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FBL-EURO-2016-MATCH18-GER-POL
Jerome Boateng (M.) hat nach dem schwachen Auftritt gegen Polen Klartext gesprochen © Getty Images

Evian-les-Bains - Fehlen der deutschen Nationalelf die Typen von einst? Wer sind die Führungsspieler der heutigen Mannschaft? SPORT1 erklärt die Hierarchie im DFB-Team.

Vor zehn Jahren noch war die Sache klar: Es gab einen "Capitano" Michael Ballack, es gab Alphatiere wie Oliver Kahn, Jens Lehmann oder Torsten Frings. Sie hatten das Sagen in der Nationalmannschaft, die anderen ordneten sich unter.

Das war noch unter Jürgen Klinsmann so, und auch in Joachim Löws Anfangsphase als Bundestrainer. Doch die Zeiten haben sich geändert.

Jerome Boateng ist bei der EM der Inbegriff eines Führungsspielers. Der nach außen hin zurückhaltende Innenverteidiger überzeugt auf dem Rasen, neben dem Platz findet er den richtigen Ton.

Nach dem 0:0 gegen Polen kritisierte er die Leistung der Offensive und traf genau den Punkt. "Ich fand es gut, dass er nach dem Spiel die Dinge so klar angesprochen hat", sagte Löw.

Boatengs Kritik zeige, "dass etwas passieren muss. Und wenn man die Öffentlichkeit nutzt, ist das eigentlich ein Zeichen dafür, dass es intern viel zu ruhig ist", sagte Steffen Freund im Volkswagen Doppelpass.

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Fehlen der Nationalelf die Typen? Wer sind die Führungsspieler? SPORT1 erklärt die Hierarchie im DFB-Team.

- KAPITÄN(E):

Bastian Schweinsteiger wurde nach der WM 2014 von Löw zum Kapitän ernannt. "Bastian ist ein absoluter Leader, auf und neben dem Platz", hatte Löw im September 2014 erklärt.

Schweinsteiger sei "der legitime Nachfolger von Philipp Lahm und wird ein großer und würdiger Kapitän sein."

Doch Schweinsteiger war seit der WM häufig verletzt, bei der EM ist er nur Ersatzspieler. Dennoch ist Löws wichtigste Bezugsperson, er zieht ihn auch in taktischen Dingen zu Rate.

Kapitän war in beiden EM-Spielen Neuer – auch nach Schweinsteigers Einwechslung beim 2:0 gegen die Ukraine.

In der EM-Vorbereitung trugen auch Sami Khedira, Mats Hummels und Boateng die Binde.

- ANFÜHRER:

Ex-Bundestrainer Klinsmann erklärte zur von Ballack erneut losgetretenen Führungsspieler-Diskussion auf SPORT1-Nachfrage: "Ich bin mir sicher, dass wir einige in der Gruppe haben, die Erfahrung haben und dafür sorgen, dass es die richtige Entwicklung nimmt."

Auch Khedira fand deutliche Worte. "Dass man bei so vielen Persönlichkeiten, die führen wollen und führen können, eine Führungsspieler-Debatte anfängt, ist ja Comedy", sagte er dem kicker.

Khedira bildet mit Schweinsteiger, Neuer, Hummels und Thomas Müller den Spielerrat. Boateng gehört zwar nicht dazu, er war aber schon bei der WM ein absoluter Leistungsträger.

Schweinsteiger, Hummels und Khedira hatten viel mit sich selbst zu tun, weil sie durch Verletzungen zurückgeworfen wurden. Sie können die Mannschaft nicht mitreißen.

So rutschte Boateng, der nach seiner langen Pause rechtzeitig fit war, immer mehr in eine Führungsposition.

Müller ist Führungsspieler und Wortführer. Seine lockere Art täuscht manchmal etwas darüber hinweg. Er ist auch jemand, der die jungen Spieler an die Hand nimmt. Doch Müller steckt in einer Formkrise.

Toni Kroos bringt alles mit. Er ist der Denker und Lenker auf dem Rasen, Weltmeister, zweimaliger Champions-League-Sieger und Deutscher Meister. Er muss niemandem mehr etwas beweisen. Als Wortführer hat er zwar einen großen Schritt gemacht, aber seine Führungsqualitäten sind ausbaufähig.

- WELTMEISTER IN REIHE ZWEI:

Mesut Özil, Mario Götze, Benedikt Höwedes und Andre Schürrle sind zwar Weltmeister, gehören aber nicht zur Führungsriege.

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Özil findet nicht zu der Form, die er beim FC Arsenal hatte, er ist auch kein Freund großer Worte. Götze hat eine schwierige Saison beim FC Bayern hinter sich, Höwedes musste sich erst wieder heran kämpfen und Schürrle ist der Schritt zum Stammspieler noch nicht gelungen.

- DER STIMMUNGSMACHER:

Lukas Podolski hat zwar die meisten Länderspieleinsätze, ist aber nur noch dritte Wahl. Er ist jedoch wichtig für die Stimmung und keinesfalls nur ein Maskottchen.

Auch wenn seine Aussagen oft flapsig wirken, bringt er die Dinge immer wieder auf den Punkt. Seine Pressekonferenz in Evian zum Thema "Löws Hosen-Gate" war ein Meilenstein in Sachen Stimmung.

Auch für die Journalisten.

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- DER GELASSENE:

Mario Gomez spielt seine dritte EM, kann die siebtmeisten Länderspiele vorweisen – doch der 30-Jährige muss sich mit dem Reservistendasein zufriedengeben.

Gomez musste viele Rückschläge einstecken und hat aus Fehlern gelernt. Er hat seinen Frieden mit sich und seiner Rolle gefunden.

- AUF DEM SPRUNG:

Shkodran Mustafi und Julian Draxler wurden Weltmeister und haben bei der EM schon Einsätze in der Startelf vorzuweisen. Mustafi musste seinen Platz für Hummels räumen, Draxler muss um seinen Platz kämpfen.

Beide sind noch jung (Mustafi 24, Draxler 22), genießen aber Löws Vertrauen. Mustafi ist ein verlässlicher und loyaler Spieler, Draxler vielleicht ein Führungsspieler der Zukunft.

- LEHRLINGE:

Für Jonas Hector ist die EM das erste große Turnier. Er ist bisher Stammspieler, auch weil es auf seiner Position keine echten Alternativen im EM-Kader gibt. Emre Can ist Leistungsträger beim FC Liverpool und war Kapitän der U21-Auswahl, in Löws Team ist er aber nur ein Mitläufer.

Neben den Ersatztorhütern Marc-Andre ter Stegen und Bernd Leno sind auch Joshua Kimmich, Leroy Sane, Julian Weigl und Jonathan Tah in erster Linie zum Lernen bei der EM.

- Fazit:

Einen Leitwolf oder einen Capitano gibt es nicht mehr. Doch von den Führungsspielern kann man mehr erwarten.

Ein Boateng ist nicht genug.

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