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DFB-Auswahl Italien Elfmeterschießen
Die DFB-Auswahl hat bei großen Turnieren nur das Elfmeterschießen im EM-Finale 1976 verloren © Getty Images

Bordeaux - Was für eine Spannung, was für eine Dramatik! Das Viertelfinale Deutschland gegen Italien geht in die Fußballgeschichte ein. SPORT1 blickt zurück auf das Elfmeter-Drama.

Als Jonas Hector zum Elfmeterpunkt geht, ist er im Tunnel. Das Tor wird immer kleiner, seine Knie zittern. Doch jetzt muss er da durch.

Die deutschen Fans klatschen, dann wird es ganz still im Stade Matmut Atlantique. Hector läuft an. Er schießt mit links. Gianluigi Buffon ist in der richtigen Ecke. Doch der Ball setzt auf, rutscht unter Italiens Torwart durch und zappelt im Netz.

Manuel Neuer sprintet auf den Rasen, überholt Hector sogar noch, und dann verschmelzen die deutschen Spieler zu einer einzigen großen Jubeltraube.

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Währenddessen kniet Buffon noch vor seinem Tor, Andrea Barzagli weint wie ein Kind.

"Habe oft gedacht, es ist vorbei"

Das EM-Viertelfinale zwischen Deutschland und Italien wird als eins der nervenaufreibendsten und dramatischsten Spiele in die Geschichte des Fußballs eingehen. Das Elfmeterschießen war episch. Noch nie zuvor hatten drei deutsche Spieler verschossen.

"Es war unglaublich", erzählte Jerome Boateng nach dem Krimi, "ich habe oft gedacht, es war vorbei. Aber zum Glück war es nicht vorbei."  

Und zum Glück stand Manuel Neuer im Tor. "Das war ein Nervenkrieg", sagte Neuer, der Held der Schlacht.

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Die Spannung ist greifbar in dieser Sommernacht in Bordeaux. 

Um 23.31 Uhr pfeift Schiedsrichter Viktor Kassai die Verlängerung beim Stand von 1:1 ab. Beide Trainer versammeln ihre Spieler im Kreis um sich, legen die Schützen fest.

Für Joachim Löw ist es das erste Elfmeterschießen als Chefcoach. 2006, beim legendären 5:3 im WM-Viertelfinale gegen Argentinien, war er noch Co-Trainer.

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Schweinsteiger sorgt für Jubel in Italiens Block

Plötzlich hallt lauter Jubel durch den italienischen Fanblock. Die Elfmeter werden auf das Tor geschossen, hinter dem die Fans der Squadra Azzurra sitzen.

Weil DFB-Kapitän Bastian Schweinsteiger es so will. "Ich habe mal kurz nachgedacht, wie es eigentlich in der Vergangenheit war", sagte der 31-Jährige mit Blick auf das verlorene Finale gegen Chelsea und das gewonnene Halbfinale bei Real in der Champions-League-Saison 2011/2012.

Jochen Stutzky (l.) und Thorsten Mesch berichten bei der EM 2016 für SPORT1 vom deutschen Team
Jochen Stutzky (l.) und Thorsten Mesch berichten bei der EM 2016 für SPORT1 vom deutschen Team © SPORT1 Grafik: Paul Haenel

"Ich kann mich an München erinnern, da haben wir auf die Südkurve geschossen und verloren. Ich kann mich an Madrid erinnern, da haben wir auf Madrids Kurve geschossen und gewonnen."

Um 23.37 Uhr beginnt das Roulettespiel. Gegen Lorenzo Insignes Schuss ist Neuer machtlos. Toni Kroos schnappt sich als erster Deutscher den Ball. Links, halbhoch, platziert, drin.

Zaza und Müller scheitern

Dann kommt Simone Zaza. Der Italiener war in der in der letzten Minute der Verlängerung nur für das Elfmeterschießen ins Spiel gekommen, während Löw auf die Einwechslung eines sicheren Elfmeterschützen wie Lukas Podolski verzichtet hatte.

Zaza ist nervös, zögert, tänzelt, macht insgesamt 17 (!) Trippelschritte - und schießt weit drüber! Die Gazetta dello Sport schreibt von einem "peinlichen Elfmeter", im Netz ergießen sich Hohn und Spott über den Fehlschützen.

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Doch der Jubel der deutschen Fans verstummt schnell. Denn auch Thomas Müller zögert bei seinem Anlauf, und auch er verschießt. Bereits der vierte Fehlschuss bei den letzten sechs Strafstößen von Müller, der nach der Partie Konsequenzen ankündigt:

"Jetzt lasse ich erst einmal anderen den Vortritt", sagte der bislang unglücklich agierende Münchner, der aber ergänzte: "Falls es aber nochmal zum Elfmeterschießen kommt und jemand gebraucht wird, bin ich da."

