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Amsterdam - Der WM-Dritte Niederlande droht die EM-Teilnahme zu verpassen. Der Bondscoach bangt nach dem Remis gegen die Türkei weiter um seinen Job und versucht, die Ansprüche herunterzuschrauben.

Guus Hiddink blieb betont gelassen.

Der Bondscoach versuchte, Optimismus zu verbreiten. Seine Mannschaft zu verteidigen. Und sich gleichzeitig gegen die Dauerkritik zu wehren. Denn nach dem glücklichen 1:1 in der EM-Qualifikation gegen die Türkei wird die Luft für ihn dünner und dünner.

"Natürlich kann ich es schaffen, wieder das Bestmögliche aus der Mannschaft herauszuholen. Ich weiß im Moment nur noch nicht, wie", sagte Hiddink.

Eine bemerkenswerte Aussage. Eine Mischung aus Ratlosigkeit und Trotz.

Last des Erbes

Nicht ganz unverständlich. Denn Hiddink schleppt die Last des Erbes von Louis van Gaal seit seinem Amtsantritt mit sich herum, wird von ihr inzwischen fast erdrückt. Sein großes Problem: Neben fußballerischen und taktischen Defiziten fehlen auch die Ergebnisse. Und das in einem Land, das sich gerne für die Schönheit des eigenen Spiels feiert, für den oft zitierten "Voetbal total", den kreativen Offensivgeist.

Denn klar ist: Nicht erst seit dem dritten Platz bei der Weltmeisterschaft in Brasilien unter van Gaal sind die Ansprüche andere als das, was Oranje derzeit auf den Platz bringt.

Als Dritter sechs Punkte hinter Tabellenführer Tschechien, fünf hinter dem Zweiten Island - für das Selbstverständnis in den Niederlanden ist das eine schallende Ohrfeige. Ebenso wie das 1:1 selbst gegen die Türkei, "nur" die Nummer 56 der Welt.

Die Augen nicht verschließen

„Wir dürfen unsere Augen nicht davor verschließen, in welcher Lage wir sind. Wir sind Dritter, das hätten wir zu Beginn der Qualifikation sicher nicht gedacht, aber im Fußball kann nun mal alles passieren. Wir haben jetzt Konkurrenten wie die Tschechische Republik oder Island noch zuhause. Da müssen wir es besser machen“, sagte Klaas-Jan Huntelaar im Gespräch mit SPORT1.

Der Stürmer vom FC Schalke hatte Hiddink zuvor den Job gerettet. Sein Tor stand dann auch sinnbildlich für den Zustand der Elftal. Bis in die Nachspielzeit hinein war Hiddink seinen Job im Grunde los.

Oranje wirkte gegen die Türkei nach dem 0:1 durch Burak Yilmaz (37.) nervös, fahrig und einfallslos. Blieb einmal mehr weit hinter den Erwartungen zurück. Die EM-Qualifikation war in weite Ferne gerückt. Und das am fünften Spieltag.

Huntelaar rettet Hiddink den Job

Doch dann rettete ein Verzweiflungsschuss von Kapitän Wesley Sneijder, von Huntelaar noch entscheidend abgefälscht, Hiddink den Job. Zumindest vorerst.

Die Stimmung im Anschluss? Gemischt. „Es ist ein bisschen zweigeteilt. Einerseits sind wir froh, dass wir nicht verloren und das Unentschieden noch geschafft haben. Auf der anderen Seite wollen zuhause natürlich gewinnen. Denn es war für uns auch ein wichtiges Spiel“, sagte Huntelaar.

Das war es in der Tat. Anzumerken war es den Gastgebern allerdings nicht. Lediglich die Nervosität deutete an, um was es ging. Spielerische Qualität? Mangelware. Ein Aufbäumen? Nur phasenweise zu erkennen. Die meisten Angriffe waren eher vogelwild denn planvoll vorgetragen.

Die Gründe für die Krise? Die gibt es. "Aber am Ende ist es nicht wichtig, welche Gründe das sind. Am Ende ist das Ergebnis wichtig. Wir müssen es in Zukunft besser machen", sagte Huntelaar. Durchhalteparolen, mehr nicht.

Nicht mehr europäische Spitze

Und natürlich kamen auch die Bekundungen zum Bondscoach reflexartig. "Der Punktverlust liegt nicht an Hiddink", stellte sich Sneijder vor Hiddink. "Er muss mit dem Personal auskommen, das er hat. Aber auch ohne Arjen Robben und Robin van Persie müssen wir das Spiel gewinnen", sagte Sneijder.

"Natürlich wird viel über den Trainer oder die Spieler gesprochen. Aber wir konzentrieren uns nur auf die Spiele und versuchen die zu gewinnen. Mehr nicht", so Huntelaar. Noch mehr Durchhalteparolen.

Dass Arjen Robben dem WM-Dritten an allen Ecken und Enden fehlte, ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Vor allem in der Verfassung der vergangenen Monate. Allerdings war der Mittelfeldmann vom FC Bayern beispielsweise auch bei der peinlichen 0:2-Niederlage in Island dabei. "Natürlich vermissen wir Robben. Das kann man nicht verstecken. Uns fehlte Qualität", sagte Sneijder.

Stillstand statt Weiterentwicklung

Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Die Vorwürfe an Hiddink: Keine taktische Linie, keinen Plan, keine Weiterentwicklung. Stillstand. Er mache schlicht zu wenig aus dem vorhandenen Material, monieren die Kritiker.

So sitzt Hiddink also weiter auf seinem heißen Stuhl, möglicherweise nur noch bis zum Dienstag, wenn es im Testspiel gegen Spanien geht. Bei der WM in Brasilien hatte Oranje den Ex-Weltmeister noch mit 5:1 aus dem Stadion gefegt. Doch das ist Vergangenheit. Das versucht Hiddink zumindest, besonders zu betonen.

"Wir sollten nicht den Fehler machen zu denken, dass wir zur europäischen Spitze gehören. Platz drei bei der WM war sehr schön, das ist aber nicht die Realität", sagte Hiddink und stellte klar: „Der Punkt gegen die Türkei kann am Ende noch wichtig sein.“

Die Ansprüche sind inzwischen tatsächlich andere geworden.

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