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Saint-Denis - Die deutsche Nationalmannschaft beißt sich an Polens Defensive die Zähne aus. Beide Teams sorgen für eine Premiere bei der Europameisterschaft.

Joachim Löw vergrub seine Hände tief in den Hosentaschen, er stand ganz vorne rechts in der riesigen Coaching-Zone und gab verzweifelt Anweisungen.

Was er sah, behagte ihm überhaupt nicht: Ohne jeden Glanz eines Weltmeister errumpelte Deutschland in seinem zweiten EM-Gruppenspiel gegen Polen ein in allen Belangen unbefriedigendes 0:0. (Das Spiel im TICKER zum Nachlesen)

Offensive harmlos

Mit dem Punkt sei er "grundsätzlich nicht zufrieden", sagte Löw, "wir haben nach vorne kaum Lösungen gefunden." Das erste Etappenziel ihrer Tour de France haben die Weltmeister damit noch nicht erreicht - gegen Nordirland muss am Dienstag ein Punkt her, um es sicher ins Achtelfinale zu schaffen. (Ergebnisse und Spielplan der EM)

Geht es nach Abwehrchef Jerome Boateng, hat das so aber ohnehin keinen Sinn: "Wir spielen bis ins letzte Drittel sehr gut, kommen aber dann nicht am Gegner vorbei. Das müssen wir verbessern", sagte er und sprach dann den entscheidenden Satz: "Sonst kommen wir nicht weit."

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Bei der Rückkehr ins Stade de France verpatzte die DFB-Auswahl zum wiederholten Male ihr zweites Spiel bei einem großen Turnier. Immerhin: Rang drei hat Deutschland sicher, unklar bleibt, ob es auch einer der vier besten Gruppendritten sein würde. "Wir können froh sein, dass wir 0:0 gespielt haben", sagte Boateng. Toni Kroos forderte: "Jetzt müssen wir schauen, dass wir das letzte Gruppenspiel gewinnen, um als Gruppenerster durchzugehen."

Defensive in Halbzeit zwei unter Druck

Der Weltmeister benötigte gegen widerspenstige und jederzeit gefährliche Polen bis zur 47. Minute, um den ersten Schuss auf das Tor abzugeben. Der Versuch von Mario Götze war jedoch harmlos. Kurz zuvor hätte der ehemalige Bundesliga-Profi Arkadiusz Milik beinahe für Polen getroffen (46.).

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Vor 73.648 Zuschauern im Stade de France, wo Deutschland am 13. November wegen der Terroranschläge in Paris eine Nacht des Schreckens erlebt hatte, wurde Götze in der 66. Minute durch André Schürrle ersetzt, der abgetauchte Thomas Müller rückte in die Spitze. Gleich darauf kam auch Mario Gomez, der als Stoßstürmer nichts mehr bewirkte. (Die Torjäger der EM)

Die Abwehr mit Rückkehrer Mats Hummels erwies sich als nicht immer sattelfest - wie schon beim 2:0 gegen die Ukraine zum Auftakt. Vor allem über die Seite von Jonas Hector kamen die Polen immer wieder zu gefährlichen Angriffen. 

Hummels feiert Comeback

Offensiv gelang Deutschland so gut wie nichts. Sami Khedira konnte im Mittelfeld keine Akzente setzen, Mesut Özil fiel nur auf, als er mit einem strammen Schuss Polens Ersatztorhüter Lukasz Fabianski prüfte (69.). Kroos war noch der präsenteste deutsche Spieler in der Zentrale. Müller rieb sich gegen die polnische Abwehr auf. 

Hummels hatte 26 Tage benötigt, um von seinem Muskelfaserriss zu genesen, den er im DFB-Pokal-Finale gegen den FC Bayern (3:4 i.E.) erlitten hatte. "In den letzten Minuten hat mir noch die Kraft gefehlt", sagte er nach dem Abpfiff.

Fit wirkte er, aber anfangs auch ein wenig wackelig. An der Seite seines künftigen Münchner Klubkollegen Boateng kam er zunächst nicht in die Zweikämpfe, in der 19. Minute spielte er einen haarsträubenden Fehlpass in die Füße von Milik. Danach steigerte er sich.

"Kontinuität": Götzes zweite Chance

Dass auch Götze erneut von Beginn an spielte, begründete Bierhoff mit dem Wunsch, der Mannschaft früh Konturen zu geben: "Wir wollten Kontinuität reinbringen." So blieb die Personalie Hummels die einzige Änderung von Löw, der in seinem fünften Turnier erstmals einen Wechsel in der Anfangself aus dem ersten Spiel vornahm.

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Das Vertrauen in Götze hätte sich fast nach wenigen Minuten ausbezahlt: Eine Flanke von Julian Draxler köpfte der 1,76 m große "falsche Neuner" aber aus guter Position über das Tor (4.). Kurz zuvor hatte Sami Khedira Gelb gesehen, weil er einen polnischen Konter mit einem Foul an Milik unterband.

Konter schienen ohnehin zum Matchplan der Polen zu gehören. Sie standen bei deutschem Ballbesitz sehr tief. Gegen dieses Bollwerk versuchte es der Weltmeister über die Flügel, vor allem über links mit Draxler und Hector, Lukasz Piszczek (Borussia Dortmund) erwies sich auf dieser Seite anfänglich als nicht standfest. Das Gleiche galt aber auch für Hector.

Hinten anfällig - und im Spiel nach vorne ohne die große Idee: Im deutschen Spiel fehlten Tempowechsel und Überraschungsmomente. Auch die Standards, die zuletzt so gut funktioniert hatten, waren beim Versuch, die Polen zu überlisten, kein probates Mittel. 

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