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Bundestrainer Joachim Löw (l.) muss sich vor allem über Robert Lewandowski (M.) und Arkadiusz Milik Gedanken machen © SPORT1-Montage: Paul Hänel/Getty Images

München - Dem ersten EM-Sieg überhaupt will Polen gegen Deutschland den zweiten folgen lassen - und setzt erneut auf Tempo-Fußball. Derweil muss Löw einige Baustellen schließen.

Polens Nationaltrainer Adam Nawalka flucht viel, auf dem Trainingsplatz wie auch an der Seitenlinie. Der heute 58-Jährige war schon als aktiver Spieler temperamentvoll.

Nawalka ist getrieben vom Verlangen nach Perfektion. Daher hat er vor dem Duell am Donnerstag auch die Auftritte der deutschen Mannschaft (das Spiel ab 20 Uhr LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER) akribisch analysiert, ihre Stärken und Schwächen identifiziert.

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Bestes Anschauungsmaterial lieferte das erste Gruppenspiel Deutschlands. Trotz eines 2:0-Sieges und eines phasenweise guten Ballbesitzspiels blieb die deutsche Defensive - insbesondere auf den Flügeln - über die 90 Minuten hinweg verwundbar. Das wird Nawalka gefallen haben.

Lewandowski und Milik das Prunkstück

In den letzten Jahren hat er das polnische Nationalteam modernisiert, eine durchschnittliche Mannschaft ohne hervorstechende Merkmale zu einer aggressiven und tempostarken Einheit gemacht.

Das 4-4-2-System wirkt auf den ersten Blick konventionell, doch die Bewegungen im Offensivspiel sorgen stets für Gefahr. Prunkstück ist die Doppelspitze mit Robert Lewandowski und Arkadiusz Milik.

Die beiden Angreifer ergänzen sich nahezu perfekt. Sie öffnen sich gegenseitig Räume, stoßen in die Lücken, die der andere lässt, und kombinieren in Hochgeschwindigkeit. Tempo ist sowieso eine Stärke der polnischen Offensive. Gewinnen Nawalkas Kicker den Ball frühzeitig, sind sie nur noch schwer aufzuhalten.

Toni Kroos als Schlüssel im deutschen Spiel

Für die deutsche Mannschaft bedeutet das: Sie muss bei eigenem Spielaufbau den Ball kontrolliert bewegen. Toni Kroos fungierte gegen die Ukraine als erste Anspielstation zwischen den Innenverteidigern. Er zog damit die gegnerischen Pressingspieler mit sich und bescherte seinen Nebenmännern mehr Freiraum.

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Allerdings hatte Deutschland phasenweise Probleme damit, den Ball anschließend flach durch die Mitte laufen zu lassen. Verlagerungen auf den Flügel beziehungsweise hohe Bälle in die Spitze bringen der DFB-Elf als Alternative herzlich wenig, wenn Mario Götze der Mittelstürmer ist.

Polen wird schon bei den ersten Pässen auf die Außenbahn lauern und versuchen, die Zuspiele abzufangen. Denn sowohl die beiden Stürmer, als auch der größere Teil der restlichen Mannschaft kann rasch Fahrt aufnehmen.

Über die rechte Seite stößt beispielsweise BVB-Rechtsverteidiger Lukasz Piszczek unablässig nach vorn. Der 31-Jährige unterstützt auf diesem Flügel in Jakub Blaszczykowski einen langjährigen Vereinskollegen. Über links attackiert entweder der quirlige Jungstar Bartosz Kapustka oder Rennes-Profi Kamil Grosicki.

Neue Ausrichtung von Thomas Müller und Co.?

Doch die polnische Mannschaft kann nicht nur im offensiven Umschaltspiel für Deutschland gefährlich werden. In der ersten Gruppenpartie offenbarte die DFB-Auswahl einige Schwächen beim Verteidigen der eigenen Flügel. Die Ukrainer brachen mehrfach außen durch und beförderten den Ball gefährlich vor Manuel Neuers Gehäuse.

Auf eine Fünferkette, um die Seiten besser zu sichern, wird Löw wohl verzichten. Die beiden offensiven Außenspieler, zuletzt Thomas Müller und Julian Draxler, müssten also stärker nach hinten arbeiten, damit beide Außenverteidiger mehr Unterstützung erfahren. Aber: Das würde sie teilweise ihrer offensiven Stärken berauben.

Also heißen die Schlüsselbegriffe für das Polen-Spiel: Pressing und Gegenpressing. Beides funktionierte gegen die Ukraine noch nicht zu Löws vollster Zufriedenheit. Gerade im Gegenpressing ließ sich die Mannschaft mehrfach überspielen, was erst recht Lücken vor der eigenen Abwehr erzeugte.

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Das deutsche Pressing war im ersten Spiel solide und erzwang einige lange Schläge der Ukrainer. Für Grzegorz Krychowiak könnte Löw zudem einen direkten Bewacher abstellen. Nahezu jeder Angriff läuft über den 26-Jährigen, sodass dessen Wirkungskreis eingegrenzt werden muss.

Setzt Joachim Löw auf hohes Pressing?

Löw ist allerdings nicht dafür bekannt, in Turniersituationen auf allzu aggressives Pressing zu setzen. Denn allein ein Manndecker gegen Krychowiak genügt nicht. Weitere Deutsche müssten mit nach vorn rücken und Risiko gehen.

Alternativ könnte der Bundestrainer seinen Spielern anordnen, die Passwege des polnischen Spielmachers zu bewachen. Somit würde die DFB-Elf eine kompakte Formation bewahren und gleichzeitig gegen die Anspiele Krychowiaks gewappnet sein.

Kann Polen - ob nun aus dem eigenen Aufbau oder nach Ballgewinnen - beschleunigen, wird es schwer für die deutsche Defensive. Können Löws Spieler diese Szenen unterbinden und gleichzeitig den Ball ruhig laufen lassen, sollte Deutschland auch die zweite Gruppenpartie siegreich gestalten.

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