Vom DFB-Team berichten Thorsten Mesch , Jochen Stutzky und Markus Höhner

Gelsenkirchen - Der Glanz der WM ist schon 94 Tage nach dem Triumph von Rio de Janeiro verblasst. Die Euphorie ist längst der Ernüchterung und dem Frust gewichen (Mehr zur Nationalelf um 18.30 Uhr bei Bundesliga Aktuell).

Die Qualifikation droht für das DFB-Team zur Qual zu werden, Joachim Löw hat mit vielschichtigen Problemen zu kämpfen.

Zu Buche stehen der schlechteste Start der DFB-Gesichte in eine Qualifikation, nur Platz vier in Gruppe D, vier Punkte aus den ersten drei Spielen der EM-Quali und dabei insgesamt vier Gegentore - genau so viele wie in sieben Spielen der Weltmeisterschaft. (DATENCENTER: EM-Qualifikation)

Zurückgetretene Weltmeister, fehlende Führungsspieler, angeschlagene Leistungsträger und Probleme, nach dem WM-Triumph die maximale Belastung abzurufen: All das erschwert dem Bundestrainer die Arbeit.

Löw moderiert die missliche Situation recht gelassen, er vertraut auf die Rückkehr seiner Leistungsträger und auf die Lernfähigkeit der jungen Spieler.

SPORT1 analysiert die Lage im DFB-Team:

RÜCKTRITTE:

Philipp Lahm, Per Mertesacker und Miroslav Klose fehlen entweder als Leistungsträger auf dem Platz und als Führungsspieler innerhalb des Kaders. "Einen Lahm kann man nicht in ein paar Wochen eins zu seins ersetzen, das können wir uns abschminken", hatte Löw schon nach dem 0:2 gegen Polen gesagt.

Ein Spieler wie Klose als Lösung der Probleme im Abschluss lässt sich auch nicht einfach aus dem Hut zaubern.

Beim 1:1 gegen Irland (NACHBERICHT: Aufwachen und jedes Spiel gewinnen) hätte Lahm, ob als Rechtsverteidiger oder im Mittelfeld, der Mannschaft neue Impulse geben können. (

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UNERFAHRENHEIT:

Die Nachrücker Antonio Rüdiger und Matthias Ginter konnten es nicht. Wenn Löw zwei so junge Spieler auch noch auf für sie ungewohnten Positionen einsetzt, muss er die Verantwortung dafür übernehmen, wenn seine Experimente nicht funktionieren.

Löw ist ein Spielertyp, er probiert gern ungewöhnliche Dinge. Bei der WM ging sein Spiel auf, in der EM-Qualifikation landete er nur bei Karim Bellarabi einen Volltreffer. Der Leverkusener zeigte in Polen ein gutes Debüt, trotz seiner vergebenen Torchancen. Auch gegen Irland gehörte er zu den stärksten Deutschen.

PHYSIS:

Viele Leistungsträger sind verletzt. Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira und Mesut Özil werden auch im November gegen Gibraltar und beim Test in Spanien fehlen. Benedikt Höwedes trainiert im Verein schon wieder mit und wird wohl am Wochenende sein Comeback geben. Auch Marco Reus wird bald zurückkehren.

Kurz vor dem Spiel gegen Irland musste Löw auch noch Christoph Kramer und Andre Schürrle ersetzen.

Nicht alle einsatzfähigen Weltmeister sind in optimaler physischer Verfassung: Mats Hummels war länger verletzt und ist noch nicht wieder im Rhythmus, Thomas Müllers Laufwege waren in beiden Spielen wirr, gegen Irland wirkte er am Ende ausgelaugt. (BERICHT: Das Gesicht der Krise)

Löw erklärte die Probleme zuletzt mit der kurzen Vorbereitungszeit für die Profis nach der WM. Gegen Gibraltar und beim Test in Spanien wird er einige seiner Stammspieler schonen.

PSYCHOLOGISCHES TIEF:

Den Weltmeistern fehlt nicht nur die Kraft, sondern auch der letzte Biss. Es ist eben doch etwas anderes, sich mit Brasilien oder Argentinien im Kampf um den WM-Titel zu messen als Pflichtaufgaben gegen Schottland oder Irland zu absolvieren.

So klang der Last-Minute-Ausgleich auf SPORT1.fm

Den jungen Spielern, die bei der WM als Zuschauer dabei waren, fehlen internationale Erfahrung und Wettkampfpraxis. Die Neulinge agieren phasenweise zu nervös oder naiv. Das fiel besonders bei den Außenverteidigern Antonio Rüdiger und Erik Durm auf.

TRAINERTEAM:

Für Löw ist die Situation alles andere als einfach. Für die Verletzungen seiner Stars kann er nichts, die Tore kann er auch nicht selbst schießen.

Aber Löw ging in den letzten beiden Spielen nach dem Ausfall von Özil, Kramer und Schürrle ins Risiko, weil er niemanden nachnominierte.

Im Kader waren schließlich nur noch 17 von 23 möglichen Plätzen besetzt, gegen Irland saßen nur vier Feldspieler auf der Bank.

Löw begründete seinen Verzicht auf Nachnominierungen damit, dass viele Spieler mit den Juniorenteams des DFB unterwegs seien. Einige Profis, die möglicherweise Kandidaten sein könnten, spielten momentan keine Rolle in seinen Planungen, erklärte er.

Der Bundestrainer moderiert die Situation recht sorglos, erzeugt - anders als vor der WM wenig Druck auf seinen Kader. Dabei würde etwas mehr Konkurrenzkampf nicht schaden.

Er und sein neuer Co-Trainer Thomas Schneider sich noch nicht eingespielt, aber sie müssen Lösungen für die Probleme in der Abwehr und im Sturm finden.

Löw setzt auf den Faktor Zeit und gibt sich gelassen. "Wir werden gegen Gibraltar gewinnen und uns dann ein bisschen sammeln und alle Kräfte bündeln. Dann sind wir im nächsten Jahr wieder da und schlagen zurück", erklärte er.

Der Qualifikationsmodus, in dem vielleicht sogar Platz drei in der Gruppe reichen könnte, spielt ihm in die Karten.

In den Playoffs könnten jedoch so starke Gegner wie Spanien oder die Niederlande warten, die ebenfalls schlecht gestartet sind.

Der Bundestrainer muss aufpassen, dass er sich nicht verzockt.

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