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Bundestrainer Joachim Löw (M.) musste den verletzten Mario Gomez gegen Italien vom Feld nehmen © Getty Images

Evian-les-Bains - Das DFB-Team plagt sich nach dem Sieg im Krimi gegen Italien mit großen Verletzungssorgen. Mehmet Scholl sorgt für zusätzliche Unruhe. Wie reagiert der Bundestrainer?

Dem goldenen Samstag folgte der schwarze Sonntag: Nur einen Tag nach dem epischen Viertelfinal-Sieg gegen Italien lag über der Freude über den Einzug ins EM-Halbfinale ein dunkler Schatten.

Während sich seine Teamkollegen im Strandbad in Evian beim Beachvolleyball entspannten, kam für Mario Gomez das EM-Aus.

Doch das war nicht alles: Sami Khedira fehlt mindestens im Halbfinale, und auch Bastian Schweinsteiger droht das Spiel gegen Frankreich am Donnerstag zu verpassen.

Joachim Löw muss im schlimmsten Fall vier Spieler ersetzen, denn Mats Hummels ist wegen seiner Gelbsperre zum Zuschauen verdammt.

Die Personalsorgen haben die Diskussion um die Dreierkette und die Fehlschüsse im Elfmeterschießen gegen Italien in den Hintergrund gerückt.

Wer ersetzt gegen Frankreich die Verletzten? Wer verteidigt für Hummels? Welche Taktik lässt der Bundestrainer spielen? Hatte Mehmet Scholl recht mit seiner Kritik? Wer würde die nächsten Elfmeter schießen?

Vielleicht liefert Löw am Montag auf der Pressekonferenz (ab 10.30 Uhr im LIVESTREAM) erste Antworten.

SPORT1 beantwortet vorab schon einmal die wichtigsten Fragen vor dem Halbfinale:

- Wer fällt im Halbfinale gegen Frankreich aus?

Für Gomez ist die EM beendet, Hummels ist gesperrt. Khedira wird das Halbfinale wegen seiner Adduktorenverletzung sicher verpassen - was Löw am Montag offiziell bestätigte - und wahrscheinlich auch im möglichen Endspiel fehlen.

Schweinsteiger absolvierte 75 Minuten und die Verlängerung ohne erkennbare Mühe. Der Kapitän schien fit zu sein. Doch wieder macht sein Knie Probleme. Hinter seinem Einsatz steht ein großes Fragezeichen.

Jerome Boatengs Wade hält, das hat das Spiel gegen Italien gezeigt.

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- Wie kompensiert Joachim Löw die Ausfälle?

Thomas Müller blieb nach Gomez' Auswechslung gegen Italien im Sturmzentrum glücklos. Für Gomez könnte Mario Götze in die Startelf zurückkehren und, wie gegen die Ukraine, im Angriff beginnen.

Für Hummels wird wahrscheinlich Shkodran Mustafi in der Innenverteidigung spielen. Der 24-Jährige hatte Hummels bereits im ersten Gruppenspiel gegen die Ukraine ersetzt, gut gespielt und das 1:0 erzielt.

Für Khedira könnte Joshua Kimmich ins defensive Mittelfeld rücken. Es wäre auch denkbar, dass Mesut Özil von der Zehnerposition nach hinten beordert wird. Die dritte Variante wäre Emre Can, der beim FC Liverpool auf der Sechs spielt, oder Julian Weigl, der in Dortmund auf der Position eine herausragende Saison hinter sich hat.

Sollte auch Schweinsteiger ausfallen, dürfte einer von beiden seinen Platz sicher haben.

- Kritik an Dreierkette: Hat Mehmet Scholl recht?

Löw stellte seine erfolgreiche Taktik um, ließ mit Dreierkette spielen und nahm dafür den im Achtelfinale überragenden Julian Draxler aus der Mannschaft. Ex-Nationalspieler Mehmet Scholl übte harte Kritik, Deutschland habe sich zu sehr nach dem Gegner gerichtet und Löw habe sich von DFB-Chefscout Urs Siegenthaler beeinflussen lassen.

