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Taktikfüchse wie Antonio Conte (M.) und Umschaltexperten wie Renato Sanches (l.) und Moussa Sissoko haben der EM ihren Stempel aufgedrückt © SPORT1-Grafik: Philipp Heinemann/Getty Images/Imago

München - Viele Fans stöhnten über das Niveau der Spiele bei der EM 2016 in Frankreich. Taktik-Fanatiker kamen dagegen auf ihre Kosten. SPORT1 beleuchtet die Trends des Turniers.

Internationale Turniere fungieren selten als Trendsetter im Fußball. Vielmehr spiegeln sie entweder die aktuellen Entwicklungen wider oder machen deutlich, dass Nationalteams taktisch nicht derart ausgeklügelt agieren können wie Vereinsmannschaften. Die EM 2016 unterstrich beide Aspekte.

Insgesamt verliefen die vier Wochen in Frankreich für viele Fans ernüchternd. Zahlreiche Spiele waren von Teams geprägt, die vor allem auf defensive Stabilität Wert legten. Was in der Gruppenphase noch mit dem neuen Turniermodus begründet werden konnte, änderte sich aber auch anschließend nicht.

Der nun amtierende Europameister Portugal zeigte vornehmlich mediokre Leistungen, stand aber zugleich stellvertretend für einige Trends bei dieser EM.

- Manndeckung als Stilmittel

Die Mannschaft von Trainer Fernando Santos setzte insbesondere nach dem 3:3 gegen Ungarn am letzten Gruppenspieltag auf eine vornehmlich defensive Strategie. Wahlweise im 4-3-3 oder 4-4-2 manndeckten die Portugiesen ihre Gegner eng und gaben damit ihre Flexibilität im Pressing auf.

Doch sie waren damit nicht allein. Die Mehrheit der teilnehmenden Teams orientierte sich in der Defensive vorrangig an den Gegenspielern und opferte eine effektive Raumaufteilung.

Gegen qualitativ durchschnittliche Gegner kann diese Strategie gewiss funktionieren. Aber sobald starke Individualisten auf manndeckende Teams treffen, geht dieser Versuch nach hinten los. Auch deshalb gab es bei der EM zahlreiche Offensivspezialisten, die sich ins Rampenlicht spielten. Die Gareth Bales und Cristiano Ronaldos befreiten sich zum Teil mit Leichtigkeit aus der Umklammerung.

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Nur wenige Trainer setzten auf eine mannorientierte Zonenverteidigung, die insgesamt eine bessere Raumaufteilung erlaubt und variabler auf etwaige taktische Umstellungen des Gegners anpassbar ist.

- Verwaiste Räume und klaffende Lücken

Doch insgesamt hatten nicht wenige Mannschaften defensiv wie offensiv Probleme, die passende Raumaufteilung zu finden und effektive Staffelungen zu nutzen. Gerade aus dem eigenen Spielaufbau heraus klafften selbst bei ambitionierten Teams wie etwa Belgien oder Kroatien große Löcher.

Die Verbindungen zwischen den einzelnen Spielern konnte leicht unterbrochen werden. Dreiecksbildungen oder Überladungen einzelner Zonen blieben in vielen Partien die Ausnahme.

Die Folgen waren unvermeidlich. Gute Verteidigungen konnten einzelne Akteure isolieren und weite Passwege belauern. Auf der anderen Seite wurden die Bälle nach vorn geschlagen oder man wählte den Weg über die Außenbahn. Flanken waren ebenso ein Stilmittel dieser Europameisterschaft. 28 Hereingaben führten zu Treffern. Hunderte versandeten im Nichts.

- Die Problemzone des Fußballs

Am Ende jedes Angriffs steht normalerweise der Mittelstürmer. Doch dieser durchlebt im Moment eine schwierige Phase. Und die EM half keineswegs, den Mittelstürmer aus seiner Krise zu befreien. Ganz im Gegenteil: Die zentralen Angreifer standen oftmals auch im Zentrum der Kritik.

Bei Mannschaften wie Polen oder Portugal füllten sie eine der wichtigsten Schlüsselrollen im System aus. Kroatien, Schweiz oder Russland hingegen behandelten ihre Neuner vornehmlich als vom Rest des Teams abgetrennten Teil, der in erster Linie lange Bälle empfangen soll. 

Andere Trainer hingegen wussten zu Beginn des Turniers noch nicht, welcher Mittelstürmertyp eigentlich zum eigenen System am besten passen würde.

Ein bekanntes Beispiel ist dabei Deutschland. Joachim Löw versuchte es zunächst mit Mario Götze, sattelte aber nach zwei mäßigen Versuchen auf Mario Gomez um. Der bullige Neuner überzeugte gerade gegen Italien – und das eben nicht nur mit seiner Physis. Gomez präsentierte sich als kompletter Angreifer, der auch außerhalb der Komfortzone am Kombinationsspiel teilnehmen kann.

Nur von dieser Sorte an Angreifern gibt es im Moment lediglich sehr wenige. Neben Gomez könnte man noch Robert Lewandowski, Cristiano Ronaldo, Olivier Giroud und Alvaro Morata nennen. Alle anderen zeigten sich auf die eine oder andere Weise limitiert.

- Warten auf den Konter

Dass die Mittelstürmer überhaupt so stark im Fokus stehen, hängt nicht nur von ihrer prominenten Rolle in einer Elf ab. Die vielen Konterteams sind geradezu abhängig von einem Neuner, der sich in Unterzahl am Ball behaupten kann, aber gleichzeitig im gegnerischen Strafraum für Gefahr am Boden wie in der Luft sorgt.

Der Mangel an konstruktivem Ballbesitzfußball stach beim Turnier in Frankreich einmal mehr ins Auge. Viele Trainer trauten sich nicht, ihren Mannschaften ein durchdachtes Konzept für den Spielaufbau an die Hand zu geben, oder sie trauten es ihren Spielern schlichtweg nicht zu, den Ball kontrolliert zirkulieren zu lassen. Das Ergebnis waren Partien, in denen ihre Teams wie Konterboxer auf den einen entscheidenden Schlag warteten.

Die Anzahl an Ballbesitzteams war äußerst überschaubar. England brillierte nur zu Beginn des Turniers. Spanien setzte auf die altbewährte Strategie, war aber im Spielaufbau lange nicht so ballsicher wie noch in der Vergangenheit. Deutschland als Vorreiter scheiterte gegen Frankreich.

Selbst der Gastgeber fühlte sich in einer abwartenden Rolle wohl, was Didier Deschamps bereits vor der EM deutlich machte und was im Halbfinalspiel gegen die Deutschen eindrucksvoll untermauert wurde. Es ist insofern auch nicht verwunderlich, dass sich zwei Konterteams am Sonntagabend im Endspiel gegenüberstanden.

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