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Joachim Löw hat sich noch nicht auf seine Zukunft als Bundestrainer festgelegt
Joachim Löw hat sich noch nicht auf seine Zukunft als Bundestrainer festgelegt © Getty Images

München - Joachim Löw wird nach dem EM-Aus nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Trotzdem summieren sich die Warnungen, Lehren aus dem verpassten Titel zu ziehen.

Natürlich, Joachim Löw hätte das alles schnell beenden können.

"Klar bleibe ich Bundestrainer, auf jeden Fall - was denkt ihr denn?" Hätte der Bundestrainer diesen Satz so oder ähnlich ausgesprochen: Er hätte fest im Raum gestanden - und nicht fürchten müssen, dass irgendjemand ihn umdribbelt.

Löw hat es nicht getan, wie schon nach der EM 2012 und selbst nach der gewonnen WM 2014. Obwohl als ausgemacht gilt, dass er seinen bis zur WM 2018 laufenden Vertrag erfüllen wird.

Es ist seine Angewohnheit, ein Turnier erst einmal selbst gründlich zu verdauen und zu analysieren, ehe er sich darauf festlegt, wie es danach weitergeht. Auf die Gefahr hin, dass das währenddessen erst einmal viele andere Leute öffentlich diskutieren und analysieren.

Debatte nimmt neue Richtung

Das kann Löw einerseits verkraften: Er ist Weltmeister-Coach und bei der EM unglücklich im Halbfinale ausgeschieden. Grundsätzlich in Frage stellt ihn daher niemand, dessen Stimme Gewicht hat. Auch 54 Prozent der SPORT1-User sagen: Löw soll bleiben.

Und trotzdem ist die Debatte, was Löw nun zu tun hat, inzwischen etwas anders als noch unmittelbar nach dem Aus gegen Frankreich. Da überwog noch deutlich die Ansicht, einfach Pech gehabt zu haben. Garniert meist nur mit dem Hinweis auf Missstände, für die Löw nur bedingt etwas kann: die Verletzten, die Stürmernot.

Mittlerweile haben sich einige kritischere Stimmen zu Wort gemeldet und stellen die Frage, ob Löw nicht vielleicht doch ein paar grundsätzlichere Lehren ziehen sollte. Und diese Stimmen kommen aus sehr unterschiedlichen Richtungen.

Neururer: "Entscheidende Fehler" von Löw

Da war nun zum Beispiel SPORT1-Experte Peter Neururer am Sonntagmorgen im EM Doppelpass.

Neururer wollte - wie alle Teilnehmer der Runde - Löw nicht grundsätzlich in Frage stellen. Aber er attestierte ihm "ganz entscheidende Fehler", sowohl bei der Taktik gegen Frankreich, als auch in der Kaderzusammenstellung vor dem Turnier.

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Warum keine offensivere Formation gegen die defensiv anfälligen Franzosen? Warum Leroy Sane mitnehmen, um ihn dann erst einzuwechseln, wenn praktisch schon alles verloren ist? Warum die Gewissheit, dass Marcel Schmelzer im Nationalteam nicht zu gebrauchen ist?

Auch Expertenkollege Maurizio Gaudino hatte Detailfragen, etwa die, warum "ein Julian Draxler gegen die Slowakei ein überragendes Spiel macht und im nächsten Spiel aufgrund einer taktischen Änderung raus muss".

Wortgleich monierten Neururer und Gaudino "Kleinigkeiten", die im Großen den Unterschied ausgemacht hätten. Und viele davon überschnitten sich mit Fragen, die auch andere Kritiker stellen.

Kritik von mehreren Seiten

Die Feststellung "Kleinigkeiten, aber sie summierten sich", die Frage nach Schmelzer, nach dem Kader generell: Sie sind auch Teil der Fehleranalyse der Zeit.

Sie hält Löw vor, die Jahre zwischen WM und EM, "die Phase, in der man ein Team zusammenfügen, ihm eine Spielidee vermitteln kann" nicht ausreichend genutzt zu haben. "Bisweilen lethargisch und beliebig" habe er da gewirkt, seine Nominierungen allzu sprunghaft. Der deutsche Fußball müsse "Schein von Sein" trennen: "Neue große Erfolge haben sich in Frankreich nicht angedeutet."

In eine ähnliche Richtung ging Fußballphilosoph Wolfram Eilenberger. In bemerkenswertem Einklang mit Neururer hielt er bei Twitter fest: "Eigenwilligkeiten in der Kadergestaltung letztlich ausschlaggebend."

Löw hat für Eilenberger seine "drei großen Turnierwetten" - Bastian Schweinsteiger, Mario Götze, Joshua Kimmich – allesamt verloren: "Die Gefahr als Begriff: Delbosqueisierung." Mit anderen Worten: Löw möge aufpassen, nicht auf dieselbe Weise wie Vicente del Bosque mit den Spaniern schleichend den Anschluss an die Besten zu verlieren.

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Warnung vor Bequemlichkeit

Es sind Warnungen an Löw und sein Team, es sich nicht zu bequem zu machen im Wir-hatten-doch-nur-Pech-Gefühl, nicht dem Trugbild zu erliegen, ansonsten doch alles richtig gemacht zu haben.

Ein Eindruck, den viele Statements der DFB-Spieler und -Funktionäre nach dem Aus vermittelten.

Und den Joachim Löw womöglich in Frage stellen sollte in diesen Tagen, in denen er das Turnier noch einmal gründlich verdaut und analysiert.

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