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Mehmet Scholl hat mit seiner Kritik an Joachim Löw eine Grenze überschritten
Mehmet Scholl hat mit seiner Kritik an Joachim Löw eine Grenze überschritten © SPORT1-Grafik: Philipp Heinemann / Getty Images / Imago

München und Evian-les-Bains - Mehmet Scholl hat Bundestrainer Joachim Löw verbal zur Bratwurst gemacht. Der DFB musste die Attacken des notorischen Sprücheklopfers und ARD-Experten kontern.

Mehmet Scholl spricht so, wie er Fußball gespielt hat.

Hier ein Haken, dort ein Wackler, oft mit hohem Risiko, immer überraschend. Bei dieser Spielweise geht schon mal ein Ball verloren, bei dieser Sprücherate schießt man schon einmal über das Ziel hinaus.

Egal ob es nun der Satz ist von den Grünen, die man aufhängen solle, "solange es noch Bäume gibt" von 1994 oder die Befürchtung, dass Mario Gomez sich wund gelegen habe und mal gewendet gehöre. Irgendwie übertrieben und respektlos, mal auch etwas über der Grenze, aber: immer irgendwie ziemlich lustig. Passt schon, der Mehmet halt.

Wagenburgmentalität beim DFB

Über die lustvollen Verdribbler des Fußball-Experten der ARD kann ein paar Tage lang genüsslich beim Grillen oder am Stammtisch diskutiert werden, das war's aber auch schon. Für den DFB normalerweise kein Grund, scharf zu kontern. Durch die Wagenburgmentalität, die während der Turniere vorherrscht innerhalb der DFB-Elf, perlt die meiste Kritik ohnehin an den Betroffenen ab.

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Doch nach der Attacke gegen Bundestrainer Joachim Löw und seinen Chefscout Urs Siegenthaler ("Der Herr Siegenthaler möge bitte seinen Job machen, morgens liegen bleiben, die anderen zum Training gehen lassen und nicht mit irgendwelchen Ideen kommen") nach dem EM-Viertelfinale gegen Italien, haben sie rund um die Nationalmannschaft ziemlich verstimmt reagiert. Scholl hat ihnen keine andere Wahl gelassen.

Ob man Scholl nun lustig findet oder nicht, ob sie nun spontan oder wohlkalkuliert war: Diese Attacke musste gekontert werden.

Scholl stellte Löw als Bratwurst dar

Scholl hat die Nationalmannschaft in ihrem Innersten angegriffen. In einem Atemzug negierte er zum wiederholten Male ("Laptop-Trainer") die allgemein akzeptierten Arbeitsweisen im modernen Fußball, machte Löws engste Mitarbeiter lächerlich und stellte im Vorbeigehen auch noch die Kompetenz des Bundestrainers infrage. Scholl hat Löw, um es im Stammtischjargon zu sagen, zur Bratwurst gemacht.  

Also schlug der DFB zurück. Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff sagte: "Es ist unmöglich, wie Mehmet das dargestellt hat"

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Siegenthaler stichelte via Bild: "Ich weiß nicht, was ich Herrn Scholl getan habe", und dann noch: "Vor 1000 Jahren haben die Menschen die Erde auch nicht als Kugel gesehen."

"Nicht in Ordnung"

Am Montag äußerte sich auch noch Joachim Löw. "Ich finde es äußerst negativ, wenn man wertvolle Mitarbeiter so persönlich angreift. Das finde ich nicht in Ordnung, weil Außenstehende die Abläufe nicht kennen können."

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Was die Attacke noch problematischer macht: Scholl ist nicht nur ein ehemaliger Fußballer. Er ist nicht nur Experte bei der ARD. Scholl ist selbst Trainer. Einen Kollegen so anzugreifen und zu unterstellen, dass dieser nicht viel mehr als eine Marionette seiner Mitarbeiter wäre und auch sonst keine Ahnung hätte, war über der Schmerzgrenze.

SPORT1-User unterstützen Scholl - inhaltlich

Dass es sich beim Gescholtenen um den Bundestrainer und beim Kläger um einen ehemaligen Viertligatrainer handelt, spielt dabei keine Rolle. Ebenso wenig wie die Frage, ob Scholl mit dem sachlichen Teil seiner Kritik nun richtig lag oder nicht.

Der überwiegende Teil der SPORT1-User meint, eine deutsche Nationalmannschaft müsse sich taktisch an keinen Gegner anpassen. Die SPORT1-Experten Thomas Strunz und Thomas Helmer glauben, die Dreierkette hätte es prinzipiell nicht gebraucht.  

Franz Beckenbauer und Oliver Kahn, Scholls ehemaliger Mitspieler und Expertenkollege beim ZDF, finden, dass man mit einer einzigen taktischen Grundordnung kein ganzes Turnier mehr spielen könne und Löw gegen Italien alles richtig gemacht habe.

Löw: "Das wäre ja fahrlässig"

Das Schöne an Taktik-Diskussionen nach den Spielen ist ja, dass man nicht weiß, wie es ausgegangen wäre, wenn im Vorfeld andere Entscheidungen getroffen worden wären.

"Man kann geteilter Meinung sein, das ist das Recht eines jeden. Für solche Dinge bin ich auch offen. Es ist jedem überlassen, ob er eine Taktik gut, weniger gut oder falsch findet. Diese Diskussionen sind für mich in Ordnung", sagte auch Löw am Montag.

Scholls Namen nannte er die ganze Zeit nicht.

Nur so viel noch von Löw: "Wir können ja nicht ins Spiel hineingehen und sagen: Wir spielen so wie immer, richten uns nur nach unseren Stärken und der Gegner ist uns eigentlich egal. Das wäre ja fahrlässig, das macht ja kein Trainer."

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