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Ob Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps (l.) bei der EM auf seinen Torjäger Karim Benzema bauen kann, ist noch unklar © Getty Images

München - Frankreichs Fußball hofft 2016 nach vielen Skandalen und Rückschlägen auf eine Trendwende durch die EM im eigenen Land - und auf neue Popularität.

Frankreichs Fußball kann sich für die EM im eigenen Land (10. Juni bis 10. Juli) nur gedämpfte Hoffnungen auf ein Sommermärchen a la Deutschland 2006 machen. Außer der seit den Anschlägen von Paris erheblich gestiegenen Terrorangst überlagern die Schatten vieler Skandale die Vorfreude auf das herbeigesehnte Spektakel.

Dabei ist die achtjährige Sperre für Frankreichs Idol Michel Platini, der sich durch ein erfolgreiches EM-Turnier in seinem Heimatland als Präsident des Europa-Verbandes UEFA ein Denkmal setzen wollte und jetzt nicht einmal die zehn EM-Stadien betreten darf, nur die Spitze des Eisberges.

Das Image des französischen Fußballs ist durch hausgemachte Probleme in der heißgeliebten "Equipe tricolore" seit dem legendären Kopfstoß von Zinedine Zidane im WM-Finale 2006 gegen Italien rasant in den Keller gerauscht.

Eklat um Benzema als Tiefpunkt

Die blauen Flecken für "Les Bleus" sind inzwischen so zahlreich, dass Sponsoren - so sie sich denn überhaupt noch als Geldgeber beim EM-Gastgeber engagieren wollen - in die Verträge Sicherheitsnetze einbauen lassen: Unterschreiten regelmäßig vorgeschriebene Überprüfungen der Popularitätswerte für die Nationalmannschaft bestimmte Grenzen, muss Frankreichs Verband FFF Geld zurückzahlen. Bedingungsloses Vertrauen sieht anders aus.

Kein Wunder allerdings, sorgte das frühere Weltmeister-Team in den vergangenen Jahren doch beständig für Negativschlagzeilen.

Tiefpunkt war zuletzt die "Sexvideo-Affäre": Der mit den Erpressern von Nationalspieler Mathieu Valbuena befreundete Superstar Karim Benzema riet seinem Teamkollegen tatsächlich, das geforderte "Schweigegeld" von 150.000 Euro zu zahlen - und fiel dafür beim Verband und Nationaltrainer Didier Deschamps in Ungnade. Stand Neujahr findet die Heim-EM ohne Frankreichs torgefährlichsten Stürmer statt.   

Ein Skandal nach dem anderen

Der Volksmund nennt die Spieler aufgrund ständiger Verletzungen ihrer Vorbildfunktion und der Fair-Play-Werte immer häufiger "die Verdorbenen". Galt 2008 nach dem desaströsen EM-Aus die Empörung noch der unverständlichen Millionen-Zahlung für den ungeliebten Coach Raymond Domenech, zogen danach mehr und mehr die lange verehrten Stars den Unmut der Nation auf sich.

Kratzte auf dem Weg zur WM-Endrunde 2010 schon das skandalöse Hand-Tor von Stürmerstar Thierry Henry an den Unantastbarkeit der Idole, setzte die Mannschaft später in Südafrika durch ihren Trainingsboykott während der WM-Endrunde allem die Krone auf. Den Sitzstreik im Teambus wertete die heimische Öfentlichkeit als Beleidigung Frankreichs, erstmals musste der FFF seine Sponsoren für den entstandenden Imageverlust finanziell mit mehreren Millionen Euro entschädigen.

Schlagzeilen abseits des Sports

Einer der Rädelsführer beim "Fiasko von Knysna", wie der Spieler-Aufstand am Kap in Frankreich genannt wird, war Franck Ribery. Später sorgte der Star des deutschen Rekordmeisters Bayern München durch eine Prostituierten-Affäre auch außerhalb der Sportseiten für fragwürdige Schlagzeilen.

2012 musste Yann M'Vila mit damals schon 22 Länderspielen auf dem Buckel für die U21 ein Qualifikatonsspiel zur EM 2013 bestreiten. Der Nachwuchsstar und drei Mitspieler - darunter der aktuelle Nationalspieler Antoine Griezmann - ließen sich nachts aus Le Havre im äußersten Winkel der Normandie nach Paris in eine Disco chauffieren. Frankreich schied gegen Norwegen aus.

Auf Verbandsebene hatte ein Jahr zuvor eine vom damaligen Nationaltrainer Laurent Blanc geforderte "Quotenregelung" hohe Wellen geschlagen. Eine der Presse zugespielte Audiodatei von einer Verbandssitzung enthüllte, dass der Weltmeister von 1998 angesichts Frankreichs hoher Migranten-Rate die Förderung von Talenten mit doppelter Staatsbürgerschaft einschränken und damit eine vermeintliche Verschwendung von Know-how zum Nutzen anderer Nationalmannschaften verhindern wollte.

Vor all diesen Hintergründen spielt die "Equipe tricolore" bei der EM um mehr als nur den Titel: Wichtiger noch als ein Heimtriumph erscheint die Wiedererweckung der Begeisterung der Franzosen für ihre "Blauen" und den Fußball.

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