"Man kann es auch anders sehen", sagte Marcell Jansen im EM Doppelpass bei SPORT1. "Es wird in Deutschland immer negativ gesehen, wenn man sich auf den  Gegner einstellt, aber es ist doch keine Schwäche. Wir haben uns nicht nach dem Gegner gerichtet", findet der Ex-Nationalspieler.

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Thomas Strunz glaubt hingegen, Löw habe "nicht das richtige Signal gesetzt." Das DFB-Team sei in der Offensive nicht mehr flexibel genug gewesen, sagte der SPORT1-Experte. Durch die Hereinnahme von Höwedes für Draxler habe die Mannschaft viel von ihrer Offensivstärke verloren.

Höwedes selbst sah es positiv: "Dadurch, dass wir drei hinten hatten, konnten wir die Bälle super offensiv verteidigen", sagte der Schalker. So kamen die Italiener im Angriff kaum zum Zuge.

Fazit: Beim Thema Abwehrkette gibt es kein allgemeingültiges Urteil. Die Dreierkette hat Vor- und Nachteile - je nach Gegner. Löw wollte den Italienern ihre Stärken nehmen. Das ist gelungen. Dafür nahm er eine Schwächung der Offensive in Kauf. Der Erfolg gab ihm recht.

Hätte Mario Gomez bei seiner Großchance das 2:0 erzielt und Deutschland nach 90 Minuten gewonnen, gäbe es die Diskussion in dieser Form vermutlich nicht.

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- Was sagt der DFB zu Scholls Kritik?

Der DFB ärgerte sich über die Art und Weise der Kritik. Scholl habe "irgendwie den gesamten Trainerstab angegriffen", sagte Teammanager Oliver Bierhoff. "Jogi ist ein Taktik-Fuchs, er bespricht sich mit seinen Experten, seinen Co-Trainern, seinen Scouts. Da sind viele Experten, die hier gute Arbeit machen", erklärte Bierhoff.

- Spielt Deutschland im Halbfinale wieder mit Dreierkette?

Eher nein. Löw wird mit großer Wahrscheinlichkeit wieder zur Viererkette zurückkehren. Hummels fehlt als ein wichtiger Bestandteil der Dreierkette, und eine Formation aus Boateng, Höwedes und Mustafi ist nicht eingespielt. Die Franzosen spielen mit Olivier Giroud (zweifacher Torschütze beim 5:2 gegen Island) im Sturmzentrum und dem torgefährlichen Antoine Griezmann (ein Tor gegen Island, vier Treffer insgesamt) auf dem Flügel. Anders als die Italiener, die es fast immer durch die Mitte versuchten.

- Sind weitere Änderungen zu erwarten?

Wieder nein. Müller leistet wichtige Arbeit für die Mannschaft. Abzuwarten bleibt, ob der Bundestrainer den Mut hat, neue Impulse zu setzen. Leroy Sane könnte für Müller auf der rechten Seite spielen, wenn der Münchner ins Zentrum rückt. Andre Schürrle hat seine Chancen bisher nicht genutzt, er könnte aber als Joker kommen.

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- Wie ist die Bilanz gegen Frankreich?

Negativ: Neun Siegen und sechs Unentschieden stehen zwölf Niederlagen gegenüber.

- Wie oft stand Deutschland in einem EM-Halbfinale?

Neun Mal stand Deutschland unter den letzten Vieren. 1980 gab es kein Halbfinale, Deutschland wurde aber Europameister.

- Wie lautet Deutschlands Halbfinal-Bilanz gegen Gastgeber?

Sieben Mal stand ein DFB-Team bei einem großen Turnier (EM + WM) gegen den Gastgeber im Halbfinale, nur 1958 in Schweden verlor Deutschland.

- Wer schießt den nächsten Elfmeter?

Müller und Özil haben im Elfmeterschießen nicht getroffen, Özil scheiterte im Achtelfinale gegen die Slowakei. Toni Kroos schoss gegen Italien als Erster und verwandelte sicher. Er ist der Chef im Mittelfeld und übernimmt Verantwortung. Kroos könnte der nächste Schütze sein.

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