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SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein beleuchtet die Trainersuche beim englischen Nationalteam © SPORT1-Grafik/Getty Images

SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein nimmt die Folgen von Englands EM-Debakel unter die Lupe. Er sieht Probleme in der Trainerausbildung und beim Umgang mit Talenten.

"Ich weiß nicht, was ich hier mache", sagte Roy Hodgson zu Beginn seiner Abschiedspressekonferenz in Chantilly am Dienstagnachmittag. Hatte je ein Trainer seine Amtszeit besser zusammengefasst?

Hodgson war vom englischen Fußballverband FA gezwungen worden, vor der Rückreise auf die Insel ein letztes Mal zum Island-Desaster von Nizza Stellung zu nehmen.

Der 68-Jährige kam dem Befehl äußerst ungern nach, "wie ein widerwilliger Opa, der von der Familie gezwungen wird, zur Taufe zu erscheinen, obwohl gerade seine Lieblings-Quizsendung im Fernsehen läuft", wie die Times beobachtete.

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Hodgson fühlte sich nach seinem Rücktritt 20 Minuten nach Spielende in Nizza nicht mehr zuständig für den von ihm hinterlassenen Trümmerhaufen, Antworten auf die großen Fragen ("Warum spielen die Spieler in der Nationalmannschaft nicht so gut wie in den Vereinen?", "Warum kommen sie nicht mit dem Druck zurecht?") blieb er im Glaskasten des englischen Medienzentrums schuldig.

Hodgson hatte die nach dem Rassismus-Skandal um Kapitän John Terry zerstrittene Mannschaft vor vier Jahren übernommen und mit defensiver Kontertaktik eine akzeptable EM in Polen und der Ukraine gespielt. Um aus den vermehrt nachkommenden Offensiv-Talenten eine funktionierende Mannschaft zu machen, fehlten ihm jedoch das taktische Know-how sowie die besondere Aura eines Top-Trainers.

Übergroßes psychologisches Geschick im Umgang mit der fragilen Psyche seiner Schützlinge konnte man ihm auch nicht nachsagen.

Das komplexe Anforderungsprofil macht die Suche nach einem Nachfolger sehr schwierig. Gareth Southgate, der U21-Coach, soll die Truppe als Interimstrainer übernehmen, steht aber nach englischen Medienberichten wohl nicht zur Verfügung. Im Gespräch sind (mal wieder) ausländische Kandidaten wie Arsene Wenger (ab 2017), Slaven Bilic (West Ham) und auch Jürgen Klinsmann.

Einen Engländer, der ernsthaft in Frage käme, hat die englische Liga nicht zu bieten, denn die Spitzenpositionen sind allesamt mit importierten Koryphäen besetzt.

Im FA-Campus St. George's Park wird an der besseren Ausbildung der Trainer gearbeitet, um das über Jahrzehnte angewachsene Kompetenz-Defizit auf den Bänken auszugleichen. Aber bis das Früchte trägt, gehen noch ein paar Jahre ins Land.

Der englische Fußball hat sein Talentförderungsprogramm kürzlich reformiert, technisch gute Kicker werden mittlerweile produziert. Die Frage ist, inwieweit diese in der Premier League eine Chance bekommen. Trainer wie Tottenhams Mauricio Pochettino, die gezielt auf den eigenen Nachwuchs setzen, sind in der Unterzahl.

Der Trend geht eher in die andere Richtung: Dank des neuen TV-Vertrags (3,3 Milliarden Euro jährlich) kann sich jeder Mittelklasseklub internationale Könner leisten. Der (mögliche) Austritt der Briten aus der EU wird an dieser Dynamik in den kommenden Jahren nichts Wesentliches ändern.

Das viele Geld schadet indirekt auch den wenigen Einheimischen, die es schaffen, sich als Profis zu etablieren. Sie werden von Anfang an überbezahlt, haben mit Anfang 20 schon für den Rest des Lebens ausgesorgt.

Es gibt quasi keinen Zusammenhang mehr zwischen Erfolg und materiellem Gewinn. Für die sportliche Karriere und Persönlichkeitsentwicklung ist das eindeutig kontraproduktiv.

Dazu kommt, dass der englische Fußball seine Spieler gezielt zur Unmündigkeit erzieht. Sie sollen am besten gar nichts sagen und nur ans Kicken denken.

Das geht in den Vereinen noch einigermaßen gut, weil die Spieler dort meist konkrete Anweisungen bekommen, führt aber in der Nationalmannschaft, wo zwangsläufig mehr improvisiert wird und geistige Flexibilität gefragt ist, regelmäßig zum Zusammenbruch. 

Immerhin soll es bald endlich die lange geforderte Winterpause in der Liga geben, im Januar. Müdigkeit fällt dann als Ausrede weg. Die anderen Probleme bleiben.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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