Video

Amsterdam - Nach dem EM-K.o. lecken die Niederlande ihre Wunden. Die heimische Presse kanzelt die "mitleiderregende" Mannschaft ab. Trotzdem soll der Coach bleiben.

Klaas-Jan Huntelaar tigerte auf dem Platz auf und ab. Konsterniert. Frustriert. Demoralisiert. Und vor allem ratlos.

Robin van Persie schüttelte immer wieder den Kopf, stemmte die Hände in die Hüften und starrte abwechselnd ins Leere oder betreten auf den Boden. Auch der Rest der niederländischen Nationalmannschaft versuchte unmittelbar nach dem Schlusspfiff, das Unbegreifliche, das Unfassbare zu realisieren.

Skurril bis surreal wurde die Szenerie, als van Persie seine zunächst widerwilligen Teamkollegen dazu aufforderte, noch eine Runde durch das bereits deutlich geleerte Stadion zu drehen. Die Elftal winkte und klatschte etwas unsicher wirkend ins Publikum, das wiederum abwechselnd mit eisigem Schweigen, aber auch mit Applaus antwortete.

Pfiffe? Waren schon im Verlauf der 2:3-Niederlage im letzten EM-Qualifikationsspiel gegen Tschechien kaum zu vernehmen gewesen. Ein Spießrutenlauf? Mitnichten. Eher Resignation, die Fügung in das unausweichliche Schicksal (DATENCENTER: Die EM-Qualifikation).

Zu mehr nicht in der Lage

Es wirkte, als hätte das Publikum während der vergangenen Monate deutlich registriert, dass Oranje derzeit offenbar nicht zu mehr in der Lage ist, als zu mühsamen Siegen gegen Lettland und Kasachstan.

Dass das, was auf dem Platz geboten wird, exakt dem aktuellen Leistungsvermögen entspricht. Dass es schlicht nicht reicht und dass die verpasste EM-Qualifikation die folgerichtige Konsequenz ist.

So bitter, so niederschmetternd das für den niederländischen Fußball in diesem Moment auch sein mag.

"Wir haben einfach zu viele Punkte verloren und gegen die ersten drei Mannschaften in der Gruppe nicht gewonnen", sagte Bas Dost SPORT1. "Die Mannschaft hat aber eine riesige Qualität. Das ist gar nicht das Problem", meinte der Stürmer vom VfL Wolfsburg. Trotz allem.

"Da habe ich keine Antwort drauf"

Und was ist dann das Problem? "Das ist genau die Frage, die dann kommt. Aber da habe ich keine Antwort drauf", so Dost. Auch Huntelaar fiel nur Allgemeines ein: "Wir haben nicht das geleistet, was wir leisten müssen."

Planlos und größtenteils harmlos hatte sich Oranje in diesem "Do-or-Die"-Spiel präsentiert, gegen teilweise nur zehn Tschechen Klasse, Ordnung, Willen vermissen lassen. Also so ziemlich alles.

"Bittere Parodie, mitleideregend"

Die heimische Presse ging mit ihrer Nationalmannschaft, die zuletzt bei der WM 2002 ein großes Turnier verpasst hatte, entsprechend hart ins Gericht. 

"In der Arena vollzog sich die definitive Demaskierung der niederländischen Elf, als eine bittere Parodie auf Spitzenfußball, eine mitleiderregende Sportmannschaft, die bei einem Endturnier nichts zu suchen hat", schrieb De Volkskrant.

Und De Telegraaf titelte: "Der niederländische Fußball ist eingestürzt. Demaskiert, wirklich skandalös. Sprachlosigkeit. Eine enorme Blamage für Oranje."

Nicht einmal eineinhalb Jahre, nachdem man in Brasilien drittbeste Nation der Welt wurde, schafft es Oranje nicht einmal ins Feld der besten 24 Mannschaften Europas. "Mein lieber Himmel, die Niederlande sind zu Andorra geworden", twitterte Englands Fußball-Ikone Gary Lineker. 

Beispielloser Absturz

Es ist ein nahezu beispielloser Absturz, der verschiedenste Ursachen hat. Vom Verletzungspech über das starre 4-3-3-System bis hin zu den überalterten Leistungsträgern.

Wesley Sneijder (31), Arjen Robben (31), van Persie (32) und Huntelaar (32) stehen nun möglicherweise vor der Wachablösung. Auch wenn Huntelaar glaubt, dass das Quartett noch genügend Qualität hat, käme ein Neuanfang nicht überraschend. Und der ist wohl auch bitter nötig.

Weiter mit Blind

Dieser Umbruch soll aber mit Bondscoach Danny Blind erfolgen, auch wenn nach dem EM-Aus reflexartig personelle Konsequenzen gefordert werden.

Doch Bert van Oostveen, Direktor des niederländischen Fußballverbandes KNVB, erneuerte sein Treuebekenntnis zu Blind, der erst im Sommer Guus Hiddink ablöste und daraufhin drei der vier Qualispiele verlor.

"Wir machen gemeinsam weiter", sagte van Oostveen dem niederländischen TV-Sender NOS.

Van Oostveen sagte ähnliches allerdings auch nach dem Vorrunden-Aus bei der EM 2012, letztlich ging Trainer Bert van Marwijk doch.

Die WM-Qualifikation beginnt im September 2016. Immerhin genug Zeit, über die nötigen Konsequenzen nachzudenken.

teilentwitternsammelnE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel