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Jerome Boateng (r.) hat bei der WM alle sieben Spiele des DFB-Teams bestritten

Berlin - Vom Sicherheitsrisiko zum weltmeisterlichen Abwehrchef: Die Entwicklung von Jerome Boateng begeistert nicht nur Oliver Bierhoff.

Vom DFB-Team berichten Martin van de Flierdt und Jochen Stutzky

Es ist heute nur noch schwer vorstellbar. Aber es hat tatsächlich eine Zeit gegeben, in der Fußball-Deutschland darüber diskutierte, ob es nicht sinnvoll sei, in der Nationalmannschaft lieber auf das Sicherheitsrisiko Jerome Boateng zu verzichten.

Im Oktober 2009 war das. Das DFB-Team hatte gerade in Moskau das "Endspiel" der WM-Qualifikationsgruppe gegen Russland mit 1:0 für sich entschieden. Und zwar ab der 69. Minute in Unterzahl, weil sich Boateng die Gelb-Rote Karte eingehandelt hatte - als erster Debütant in der Geschichte der Nationalmannschaft.

Ruhig und souverän in jeder Situation

Boateng hat schon damals auf die Diskussion reagiert, wie es offenbar seinem Naturell entspricht: Unaufgeregt. Der gebürtige Berliner, der als 13-Jähriger zu Hertha BSC kam und dort im Januar 2007 bei einem 0:5 gegen Hannover 96 in der Bundesliga debütierte, ist kein Mann für Temperamentsausbrüche.

Was ihm früher gerne als Phlegma vorgeworfen wurde, zeichnet ihn in Wahrheit auf dem Platz aus: Ruhe und Souveränität, in jeder Situation.

"Jerome hat einen unglaublichen Sprung gemacht", sagt Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff vor dem EM-Qualifikatonsspiel gegen Gibraltar (Fr., ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER). "Es war beeindruckend, was er während der WM in Brasilien gespielt hat."

Beim WM-Film "Die Mannschaft", der am Montag in Berlin Premiere feierte, kommt Boateng zwar nicht wirklich zu Wort.

Doch zwei Szenen reichen, um seine überragende Vorstellung im Finale von Maracana gegen Argentinien ins Gedächtnis zu rufen, die in der öffentlichen Wahrnehmung vom Rummel um den Torschützen Mario Götze und den unerschütterlichen Bastian Schweinsteiger ein wenig überlagert wurde.

"Viel beeindruckender ist aber eigentlich, wie Jerome direkt nach der WM weitergemacht hat", lobt Bierhoff weiter. "Mit konstanten Leistungen. Einfach unglaublich konzentriert, diszipliniert." Von WM-Nachwehen oder gar einem Loch nichts zu spüren. Am Samstag beim 4:0 der Bayern in Frankfurt blieb Boateng zum 50. Mal in Folge in der Bundesliga ungeschlagen - Rekord.

Boateng spürt Schub durch die WM

Boateng selbst macht daraus keine große Sache. "Die WM hat mir einen Schub gegeben", sagt er. "Nach dem Urlaub hatte ich wieder Riesenlust. Ich fühle mich gut und freue mich auf jedes Spiel und Training, bei dem ich mich verbessern kann." Als sei es eine Selbstverständlichkeit.

Boateng hat das Versprechen eingelöst, das er mit einer herausragenden U-21-EM im Sommer 2009 gegeben hat: Ein Kerl wie ein Baum, trotzdem geschmeidig in seinen Bewegungen, technisch stark, mit Übersicht und überragendem Timing in der Zweikampfführung.

Ganz Europa leckte sich damals die Finger nach dem Abwehrtalent des Hamburger SV.

Manchester City machte im Sommer darauf das Rennen, holte Boateng für 12,5 Millionen Euro aus Hamburg in die Premier League. Unter anderem eine Meniskusverletzung, eine der wenigen Blessuren in der Karriere des heute 26-Jährigen, verhinderte, dass er unter Trainer Roberto Mancini zur Stammkraft avancierte.

Süße Revanche an Manchester City

Boatengs Weiterverkauf 2011 an den FC Bayern für 13,5 Millionen Euro dürften die Engländer längst bereut haben. Zumal der 1,90 Meter große Innenverteidiger City im jüngsten Champions-League-Aufeinandertreffen im September in der Schlussminute das entscheidende Tor zum Münchner 1:0-Sieg ins Netz legte.

Es war sein erstes Tor im 32. Einsatz in der europäischen Königsklasse. Sein erster Bundesligatreffer hatte gar 130 Spiele auf sich warten lassen.

Kein wirklicher Makel, wie Boatengs Vereinstrainer Pep Guardiola nach dem Spiel gegen Manchester äußerte: "Jerome ist ein top Mensch, ein top, top Spieler. Ich habe viele Male zu ihm gesagt: 'Wenn du einer der besten Innenverteidiger der Welt sein willst - you can do it!'" Boateng habe alles, sei "eine große Persönlichkeit. Und er wird immer besser."

Bundestrainer Joachim Löw möchte daher auch in den abschließenden Länderspielen des WM-Jahres gegen Fußballzwerg Gibraltar und Europameister Spanien nicht auf Boateng verzichten.

In Sachen Sicherheit möchte er kein Risiko eingehen.

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