Das DFB-Team erlebt ein holpriges Jahr 2014 - doch der goldene Sommer überstrahlt alles. Joachim Löw hat das richtige Rezept.

Wenn sich Christoph Kramers Gedächtnisverlust aus dem WM-Finale über die komplette Zeit in Brasilien erstreckt hätte, dann würde er auf ein ziemlich durchwachsenes Länderspieljahr zurückblicken.

Vor der Endrunde gab es einen glücklichen Sieg über Chile und ein 6:1 über Armenien, bei dem es nach schwachen 70 Minuten noch 1:1 stand und sich Marco Reus schwer verletzte, zudem zwei enttäuschende Unentschieden gegen Polen und Kamerun sowie dazwischen eine von Negativschlagzeilen gepflasterte WM-Vorbereitung.

Noch schlechter fällt die Bilanz der neuen Saison aus: Niederlagen gegen Argentinien und Polen, ein enttäuschendes Unentschieden gegen Irland, das magere 4:0 gegen Gibraltar sowie zumindest etwas glückliche Siege über Schottland und Spanien.

Und doch war 2014 natürlich ein grandioses Jahr für die Nationalmannschaft und den deutschen Fußball insgesamt, weil die DFB-Auswahl in Brasilien erstmals seit 24 Jahren den lang ersehnten vierten WM-Titel holte.

Der insgesamt trotz einiger Wackler gegen Ghana, Algerien oder im Endspiel gegen Argentinien hoch verdiente Triumph von Rio mit sechs Siegen und einem Remis überstrahlt zu Recht die ansonsten mäßigen Auftritte des Teams im Rest des Jahres.

Denn als es darauf ankam, war die Mannschaft im Gegensatz zu den vorherigen Turnieren und trotz aller Verletzungsprobleme voll da. Sie trat als verschworene Einheit auf, die die Schwächen und Ausfälle einzelner Akteure auffing.

So glänzte Höwedes plötzlich als Linksverteidiger, Lahm ging (mehr oder weniger) freiwillig zurück auf seine Idealposition rechts hinten, Schweinsteiger lief gerade rechtzeitig im Finale zur Höchstform auf, Akteure wie Kroos oder Boateng riefen endlich ihr riesiges Potenzial ab und der zuvor hart kritisierte Götze hatte im Endspiel genau den einen magischen Moment.

Neben weiteren Erfolgsgaranten wie Neuer und Müller ist aber vor allem Joachim Löw der Verantwortliche für diesen historischen Sommer. Weil er im entscheidenden Moment genau jene Stärken zeigte, die man zuvor so häufig beim Bundestrainer vermisst hatte:

Durchsetzungsfähigkeit, Entscheidungsfreude, taktische Flexibilität und totale Fokussierung auf das große Ziel.

Genau daran muss Löw nun 2015 anknüpfen, wenn er den Erfolg bei der Europameisterschaft wiederholen will. Er muss für eine neues Reizklima sorgen, indem er wieder streng nach dem Leistungsprinzip geht, junge, hungrige Spieler einbaut und verdiente, aber schwächelnde Akteure aussortiert.

Kontinuität ist sozusagen nur mit einem Neuanfang möglich. Daher könnte sich die Post-WM-Depression für die Entwicklung der Nationalmannschaft noch als äußerst hilfreich erweisen.

Den perfekten WM-Sommer kann den Fans und den Spielern ohnehin niemand mehr nehmen. Auch Christoph Kramer nicht.

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