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München - Vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Irland spricht Stürmer-Legende Klaus Fischer bei SPORT1 über den Angriff als DFB-Problemzone.

Klaus Fischer war ein Vollblutstürmer.

Der heute 64-Jährige hatte seine Glanzzeit in den 70er Jahren im Trikot von Schalke 04.

Für die Königsblauen erzielte der frühere Nationalspieler in 295 Spielen 182 Treffer. Nachhaltig Berühmtheit erreichte Fischer mit seinen spektakulären Fallrückzieher-Toren.

Beim Länderspiel zwischen Deutschland und der Schweiz (4:1) erzielte er 1977 das Tor des Jahres, das später auch Tor des Jahrzehnts und Tor des Jahrhunderts wurde.

Mit 268 Treffern liegt er hinter Gerd Müller auf Platz zwei der ewigen Torschützenliste der Bundesliga.

Für die deutsche Nationalmannschaft markierte d Vize-Weltmeister von 1982 in 45 Spielen 32 Tore. Das ist nach Gerd Müller die beste Quote.

Natürlich hat die Stürmer-Legende die Nationalmannschaft immer im Blick und macht sich nach dem jüngsten 0:2 gegen Polen Sorgen (Bericht).

Vor dem EM-Qualifikationsspiel der DFB-Elf am Dienstag gegen Irland (ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) spricht Fischer im SPORT1-Interview über die Stürmernot im DFB-Team und attackiert sogar Bundestrainer Joachim Löw.

SPORT1: Herr Fischer, die deutsche Mannschaft hatte gegen Polen viele Chancen, doch der Ball wollte nicht ins Tor. Ist der Sturm das große Problem?

Klaus Fischer: Ja. Deutschland hat meiner Meinung nach ein großes Problem im Sturm. Uns fehlt einfach ein Spieler wie Miro Klose. Er ist leider nicht mehr da. Auch ein Mario Gomez fehlt der Nationalmannschaft. Es will offenbar keiner mehr vorne spielen. Wir bräuchten im Angriff einen Spieler wie Robert Lewandowski.

SPORT1: Sie klingen etwas verbittert.

Fischer: Du kriegst einfach Probleme, wenn du die Dinger vorne nicht rein machst. Das konnte man gegen Polen ganz klar sehen. Den klassischen Stürmer wie Klose gibt es in Deutschland nicht mehr und das ist ein großes Problem.

SPORT1: Wer wäre Ihr Wunschstürmer?

Fischer: Stefan Kießling, aber den will Joachim Löw nicht. Leider. Kießling ist kopfballstark und bewegt sich vorne perfekt. Und er macht immer seine Tore. Einen anderen Spieler sehe ich da gar nicht. Es werden heute solche Spieler gar nicht mehr ausgebildet. Keiner will mehr dahin, wo es weh tut.

SPORT1: Was macht Löw falsch?

Fischer: Er macht nichts Bedeutendes falsch, er hat einfach viele Leute nicht zur Verfügung. Klose, Lahm und Mertesacker haben aufgehört und auf der linken Seite haben wir sowieso keinen. Das war die letzten Jahre schon so. Mich wundert, dass der Bundestrainer weiter nichts von Kießling wissen will. Das werfe ich Löw vor. Ich kann ihn nicht verstehen. Kießling brauchen wir, aber er wird leider nicht nominiert.

SPORT1: Wären die beiden Stürmer Pierre-Michel Lasogga oder Davie Selke Optionen?

Fischer: Beide sind sicherlich gute Spieler, aber haben sie auch die Klasse für die Nationalelf? Langfristig hat es Lasogga noch nicht bewiesen. Ein klasse Stürmer muss die Kopfballtore machen und auch mal vorne den Ball verteidigen, aber das habe ich bei Lasogga noch nicht gesehen.

SPORT1: Joachim Löw sprach nach der Niederlage gegen Polen davon, dass man zehn Großchancen hatte. Haben Sie das auch so gesehen?

Fischer: Zehn? So viele Großchancen habe ich gar nicht gesehen. Ich bin überzeugt davon, dass wir immer Probleme bekommen werden, wenn wir so spielen wie am Samstag. Die Gegner kennen uns inzwischen, spielen sehr kompakt, stehen defensiv gut und dann wird es immer schwer. Wenn du vorne keinen hast, der sich auch mal in der Luft behaupten kann, dann brauchst du nicht flanken. Klose konnte das perfekt.

SPORT1: Auch die Flanken von einem Philipp Lahm fehlen.

Fischer: Oh ja, Lahm vermisse ich auch sehr. Dass die Verteidiger mal bis zur Grundlinie vorstoßen, sehe ich auch nicht mehr. Es ist gerade ganz schwer, Kopfballtore zu machen. Tore sollen immer nur bei Standards fallen, wenn die Großen wie Jerome Boateng oder Mats Hummels mit nach vorne gehen. Aus dem Spiel heraus passiert wenig.

SPORT1: Was ist mit Thomas Müller?

Fischer: Auch Müller fühlt sich wahrscheinlich auf der Außenbahn wohler. Ich sehe da auch keinen, weder in der U 21 noch woanders. Davie Selke von Werder Bremen wird oft genannt, aber ihn kann ich nicht einschätzen. Ich kenne ihn nicht. Es gibt noch etwas anderes, was mir negativ aufgefallen ist.

SPORT1: Was denn?

Fischer: Die Spieler heutzutage müssten sich nach dem Training noch hinstellen und Bälle verwandeln. Ich habe das 20 Jahre gemacht und nach dem Training drei, vier Mal in der Woche Torschüsse geübt. Ich behaupte mal, dass ich einer der weltbesten Kopfballspieler war. Warum? Weil ich am Kopfballpendel geübt habe.

SPORT1: Das gibt es heute nicht mehr?

Fischer: Das wird heute nicht mehr gemacht. Auch für die Verteidiger wäre das nicht verkehrt. Gegen Polen wurde von der einen Eckfahne zur anderen geflankt. Das sind Dinge, die kannst du trainieren. Ich habe aber das Gefühl, dass die Spieler das als Straftraining ansehen, aber das ist es nicht. Das gibt Sicherheit für den, der flankt und für den, der verwandelt.

SPORT1: Was sagen Sie zu Irlands Robbie Keane? Er gilt als das deutsche Schreckgespenst.

Fischer: Vor dem müssen wir keine Angst haben. Keane ist 34 Jahre alt. Die Iren müssen wir nicht fürchten, aber wir müssen Tore machen. Wenn du kein Tor machst, gewinnst du kein Spiel, so abgedroschen der Satz auch ist.

SPORT1: Sie wohnen in Gelsenkirchen und werden am Dienstag sicher in der Veltins Arena sein, oder? Was erwarten Sie?

Fischer: Ich bin natürlich im Stadion. Ich erwarte, dass wir die Iren 90 Minuten so unter Druck setzen, dass wir Chancen kreieren und auch die Tore machen. Du darfst gegen Irland nicht verlieren. Wir müssen noch nach Irland, nach Schottland, die Polen kommen noch zu uns. Das ist ein wichtiges Spiel. Angst, dass wir die Qualifikation nicht überstehen, habe ich nicht. Wenn alle dabei sind, dann kann Deutschland überall auf der ganzen Welt gewinnen.

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