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Martin Volkmar, Ressortleiter Online/Mobile bei SPORT1, kommentiert Joachim Löws Entscheidung © SPORT1 / Getty Images

Ismaning - Angesichts der fehlenden Alternativen ist es gut für den DFB, dass Joachim Löw weitermacht. Der Bundestrainer muss aber die richtigen Lehren aus den Defiziten bei der EM ziehen.

Zugegeben, die Vorstellung hätte ihren Reiz gehabt. Ein Neuanfang mit einem neuen Bundestrainer, der alte Zöpfe abschneidet und neuen Schwung bringt.

Joachim Löw hat diese Diskussion nach dem 0:2 gegen Frankreich selbst entfacht durch sein fehlendes Bekenntnis, den noch bis 2018 laufenden Vertrag zu erfüllen. Seit Dienstag nun besteht endgültig Klarheit: Löw will den WM-Titel in zwei Jahren in Russland verteidigen.

Die fünf Tage Schwebezustand haben auch gezeigt, dass es derzeit keine sinnvolle Alternative gibt. Die wenigen deutschen Toptrainer wie Thomas Tuchel oder Jürgen Klopp stehen unter Vertrag oder sind nicht interessiert, das gilt auch für den gerade frei gewordenen Matthias Sammer.

Gleichzeitig haben die Debatten der vergangenen Tage, unter anderem im SPORT1-Doppelpass am Sonntag, aber gezeigt, dass doch viel mehr Arbeit vor Löw liegt als dieser selbst nach dem Halbfinal-K.o. Glauben machen wollte.

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Die offizielle DFB-Lesart nach dieser EM lautete ja: Gutes Turnier gespielt, in allen Begegnungen die bessere Mannschaft gewesen, zu viel Verletzungs- und Abschlusspech sowie unerklärliche Formschwächen zum schlechtesten Zeitpunkt. Ansonsten: alles bestens, rosige Zukunft inklusive.

Die von Löw selbst in den Raum gestellte Bundestrainerfrage hat aber den Blick freigelegt auf nicht wenige Problemzonen, allen voran die bekannten Schwächen im Sturm und auf den Außenbahnen.

Auch wenn man Löw allein das Fehlen geeigneter Spieler nicht vorwerfen kann, so hat es doch die fehlende Balance und Logik seiner Kaderzusammenstellung deutlich gemacht. Etwa, dass in Jonas Hector nur ein Außenverteidiger dabei war und dringend benötigte Flügelstürmer wie Karim Bellarabi und Julian Brandt im Gegensatz zum ewigen Lukas Podolski aussortiert wurden.

Über die Taktik gegen Italien und Frankreich kann man trefflich streiten, genauso wie über die ohne Mastermind Hansi Flick gegenüber der WM 2014 fast komplett verkümmerten Standards. Entscheidend wird daher nun sein, dass Löw die richtigen Konsequenzen aus diesen und anderen Defiziten zieht.

Genau hier aber darf man gespannt sein, denn viele Kritiker haben dem Bundestrainer nach dem Ausscheiden Kritik- und Beratungsresistenz vorgeworfen. In jedem Fall muss Löw spätestens jetzt aus seiner Weltmeister-Komfortzone herauskommen und sich - zumindest teilweise - neu erfinden.

Für die deutsche Mannschaft war es in Frankreich vermutlich so leicht wie seit einer kleinen Ewigkeit, Europameister zu werden. Das unnötige Scheitern hat gezeigt, dass Titel keine Selbstläufer sind. Neben dem zweifelsfrei vorhandenen Können braucht es auch Glück und vor allem harte Arbeit.

Es gibt also genug zu tun für Löw. Dass er es kann, hat er vor zwei Jahren in Brasilien eindrucksvoll bewiesen.

Also mach es noch einmal, Jogi.

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