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Andreas Möller wurde 1996 mit der deutschen Nationalmannschaft Europameister © SPORT1-Grafik/Getty Images/Imago

Nach dem erfolgreichen Abschneiden mit Ungarn bei der EM spricht Andreas Möller bei SPORT1 Klartext über Joachim Löw, Bastian Schweinsteiger und Jürgen Klinsmann.

Der Erfolg gibt Andreas Möller Recht. Vor der EM noch als Außenseiter belächelt, hat die von Bernd Storck und ihm betreute ungarische Nationalmannschaft in Frankreich mit dem Achtelfinale ein Ausrufezeichen gesetzt.  

Mit etwas Abstand spricht der SPORT1-Experte im Interview über den rauschenden Empfang in Budapest, die Kritik an Bundestrainer Joachim Löw und Jürgen Klinsmann als möglichen englischen Nationaltrainer.

SPORT1: Herr Möller, Ihre Mannschaft hat bei der EM positiv überrascht. Wie ist das in Ungarn angekommen? 

Andreas Möller: In Budapest haben uns 20.000 Menschen empfangen und für die Leistungen euphorisch gefeiert. Es gibt einen Riesen-Hype um die Nationalmannschaft. Das haben sich die Jungs durch das couragierte Auftreten auch verdient. Wir freuen uns, dass sich die harte Arbeit gelohnt hat. Wir sind natürlich bestrebt an den EM-Erfolg anzuknüpfen, aber es wird kein Selbstläufer. Wir sind immer noch ein kleines Fußball-Land. 

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SPORT1: Deutschland kam bis ins Halbfinale. Danach gab es Kritik an Bundestrainer Joachim Löw. Können Sie das nachvollziehen?

Möller: Für mich steht Jogi Löw in keiner Weise in irgendeiner Art von Kritik. Es ist die einzig logische Konsequenz, dass er seinen Vertrag bis 2018 erfüllt. Im Nachhinein ist es immer leichter zu beurteilen, was man hätte besser machen können. Die Kritik an Löw ist mir einfach zu billig. Er leistet hervorragende Arbeit und hat eine fantastische Mannschaft, die bei der EM sehr gut aufgetreten ist. Nur Kleinigkeiten haben den Ausschlag gegeben, dass es nicht noch erfolgreicher ausgegangen ist. Natürlich hat in Sachen Effektivität und beim Torabschluss etwas gegenüber 2014 gefehlt, aber in taktischer Hinsicht hat die Mannschaft überzeugt.

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SPORT1: Hat Deutschland ein Stürmer-Problem?

Möller: Es ist klar, dass in der Analyse jetzt festgestellt wird, dass ein Spielertyp wie Miroslav Klose gefehlt hat. Natürlich wäre ein 28 Jahre alter Klose das i-Tüpfelchen für dieses Team gewesen. Aber er ist nun mal nicht mehr dabei. Solche Spieler kann man nicht züchten. Sie werden geboren oder nicht. Im vorderen Bereich hat Deutschland aber weiterhin gute Möglichkeiten. Ein Marco Reus wäre ein wichtiger Spieler bei der EM gewesen. Er hat einen fantastischen Abschluss und ist vor dem Tor eiskalt. Er hat gefehlt.

SPORT1: Was sagen Sie zu Thomas Müller und Mario Gomez?

Möller: Müller kam nicht so zur Geltung, vielleicht aus Form-, vielleicht aus mentalen Gründen. Gomez war verletzt. Es sind viele Kleinigkeiten, die nicht in dieses Puzzle gepasst haben, wie eben Verletzungen. Um ganz erfolgreich zu sein, muss sich alles fügen. Das war leider nicht der Fall.

SPORT1: Ein Mosaiksteinchen für den Erfolg kann die Auswahl des Mannschaftsquartiers sein. Auch da gab es leichte Kritik, weil das deutsche Quartier zu weit vom Flughafen entfernt gewesen sei. Manchmal sei die Mannschaft erst in der Früh heimgekommen. 

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Möller: Der DFB hat sicher mit großer Sorgfalt und mit viel Berechnung dieses Quartier ausgesucht. Die Bedingungen für ein erfolgreiches Turnier waren optimal. Daher sehe ich das nicht so. Bei uns kam es auch vor, dass wir aufgrund von Nachtflügen erst in der Nacht um drei, vier Uhr im Hotel ankamen. Das ist für mich kein Kritikpunkt.

SPORT1: Wie sehen Sie Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski, sollten beide abtreten?

Möller: Sie sind verdiente Spieler des DFB. Man sollte ihnen aus Respekt und Anstand nicht vorgreifen. Beide haben aufgrund ihrer Karriere diesen Respekt verdient. Da werden die richtigen Entscheidungen getroffen. Denn ein Spieler spürt ganz genau, wann er nicht mehr bereit steht.

SPORT1: Ist Podolski nur noch für die gute Stimmung im Team zuständig?

Möller: Das kann ich schwer einschätzen. Natürlich wird sich Lukas Podolski Gedanken machen, nachdem er bei der EM nur einen Kurzeinsatz hatte. 

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SPORT1: Mit Jürgen Klinsmann wird ein weiterer früherer Mitspieler von Ihnen als Kandidat für den Nationaltrainerjob von England gehandelt. Wäre er die richtige Wahl?

Möller: Wenn die Engländer schlau sind, dann holen sie Klinsmann. Die englische Nationalelf rutscht seit Jahren von einem Misserfolg in den nächsten und jemand von außen mit einem anderen Blickwinkel, mit einer anderen Philosophie und Trainingssteuerung könnte sicher helfen. Jürgen ist sehr revolutionär und er würde dem englischen Verband gut tun. Da steckt eine Menge Motivation dahinter. Es wäre ein Projekt, bei dem die Engländer keinen Fehler machen können.

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