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Gerhard Mayer-Vorfelder war Präsident des DFB und des VfB Stuttgart © Imago

SPORT1-Redakteur Martin Volkmar kannte den verstorbenen Gerhard Mayer-Vorfelder viele Jahre. Nachruf auf eine polarisierende Persönlichkeit mit Gehör für die Kritiker.

Er war eine Reizfigur, vor allem in seiner Heimat Baden-Württemberg. Entweder man mochte oder man hasste Gerhard Mayer-Vorfelder, dazwischen gab es lange Jahre wenig Spielraum.

Mit seiner teilweise rücksichtlosen Führungskraft polarisierte er als Landesminister in Stuttgart und als Präsident des VfB, insgesamt 25 Jahre lang.

Besonders verhasst bei zahlreichen Fans aber war er als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. Und dabei blieb es nicht bei Pfeifkonzerten oder "Vorfelder raus"-Rufen.

Ich selber stand als SPORT1-Reporter neben ihm, als nach einem 2:0-Sieg in Litauen im ersten Länderspiel nach der Vize-Weltmeisterschaft 2002 eine aus der deutschen Kurve geworfene volle Kunststoffflasche nur weniger Meter neben ihm und dem Reporterpulk einschlug.

Mayer-Vorfelder zuckte kurz, dann redete er weiter, als wäre nichts gewesen. Ein typisches Bild für den gebürtigen Badener.

Denn MV ging eigentlich nie einer Konfrontation aus dem Weg, weder in der Politik noch im Fußball. "Wer die Hitze nicht verträgt, darf nicht als Koch arbeiten", lautete sein Wahlspruch.

Mit Freude warf er sich in die Verbalduelle mit seinen zahlreichen Kritikern,  gerne und häufig im SPORT1-Doppelpass. Dabei fand er sich nach seiner Wahl zum DFB-Präsidenten 2001 meist in der Verteidigungsposition wieder, gerade nach dem vorzeitigen EM-Aus drei Jahre später.

Damals probte Theo Zwanziger den Aufstand, am Ende einigte man sich das erste und einzige Mal in der Verbandsgeschichte auf eine Doppelspitze bis zur Heim-WM 2006, die mit  dem umjubelten Spiel um Platz drei im heimatlichen Stuttgart den krönenden Abschluss für Mayer-Vorfelder fand.

Schon zuvor hatte er den Platz an vorderster Front mehr und mehr dem omnipräsenten Zwanziger überlassen. Erst im Rückblick wurden seine Verdienste für den Höhenflug des deutschen Fußballs deutlich.

Vor allem die Einführung des erfolgreichen Nachwuchskonzepts nach dem Debakel von 2004 und die Installierung seiner einstigen VfB-Weggefährten Jürgen Klinsmann und Jogi Löw und der damit verbundene Wandel in Auftritt, Image und Erfolg der Nationalmannschaft.

Mein erstes Interview mit ihm führte ich zu dieser Zeit als Folge eines vorherigen  Verrisses seiner Arbeit. Heute in den meisten Fällen undenkbar, aber eben exemplarisch für Mayer-Vorfelders vergleichsweise offenen Umgang mit Kritik und mit Kritikern.

Auch wenn wir in vielen Dingen sehr unterschiedliche Meinungen hatten, nötigte mir vor allem der späte Mayer-Vorfelder nach dem langsamen Rückzug aus allen Ämtern Respekt ab. Sichtlich schmaler nach einer Herz-OP, doch wie immer braun gebrannt, den obersten Hemdknopf geöffnet und meist mit einer Zigarette im Mund wurde er tatsächlich zum Elder Statesman.

Meine Idee einer Kolumne mit dem Titel "Auf eine Zigarette mit MV" haben wir leider nicht mehr umsetzen können. Schade eigentlich.

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