dem, was die Mannschaft in Brasilien und seit 2006 geleistet hat. Es war eine großartige Teamleistung.

Frage: Wie waren die vergangenen Wochen für Sie, und wie gehen Sie Ihre neue Aufgabe als Co-Trainer an?

Schneider: Nach dem Spiel gegen Schottland habe ich mit der Vorbereitung begonnen. Seitdem war ich viel unterwegs, habe wahnsinnig viele Spiele und Spieler beobachtet. Ich bin in die Spielphilosophie des DFB eingetaucht. Ich habe schnell den Kontakt mit Hansi Flick gesucht. Es war für mich sehr wichtig, mit ihm zu sprechen und zu hören, wie er seine Tätigkeit interpretiert hat. Letzte Woche habe ich mich noch einmal mit Jogi Löw getroffen und über die Schwerpunkte der Trainingsarbeit ausgetauscht.

Frage: Was werden Ihre Hauptaufgaben sein?

Schneider: In erster Linie bin ich dazu da, den Bundestrainer bestmöglich zu unterstützen. Ich sehe mich aber auch an der Schnittstelle zu den Spielern, Vereinen und den U-Nationalmannschaften.

Frage: Wie kam es zum Kontakt mit Joachim Löw?

Schneider: Ich war in Stuttgart Spieler unter Jogi. Seitdem hatten wir sporadisch Kontakt. Im Zuge des Länderspiels in Stuttgart gegen Chile im März war der Kontakt intensiver. Ich war Trainer beim VfB, und die Nationalelf hat auf unserem Gelände trainiert. Als nach der WM der Anruf kam, haben wir uns zusammengesetzt, und ich hatte ein sehr gutes Gefühl, dass wir auf einer Wellenlänge liegen.

Frage: Wie denken Sie über Fußball?

Schneider: Das geht konform mit Jogi Löws Vorstellungen: Guter Spielaufbau, schnelles Umschalten, Abwehrspiel, Balleroberung, Pressing-Aktionen ohne Foul. Kurz: Von hinten heraus sehr guten Fußball spielen. Dazu gehört natürlich der Torwart als erster Aufbauspieler. Mit Manuel Neuer und der Qualität des Kaders lässt sich das sehr gut umsetzen.

Frage: Wie ist für Sie der Schritt vom Cheftrainer eines Bundesligisten zurück ins zweite Glied?

Schneider: Für mich ist es kein Schritt zurück, sondern einer nach vorn. Es ist eine große Ehre. Ich kann von einem der besten Trainer der Welt lernen und mit den besten Spielern der Welt zusammenarbeiten. In Stuttgart habe ich meine Co-Trainer immer in meine Entscheidungen einbezogen, auch wenn ich in letzter Instanz entschieden habe. Ich finde es wichtig, kompetente Partner zu haben, mit denen man sich austauschen kann.

Frage: Sie haben in Stuttgart unter Löw, Christoph Daum und Felix Magath gespielt. Was haben Sie von Ihren Trainern mitgenommen?

Schneider: Man nimmt bewusst oder unbewusst von jedem Trainer etwas mit. Man muss aber seinen eigenen Weg gehen. Entscheidend ist, dass man nicht versucht, jemanden zu kopieren, sondern authentisch bleibt.

Frage: Hat sich die Entlassung wie eine Niederlage angefühlt?

Schneider: Überhaupt nicht. Die Zeit in Stuttgart ist für mich abgehakt. Ich habe die Zeit reflektiert und analysiert und mich intern auch mit den Verantwortlichen ausgetauscht. Wir sind im Guten auseinander gegangen. Die Zeit nach mir zeigt, dass Stuttgart kein einfaches Projekt ist.

Frage: Was sehen in den nächsten Tagen Ihre Aufgaben bei der Nationalmannschaft aus?

Schneider: Ich plane zusammen mit Jogi Löw die Trainingseinheiten und bereite sie nach. Ich werde erst einmal schauen, wie er auf dem Platz arbeitet. Es wird sicher Zeit in Anspruch nehmen, bis alles total harmonisch auf dem Platz abläuft. Aber diese Zeit gestehen wir uns auch zu.

Frage: Sie kennen Joachim Löw schon sehr lange. Was zeichnet ihn aus?

Schneider: Er hat eine unfassbare Entwicklung genommen. Er hat unglaublich an Profil und Persönlichkeit gewonnen und gehört zu den absoluten Top-Trainern auf der Welt. Er war schon damals in Stuttgart unheimlich kommunikativ, menschlich, taktisch sehr akribisch. Er ist jetzt auf einem absoluten Top-Level.

Frage: Löw hat auch als Co-Trainer angefangen. Haben Sie den Posten des Cheftrainers für die Zukunft im Hinterkopf?

Schneider: Nein, gar nicht. Ich denke im Hier und Jetzt und möchte meine Aufgaben bestmöglich umsetzen. Ich habe den Traum, mit der Mannschaft so erfolgreich wie möglich zu spielen. Nach dem WM-Titel habe ich gleich gedacht: Und jetzt wie Spanien Europameister werden!

Frage: Kann die Mannschaft das schaffen?

Schneider: Absolut! Die Qualität ist groß. Wir machen zwar momentan keine leichte Phase durch, aber es muss der Anspruch sein, als Weltmeister auch beim nächsten Turnier um den Titel zu spielen.

Frage: Nach der WM sind wichtige Spieler wie Philipp Lahm zurückgetreten. Für die rechte Abwehrseite ist noch keine Ideallösung gefunden. Wie sehen Sie die Problematik in der Abwehr?

Schneider: In der Innenverteidigung sind wir absolute Weltklasse. Es ist aber auch klar, dass man einen Spieler wie Lahm nicht eins zu eins ersetzen kann. Es braucht seine Zeit, junge Spieler heranzuführen. Wir müssen mit den Spielern, die wir haben, bestmöglich arbeiten und natürlich immer einen Blick auf die U-Mannschaften werfen.

Frage: Dürfen die Spieler Sie duzen? Wie gehen Sie mit ihnen um?

Schneider: Freundlich, kommunikativ und respektvoll. Man muss sich erst einmal besser kennenlernen. Ich bin jemand, mit dem man gut klarkommen kann. Die Spieler werden schnell merken, dass sie sich auf mich verlassen können. Das "du" ist in Ordnung.

Frage: Sie wohnen in Straubing. Bleibt das so?

Schneider: Ja. Ich genieße es sehr, in Straubing zu leben. In Markus Weinzierl (Trainer des FC Augsburg, Anm. d. Red.) habe ich einen Freund, der auch dort wohnt. Und die Menschen dort sind total entspannt.

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