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Rote Karte für Bruno Martins Indi gegen Island
Für Bruno Martins Indi (l.) war die Partie gegen Island nach einer Tätlichkeit schon nach 33 Minuten beendet © Imago

Amsterdam - Pleite, Rot, Robben-Aus: Die katastrophale EM-Quali der Niederlande setzt sich bei Danny Blinds Einstand nahtlos fort. Der Rotsünder wird verbal nicht geschont.

Von Francois Duchateau

Wortlos huschte Bruno Martins Indi an den Reportern vorbei, die in den Katakomben der Amsterdam ArenA auf ihn warteten. Mit seinem dummen Platzverweis nach 33 Minuten hatte der Porto-Verteidiger die 0:1-Heimniederlage der Niederlande gegen Island entscheidend mitverschuldet (EM-Qualifikation: Spielplan).

Auch seine Kollegen machten Martins Indi als Sündenbock aus und fanden nach Abpfiff ungewohnt deutliche Worte. So auch Arjen Robben. "Als Kapitän bin ich jemand, der seine Spieler beschützt, aber ich kann nicht anders als zu sagen, dass das dumm ist", motzte der frisch ernannte Spielführer der Elftal: "Er lässt sein Team im Stich und das darf man ihm übel nehmen."

Blind: Martins Indi muss "sich beherrschen"

Auch Bondscoach Danny Blind schonte Martins Indi im Interview mit dem Niederländischen Rundfunk nicht.

"Damit haben wir unsere eigenen Fensterscheiben eingeworfen. Das finde ich sehr ärgerlich. Man weiß, um was es geht und dann verstehe ich nicht, was da in ihm vorgeht. Auch das gehört zum Profifußball: sich beherrschen. Er war gut im Spiel, es gab keinen Grund, das zu tun", kommentierte der 54-Jährige die folgenschwere Rangelei mit Kolbein Sigthorsson.

Kurios: Bei Guus Hiddinks Einstand im Jahr 2014 hatte der Verteidiger ebenfalls Rot gesehen. Beim damaligen 0:2 gegen Italien saß Danny Blind noch als Assistent auf der Bank.

Als Co-Trainer hatte Blind auch Louis van Gaal bei dessen Debüt (2:4 gegen Belgien) kein Glück gebracht, nun setzte der 54-Jährige am Donnerstag auch seine eigene Premiere als Oranje-Hauptverantwortlicher in den Sand - und blieb der Tradition seiner Vorgänger treu. Kein Bondscoach wusste in diesem Jahrtausend seine Premiere zu gewinnen.

Sigurdsson bringt Island EM-Premiere ganz nah

Blind verlor mit dem WM-Dritten von 2014 allerdings keinen Testkick, sondern das Schlüsselspiel um die Teilnahme zu Europameisterschaft in Frankreich. Nach der ersten Heimniederlage in der EM-Qualifikation seit 52 Jahren muss Oranje mächtig zittern. Die Skandinavier haben dagegen nach dem Elfmetertor von Gylfi Sigurdsson das Ticket für ihr erstes großes Turnier überhaupt so gut wie sicher (EM-Qualifikation: Die Tabelle der Gruppe A).

Immerhin: Noch bekleidet Oranje den dritten Rang in der Qualifikations-Gruppe A hinter Tschechien und hat es selbst in der Hand, diesen Platz zu verteidigen und in die Playoffs einzuziehen. Dazu war am Donnerstagabend allerdings schon die Schützenhilfe Lettlands nötig, das den Türken ein 1:1 abluchste.

Im direkten Duell am Sonntag (ab 18 Uhr im LIVETICKER) können die Niederlande die Türkei nun selbst auf Distanz halten.

Diagnose bei Robben steht aus

"Es ist noch immer möglich", hofft Arjen Robben weiter auf die EM-Teilnahme, das Remis der Letten sei "ein kleiner Trost".

Arjen Robben für die Niederlande gegen Island
Arjen Robben (r.) musste schon nach 26 Minuten ausgewechselt werden © Getty Images

Nach einer Verletzung der linken Leiste, die den Bayern-Star bereits nach 26 Minuten in den vorzeitigen Feierabend zwang, reist er nicht mit zum Auswärtsspiel nach Konya. "Mir war schnell klar, dass ich nicht weitermachen konnte. Das ist ein Schlag für mich." Noch am Freitag kehrte Robben nach München zurück, eine Untersuchung soll Klarheit über die Schwere der Verletzung liefern. 

Jeremain Lens vom AFC Sunderland wurde bereits als Vertreter nachnominiert.

Bleibt für Oranje zu hoffen, dass diese Personalentscheidung mehr fruchtet als Blinds viel kritisierte Auswechslungen gegen Island.

Pfiffe bei Auswechslung von Schalkes Huntelaar

Nachvollziehbar war seine Entscheidung, einen Stürmer nach Martins Indis Platzverweis zu opfern. Dass seine Wahl auf Klaas-Jan Huntelaar fiel, quittierte der Oranje-Anhang jedoch mit deutlichen Pfiffen. Die taktische Ausrichtung mit Memphis Depay im Angriffszentrum ging daraufhin nicht auf: Island machte die Mitte dicht und ließ Oranje seelenruhig planlos und vergebens Flanken auf den 1,76-Meter-Mann schlagen.

Die Elftal agierte ohne Ideen und befand sich konstant in der Rückwärtsbewegung. Ratlos spielte sich die Viererkette den Ball hin und her und ließ sich immer weiter nach hinten drängen. Trotzdem: Den Huntelaar-Wechsel bereue er nicht, verteidigte Blind in Interviews nach Abpfiff seine Marschroute.

Aber auch weitere personelle Entscheidungen Blinds gingen nicht auf: Davy Klaasen entpuppte sich ebenso als Totalausfall wie der früh für Robben eingewechselte Luciano Narsingh.

Scharfe Kritik an van der Wiel

Gregory van der Wiel war als Rechtsverteidiger ein Unsicherheitsfaktor und verschuldete den spielentscheidenden Elfmeter. "Ihm darf das nicht passieren", kritisierte Blind den PSG-Profi scharf: "Er hat die nötige Erfahrung. In solch einer Situation muss man auf den Beinen bleiben. Du darfst in so einer Situation nicht grätschen, das ist Lektion eins."

Gylfi Sigurdsson beim Elfmeter für Island gegen die Niederlande
Gylfi Sigurdsson (M.) erzielte per Elfmeter den Siegtreffer © Getty Images

Bleibt die Frage, warum Blind einem Spieler das Vertrauen schenkte, der in Paris nur Dauer-Reservist ist. Der fehlende Rhythmus war dem Rechtsverteidiger deutlich anzumerken.

"Zum Verrücktwerden", schüttelte Wesley Sneijder den Kopf, als er zur Elfmeterszene befragt wurde. Der Galatasaray-Regisseur gab offen zu dass es in der zweiten Halbzeit nur darum ging, zu "hoffen, dass die Kugel einmal richtig landen würde". In den verbleibenden drei Quali-Spielen der Elftal fordert Sneijder jetzt drei Siege: "Sonst hat man in Frankreich auch nichts zu suchen."

Anzeichen, warum die Niederlande, zudem ohne Robben, in der Türkei anders auftreten sollten, sind jedoch noch nicht zu erkennen.

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