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Mario Gomez (r., mit Thomas Müller und Mario Götze, l.) absolvierte bisher 66 Länderspiele

Paris - Gegen Nordirland findet Deutschland zu alter Spielfreude zurück. Die taktischen Kniffe von Joachim Löw zahlen sich aus. Doch es gibt Verbesserungsbedarf. Die SPORT1-Analyse.

Selten war ein 1:0 so deutlich wie das von Deutschland im letzten Gruppenspiel der EM gegen Nordirland.

Die deutsche Offensivreihe, nach dem 0:0 gegen Polen noch schwer in der Kritik ob ihrer Ideenlosigkeit, zeigte endlich das, was man von ihr erwarten darf.

Matthias Becker (l.) und Florian Weiß berichten für SPORT1 von der EM in Frankreich
Matthias Becker (l.) und Florian Weiß berichten für SPORT1 von der EM in Frankreich © SPORT1-Grafik / Paul Hänel © SPORT1-Grafik / Paul Hänel

Bundestrainer Joachim Löw hat es mit nur zwei Kniffen in der Startelf geschafft, die dringend benötigte Steigerung hinzubekommen. Bleibt das Problem der gruseligen Chancenverwertung.

SPORT1 analysiert, weshalb das DFB-Team auf einmal den Schlüssel zum Kombinationsfußball wieder entdeckt hat.

- Der Faktor Mario Gomez

Gegen die defensivstarken Polen setzte Löw noch auf die "falsche Neun" Mario Götze. Gegen die nicht minder abwehrorientierten Nordiren schickte er endlich die "echte Neun" Mario Gomez auf den Platz. Der war einer der Schlüssel zur Belebung der deutschen Offensive.

Gomez machte nicht nur das Tor und bereitete einige andere Szenen sehenswert mit vor. Vor allem lenkte er durch seine körperliche Erscheinung die Aufmerksamkeit der nordirischen Innenverteidigung auf sich. Damit schaffte er Räume für die Offensiv-Kollegen.

"Das war mein Job heute - ich habe mir vorgenommen, mich gegen diese beiden Ochsen, die beiden Innenverteidiger, zu hauen", sagte der Matchwinner anschließend. Er ist längst nicht mehr nur der reine Vollstrecker und kann die Lücke nach dem Rücktritt von Miroslav Klose ja vielleicht doch schließen.

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- Stürmende Außenverteidiger

Joshua Kimmich ersetzte Benedikt Höwedes als Rechtsverteidiger und überzeugte. Doch mit verteidigen hatten weder Kimmich noch Jonas Hector auf der anderen Seite viel zu tun. Die beiden Außenverteidiger standen bei Ballbesitz dermaßen hoch, dass sie eher zusätzliche Außenstürmer waren.

Das war der zweite Kniff von Löw, um die "Green Wall" der Nordiren, bei denen zeitweise sechs Mann auf einer Linie verteidigten, auseinander zu ziehen. Vor allem mit Kimmich waren die Nordiren permanent beschäftigt, was Platz für Kombinationen weiter innen schaffte.

Ein Modell für die Zukunft? "Das mit den ganz hoch stehenden Außenverteidigern war schon dem Gegner geschuldet und der Art und Weise, wie wir uns Chancen herausspielen wollten", erklärte Mats Hummels auf SPORT1-Nachfrage: "Es wird auch Spiele geben, wo die Außenverteidiger wieder defensiver stehen."

- Neue Rollen für Götze und Özil

Durch Gomez' Hereinnahme konnte Mario Götze etwas nach hinten und links rücken, was seinem Spiel sichtbar gut tat.

"Ich fühle mich ein Stück weiter hinten deutlich wohler, gerade in den Zwischenräumen", bestätigte er. Diese Zwischenräume sollten er und Mesut Özil auf der halbrechten Seite nutzen, um immer wieder in die Lücken zu stoßen und Gomez ganz vorne zu unterstützen.

Das gelang Götze und vor allem dem aufblühenden Özil sehr gut. Der hatte am Ende eine sagenhafte Passquote von 98 Prozent und wurde zum "Man of the Match" gewählt. Mehrfach kombinierte sich die deutsche Mannschaft stark durch die grüne Abwehrreihe, scheiterte dann aber zu häufig bei der Chancenverwertung.

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"Wir hätten gerne schneller den Sack zu gemacht, das müssen wir uns ankreiden lassen", bestätigte Götze. Alleine er hatte nach der Pause binnen einer Minute zwei hundertprozentige Torchancen – und wurde direkt danach ausgewechselt.

- Müller näher an der Gefahrenzone

Auch Thomas Müller bekam gegen die Nordiren eine neue Rolle zugewiesen - seine Paraderolle als hängende Spitze. Statt wie zuvor ganz auf dem rechten Flügel rückte er mehr ein. "Wir haben taktisch anders gespielt, ich war ein Tick mehr im Zentrum. Da ist der Weg zur Gefahrenzone nun mal auch kürzer", erklärte Müller.

Der Münchner hatte alle Freiheiten, die Räume zu nutzen, die sich ergaben. Seine Torchancen-Diät konnte er damit beenden. Nach zwei Alu-Treffern und zwei weiteren vergebenen Hochkarätern bleibt der Torfluch bei EM-Turnieren aber bestehen.

"Wenn man in meiner Haut steckt, diese Chancen hat und dann ohne Tor nach Hause geht, ist das schon ein bisschen ärgerlich", sagte er.

- Problem Chancenverwertung

Verärgert war auch der Bundestrainer. Denn bei allem was gut war in der deutschen Offensive: Der Chancenwucher gegen die Nordiren war bedenklich. "Das kann in den nächsten Spielen nach hinten losgehen. Da erwarte ich mehr von unseren Leuten", kritisierte Löw.

Müller versuchte, zumindest das Positive zu sehen: "Im Nachhinein ist das vielleicht aber sogar ganz gut. So bleiben wir wachsam und denken nicht, dass wir den Fußball erfunden haben."

Bei einem Blick aufs Tableau muss man aber eher Löw zustimmen. Durch Spaniens Niederlage gegen Kroatien wird Deutschland in einem möglichen Viertelfinale entweder auf den Titelverteidiger oder die cleveren Italiener treffen. Da sollte dann jeder Schuss sitzen.

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