Nürnberg und Berlin - Der Bundestrainer sieht nach der WM einen Motivationsschwund. Vor dem Länderspiel gegen Gibraltar kündigt er Reformen ein.

Von Matthias Becker, Martin Volkmar, Jochen Stutzky und Onur Özdemir

Man kann den deutschen Nationalspielern nun wirklich nicht vorwerfen, sie hätten in den vergangenen Wochen und Monaten zu viel Zeit auf dem roten Teppich verbracht.

Manchmal war der Teppich auch grün oder blau.

Kaum eine Preisverleihung, Ehrung oder Gala in Deutschland kam in den vergangenen vier Monaten ohne die Akteure von Bundestrainer Joachim Löw aus.

Vom Bambi übers Silberne Lorbeerblatt bis zur Ehrenbürgerschaft von Schönau - nur beim Nobelpreis gingen die Weltmeister in diesem Herbst leer aus.

Den Geehrten kann man die Ehrungen kaum vorwerfen, sie waren schließlich gerechtfertigt. Trotzdem wird es für das DFB-Team vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Fußballzwerg Gibraltar (Fr., ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER und auf SPORT1.fm) Zeit, den Traumsommer Brasiliens hinter sich zu lassen.

"Ich bin froh, wenn das Jahr dann rum ist. Man muss auch mal einen Strich darunter ziehen. Wir müssen uns voll auf das Hier und Jetzt konzentrieren und wieder nach vorne schauen", sagte Löw SPORT1.

Jerome Boateng drückte es vor dem Spiel in Nürnberg gegen Gibraltar etwas drastischer aus. "Jetzt muss es auch mal gut sein mit WM. Dieses WM-Gefühl muss aus den Köpfen raus. Die WM ist vorbei. Wir wurden dafür genug geehrt. Für mich beginnt spätestens jetzt eine neue Saison mit der Nationalmannschaft", erklärte Boateng in der "Bild".

Boateng: Haben nicht genug getan

Der Start in diese neue Saison ist angesichts von Platz 4 in der EM-Qualifikation deutlich in die Hose gegangen. Dass aus den Spielen gegen Polen und Irland nur ein Punkt hängen blieb, ärgert den Bundestrainer - und auch Boateng. "Fakt ist einfach, dass wir zuletzt nicht genug getan haben", sagte der Innenverteidiger.

Eine weltmeisterliche Leistung gegen Gibraltar aus der Mannschaft herauszukitzeln - das wird die Aufgabe für Löw sein. Eine echte sportliche Herausforderung ist das Duell mit dem Team aus Polizisten, Feuerwehrleuten und Lehrern schließlich nicht.

"Nicht nur das Ergebnis, sondern die Art und Weise, wie wir spielen, ist wichtig. Wir werden es schaffen, konzentriert auf den Platz zu gehen und so aufzutreten, dass es einem Weltmeister würdig ist", versicherte Löw.

Löw kündigt Veränderungen an

Der natürliche Motivationsabfall nach dem Titelgewinn, die Rücktritte oder Verletzungen einiger Stammkräfte, die permanente Erinnerungen an Brasilien durch Ehrungen, Filmpremieren und Ähnliches - für den Bundestrainer ist es damit jetzt genug.

"Dass es einen Abfall der Motivation gibt, kann man nicht wegdiskutieren, und das muss man zulassen. Aber nach und nach muss man die wieder aufbauen", sagte er.

Und wenn das die Spieler von selbst nicht schaffen, dann wird Löw Mittel finden, ihnen Beine zu machen. Das deutete er schon am Donnerstag an.

"Gedanken" über Veränderung wolle er sich in der Winterpause machen. "Der Fußball entwickelt sich weiter - und das müssen wir auch. Wir sind uns bewusst, dass wir Schritte nach vorne machen müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben."

Zum einen gilt das für die Taktik. Die sportliche Leitung will verhindern, dass sich zu viele Gegner zu gut auf die Spielweise des DFB-Teams einstellen können. Ein Wechsel zu einem 3-5-2 wäre da eine naheliegende Veränderung.

Kampf dem Schlendrian

Aber natürlich geht es auch um die Einstellung: "Wir haben viele junge Spieler, die wollen nicht nur einen Titel gewinnen, die wollen nachlegen", erklärte Löw und schwärmte zudem von Talenten wie Kevin Volland und Antonio Rüdiger.

Löw muss die Spannung hochhalten. Die Gegner im ersten Halbjahr 2015 sind wenig furchteinflößend und heißen Australien, Georgien, Gibraltar und USA.

Da könnte sich der WM-Blues aus dem Herbst 2014 schnell zum tiefsitzenden Schlendrian entwickeln, der auf dem Weg zum großen Ziel EM 2016 nur noch schwer aus Köpfen und Beinen zu bekommen ist.

Gibraltar muss wohl leiden

Wenn die Spieler Löws Botschaft jetzt schon verstanden haben, sind das schlechte Neuigkeiten für die Gäste aus Gibraltar. Sehr offensiv will die deutsche Mannschaft am Freitag auflaufen. Was wäre schließlich besser, um aufkommende schlechte Stimmung zu vertreiben, als ein nettes Schützenfest?

Mitleid haben die Südeuropäer keines zu erwarten. Die Zuschauer im trotz allem ausverkauften Nürnberger Stadion dürfen sich wohl auf ein Spektakel freuen.

Vielleicht wird ausgerechnet die Partie gegen Gibraltar ja der Startpunkt für die lange Reise nach Paris - zum EM-Finale 2016.

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