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Vom Mittelfeldspieler auf die des linken Verteidigers -Emre Can musste gegen Ungarn auf unbekannten Terrain spielen © SPORT1 Grafik: Imago

Gelsenkirchen - Bei der EM-Generalprobe gegen Ungarn testet Joachim Löw Emre Can als Linksverteidiger. Der Bundestrainer setzt auf Flexibilität - das birgt auch Gefahren.

Marcel Schmelzer wird sich die EM-Generalprobe gegen Ungarn im Urlaub am Fernseher angeschaut haben.

Und nicht nur der künftige Dortmunder Kapitän dürfte sich in der zweiten Halbzeit gewundert haben, als Jogi Löw den Mittelfeldspieler Emre Can als linken Verteidiger ausprobierte.

Dass der Bundestrainer den besten deutschen Linksverteidiger der abgelaufenen Saison zu Hause gelassen hat und auch auf der rechten Seite keinen Außenverteidiger mit zur EM nimmt, ist eine von mehreren Merkwürdigkeiten im deutschen Aufgebot.

Oder auch nicht.

Denn wer das Trainingslager in Ascona und die Testspiele aufmerksam verfolgt hat, der dürfte deutlich mehr Verständnis für Löws Personalpuzzle aufbringen.

Zehn Jahre nach seinem Amtsantritt als Bundestrainer coacht Löw die Nationalmannschaft wie ein Vereinsteam. Er nimmt daher nicht zwingend die besten Einzelspieler mit nach Frankreich.

Denn für Löw, das machten seine Ausführungen am Samstag deutlich, ist die strapaziöse Euro mit maximal sieben Spielen auf höchstem Niveau in knapp vier Wochen so etwas wie eine Mini-Saison.

Deshalb hat er eine Mannschaft zusammengestellt, die für größtmögliche Flexibilität steht. Jeder für jeden – das gilt auch taktisch. Experimente auf den Außen wie mit Can und Kimmich oder die Rückversetzung von Mesut Özil auf die Sechserposition sind für Löw ernsthafte Optionen und nicht nur Spielereien.

Löw will, dass sich seine Mannschaft auf die Spielweise von jedem Gegner möglichst automatisch einstellen kann, idealerweise sogar während des Spiels. Das gilt sowohl fürs System (zum Beispiel Dreier- oder Viererkette) als auch für den Spielrythmus (Pressing oder nicht).

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Gelingt dem Bundestrainer das, hat sein Team alle Chancen, das erklärte Ziel Europameister zu erreichen.

Allerdings gibt es auf diesem Weg viele Fallstricke. Neben individuellen Fehlern, Formschwächen und Verletzungen sind die fehlenden Automatismen das größte Problem, wenn man permanent seine Position wechseln muss.

Im Moment geht Löw zu Recht mit seinem Bonus als Weltmeistercoach ins Turnier. Scheitert er aber mit seinen Ideen, werden sich viele melden, die es von Anfang an besser gewusst haben.

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