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Austria v Hungary - Group F: UEFA Euro 2016
Bernd Storck (M.) und Andreas Möller (o.) betreuen die ungarische Nationalmannschaft seit Herbst 2015 © Getty Images

Bordeaux - Die Ungarn legen im Nachbarschaftsduell die Österreicher aufs Kreuz. Entscheidenden Anteil am prestigeträchtigen 2:0 hat das deutsche Trainergespann mit Bernd Storck und Andreas Möller.

Gleich mehrfach wischte sich Bernd Storck im fensterlosen Presseraum des Stade Matmut Atlantique von Bordeaux die Schweißperlen von der Stirn.

So viel Scheinwerferlicht ist der Nationaltrainer von Ungarn nicht gewohnt wie an diesem betörenden Dienstagabend, der auch den 53-Jährigen sichtlich ergriffen hatte. "Nach 44 Jahren so zurückzukommen, das ist natürlich grandios. Für uns alle ist ein Traum in Erfüllung gegangen."

Deutsches Duo verhilft Ungarn zur Sensation

Seine Mannschaft knüpfte an die ganz großen Zeiten an: Mit dem 2:0-Ausrufezeichen zum EM-Auftakt gegen den viel höher gehandelten Nachbarn Österreich hat der Underdog für eine Sensation gesorgt.

Die 137. Auflage des geschichtsträchtigen Klassikers der einst in einer Doppelmonarchie vereinten Länder geriet zur Demonstration der Stärke – vor allem für das deutsche Trainergespann. Denn der auf Anraten von Vorgänger Pal Dardai vom Sportdirektor zum Cheftrainer beförderte Storck wird ja von Andreas Möller unterstützt.

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"Es hat alles gepasst"

Der SPORT1-Experte hat mit Storck einst bei Borussia Dortmund zusammengespielt. "Unsere Mannschaft hat sehr viel Herz und Leidenschaft gezeigt. Und wir haben die Kreise der österreichischen Individualisten eingeengt. Die Gelb-Rote Karte hat uns natürlich geholfen, es hat alles gepasst", sagte Möller hinterher.

Der 48-jährige Hesse hatte damit gut den unerwarteten Verlauf zusammengefasst: Die Ungarn kämpften nicht nur famos, sie folgten auch einem ausgeklügelten Plan, die Mittelfeldzentrale um Bayern-Star David Alaba und seine Unterstützer Julian Baumgartlinger und den später verletzt ausgewechselten Zlatko Junuzovic (humpelte auf Krücken zum Mannschaftsbus) lahm zu legen.

Möller verzichtet auf Eigenlob

Und natürlich half, dass Schiedsrichter Clement Turpin (Frankreich) genau erkannte, dass sich Aleksandar Dragovic vor dem vermeintlichen Ausgleich von Martin Hinteregger ein böses Foulspiel geleistet hatte, weshalb der Abwehrmann vorzeitig zum Duschen geschickt wurde. Vier Minuten nach dem Führungstor von Adam Szalai (62.).

Seinen eigenen Anteil am Masterplan der Magyaren redete Welt- und Europameister Möller aber klein. "Ich bin hinten dran, die Jungs müssen das umsetzen."

Kleiner Seitenhieb gegen Österreich

Storck konnte sich allerdings einen kleinen Seitenhieb gegen den gefallenen Favoriten nicht verkneifen. "Man muss sich doch nur ansehen, wer in welcher Liga spielt und welche Titel gewonnen hat – dann war die Favoritenrolle ja wohl klar", meinte der ehemalige Bundesligaprofi.

In der Vorbereitung in der Bergwelt des Salzburger Pinzgaus in Leogang hatte Storck teils extrem hart trainiert und sich absichtlich die schweren Testspielgegner Elfenbeinküste und Deutschland ausgesucht – die Ungarn hatten dabei kein Tor erzielt. Nun ging das Team zum richtigen Moment über seine Grenzen, wie Storck erklärte: "Die Spieler sind über sich hinausgewachsen."

Oldie Kiraly: Rückhalt statt Fliegenfänger

Und er verfügt anders als andere Außenseiter über eine echte Nummer eins, die Sicherheit und Ruhe vermittelt: Wie Gabor Kiraly als neuer Alterspräsident aller EM-Teilnehmer – Lothar Matthäus ist sein Prädikat als ältester EM-Spieler aller Zeiten an den 40-jährigen Tormann mit der Schlabberhose los - hielt, nötigte allen Respekt ab.

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Vor allem Storck: "Er ist deswegen bei uns im Tor, weil er gut ist. Für mich ist er international immer noch einer der besten Torleute." Rückhalt statt Fliegenfänger.

Seelenbalsam für Szalai und Stieber

In die vielen schönen Geschichten von Storcks Riesen passt, dass die drei Hauptfiguren allesamt in Deutschland spielen: Neben Mittelstürmer Szalai ("Eines der schönsten Erlebnisse meiner Karriere") trug sich auch Zoltan Stieber beim 2:0 (87.) in die Torschützenliste.

Der eine ist mit Hannover 96 abgestiegen, der andere mit dem 1. FC Nürnberg nicht aufgestiegen, dennoch ließ Storck seine Nationalspieler nie fallen. "Er hat mich häufiger angerufen und mir gesagt, dass er mich braucht", erklärte Stieber gegenüber SPORT1. "Und wenn wir für unser Land berufen werden, ist das ein geiles Gefühl, das gibt noch mehr Kraft."

Storck adelt Kleinheisler

Dritter im Bunde der glücklichen Matchwinner war Laszlo Kleinheisler, der bei Werder Bremen eine ähnlich unbefriedigende Rückrunde erlebte, weil er so wenig Spielzeit erhielt. Nun wurde der 22-jährige Rotschopf zum Spieler des Spiels gewählt, und das nicht nur wegen seiner tollen Vorlage vor dem 1:0. "Er ist ein Riesentalent", sagte Storck, "er wird so oder so seinen Weg in der Bundesliga gehen."

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