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Evian-les-Bains - Sein Umgang mit der Verletzungsmisere zeigt, wie sehr Joachim Löw vom Visionär zum Realisten geworden ist. Das muss für die EM nichts Schlechtes heißen.

Joachim Löw hat es nicht leicht.

Ilkay Gündogan meldete sich schon lange vor dem Trainingslager in Ascona verletzt ab, in der Schweiz musste der Bundestrainer Marco Reus nach Hause schicken.

Und im EM-Quartier in Evian-les-Bains riss nur etwas mehr als zwei Stunden nach der Ankunft bei Antonio Rüdiger das Kreuzband.

Drei Ausfälle, dazu der noch nicht ganz fitte Bastian Schweinsteiger und der angeschlagene Mats Hummels - Löw hätte allen Grund gehabt zu klagen. Doch das tat er nicht.

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Löw: "Werden nicht jammern"

"Es tut mir sehr leid für Antonio Rüdiger, er hat sehr hart an sich gearbeitet und war in beeindruckender Form. Aber wir werden nicht jammern, sondern das Beste aus der Situation machen", meinte Löw und sprach über die Aussichten bei der EM.

"Wir schrauben unsere Zielsetzung nicht zurück", sagte er mit einer Mischung aus Trotz und dem Wissen, dass er in der Lage ist, schwierige Situationen zu meistern.

Jochen Stutzky (l.) und Thorsten Mesch berichten bei der EM 2016 für SPORT1 vom deutschen Team
Jochen Stutzky (l.) und Thorsten Mesch berichten vom DFB-Team für SPORT1 © SPORT1 Grafik: Paul Haenel

Seine Gelassenheit überträgt sich auch auf die Mannschaft, wie Benedikt Höwedes bei einer Medienrunde kurz vor dem EM-Auftakt bestätigt. "In seinen Ansagen ist er sehr genau und direkt und gibt einen guten Plan vor", sagt der Schalker über den Bundestrainer. 

Zur Nachnominierung von Jonathan Tah erklärte Löw, er habe "eine Eins-zu-eins-Lösung" schaffen wollen. Wie ein Mechaniker, der ein Teil eines Motors austauscht. Wichtig ist, dass der Wagen am Ende wieder läuft.

Bei der WM vor zwei Jahren wählte Löw keine Eins-zu-eins-Lösung, als sich der damals beste deutsche Spieler am Tag vor dem Abflug zur WM verletzte. Er ersetzte Marco Reus durch Shkodran Mustafi, einen Abwehrspieler, der dann sogar dreimal zum Einsatz kam. 

Vier Innenverteidiger in einer Kette

In Brasilien verabschiedete sich Löw von seinen Idealvorstellungen und baute seine Viererkette aus vier Innenverteidigern zusammen. Bei der Hitze könne man schließlich nicht die ganze Zeit die Seitenlinie rauf und runter laufen.

Löws Entscheidungen sind manchmal überraschend, doch wenn am Ende der Titel steht, hat ein Trainer alles richtig gemacht.

So wie bei Bastian Schweinsteiger, der angeschlagen in die WM-Vorbereitung ging und im Finale einer der Helden war.

Auch vor dem Start der EM am Sonntag gegen die Ukraine (ab 20.30 Uhr LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER) ist Schweinsteiger nicht fit, doch Löw braucht ihn genauso wie Hummels. Der Bundestrainer weiß, dass die Mannschaft in der zweiten Phase des Turniers erfahrene Führungsspieler benötigt. Und er weiß, auf wen er sich verlassen kann.

Lehren aus der EM 2012

Lukas Podolski hätte er aber dieses Mal wohl kaum mitgenommen, wenn der in der Türkei nicht regelmäßig zum Einsatz gekommen wäre. Podolski ist wichtig für die Stimmung in der Mannschaft und ein möglicher Joker, ein Kandidat für die Startelf ist er aber nicht mehr.

Vor vier Jahren im EM-Halbfinale stand Podolski gegen Italien in der Anfangsformation, obwohl Reus im Viertelfinale gegen Griechenland überragend gespielt hatte.

"Wir richten uns nicht nach dem Gegner", hatte Löw damals vor dem Spiel erklärt - und dann doch genau das getan.

Löw hat aus seinen Fehlern gelernt, das hat er schon bei der WM bewiesen. Er hat auch gelernt, mit Rückschlägen umzugehen. Auch wenn die Lösung nicht immer sofort zu finden ist, jammert er nicht. Er dreht an einer Schraube - und der Motor läuft weiter.

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