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Andrea Barzagli bleibt danach ganz cool. Der Ex-Wolfsburger lupft den Ball mittig ins Tor. Neuer hat keine Chance.

Mesut Özil will es ganz genau machen, doch sein Schuss landet am Pfosten. Bayerns Finanzminister Markus Söder kritisiert den Arsenal-Profi in einem Tweet ("Nie mehr Elfer für Özil"), den er später wieder löscht.

Pelles peinliche Spielchen

Italien hat den Vorteil auf seiner Seite. Aber nur kurz.

Graziano Pelle will Neuer verunsichern, deutet einen Heber an. Doch dann schießt er den Ball kläglich links am Tor vorbei.  "Großmaul", schimpft der Corriere dello Sport, und Tuttosport meint: "Eine totale Blamage. So verhält sich kein wirklicher Champion."

Dann trifft Julian Draxler knallhart flach ins rechte Eck. Besser kann man einen Elfmeter kaum schießen.

Der nächste Italiener: Leonardo Bonucci. Im Spiel hatte er Neuer beim Handelfmeter verladen, doch jetzt verliert er das Pokerspiel: Flachschuss nach links, doch Neuer ahnt die Ecke.

"Den Bonucci wollte ich nicht zweimal treffen lassen, dann habe ich ihn zum Glück gehalten", sagt der Keeper.

Auch Schweinsteiger zeigt Nerven

Schweinsteiger kann das Spiel entscheiden. Doch auch er zeigt Nerven, schießt drüber - Verlängerung. Jetzt kann jeder Fehlschuss das Aus bedeuten.

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Emanuele Giaccherini haut die Kugel hoch und mittig ins Netz.

Mats Hummels muss treffen, sonst ist es aus. Halbhoch, Buffon ist dran, aber der Ball ist drin.

"In der Situation kannst du eigentlich nur noch verlieren. Wenn du verschießt, ist Deutschland ausgeschieden. Ich habe zum Glück nicht so viel daran gedacht", sagt Hummels später zu SPORT1.

"In der Jugend war ich der Elferschütze schlechthin. Bis ich 15 war, habe ich jeden versenkt", erzählt er. Doch davon war bei ihm selber nicht mehr viel zu spüren.

"Am Mittelkreis wusste ich, wohin ich schieße. Das hat sich dann aber noch ganz oft geändert, bis ich am Elferpunkt ankam", berichtet Hummels: "Zwei Sekunden vorher wollte ich eigentlich in die andere Ecke schießen."

Kimmich und Boateng eiskalt

Italien legt wieder vor, Marco Parolo schießt hoch in die Mitte. Jetzt liegt der Druck bei Joshua Kimmich. 21 Jahre jung, erst sein viertes Länderspiel, doch Kimmich verwandelt eiskalt. "Großer Respekt", meint Hummels, "denn er hat im Pokalfinale einen verschossen."

Mattia De Sciglio hämmert den Ball unter die Latte. Nun darf Jerome Boateng nicht verschießen. Buffon hat keine Chance, obwohl er wieder in der richtigen Ecke ist.

"Ich bin froh, dass er reingegangen ist - mit den letzten Kräften", meint Boateng mit einem Lächeln.

Hector nimmt sein Herz in die Hand

Matteo Darmian hat noch Kraft. Er wurde erst kurz vor der Verlängerung eingewechselt. Doch sein Schuss ist schwach, Neuer taucht links runter und wehrt ab. Der Profi von Manchester United ist der vierte Premier-League-Spieler, der an diesem Abend verschießt.

Hector ist an der Reihe. Es ist der 18. Elfmeter. "Es waren nicht mehr viele Leute da, aber man kann es sich nicht aussuchen, sondern nur das Herz in die Hand nehmen und antreten", sagt er: "Ich habe einfach nur gehofft, dass er reingeht."

Der Ball ist schwach geschossen, doch er geht knapp unter Buffon durch ins Tor - der deutsche Jubel ist grenzenlos.

"Ich habe den entscheidenden Elfmeter geschossen. Aber ohne Manu und die anderen, die getroffen haben, wäre es nicht dazu gekommen", bleibt der Kölner bescheiden.

Zehn Minuten vor Mitternacht ist der Spuk vorbei. Und Deutschland steht nach einer historischen Nacht im EM-Halbfinale.

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